ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2006Diagnostik von Demenzerkrankungen: Schlusswort
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LNSLNS Auf dem Gebiet der Demenzdiagnostik, die nach weitreichenden Aufklärungen der zugrunde liegenden Pathologien, insbesondere der Alzheimer-Demenz, großes Interesse vieler Forschungsgruppen weltweit auf sich zieht, ist es notwendig, das für den Alltag Wichtige aus den vielen, teilweise widersprüchlichen Mitteilungen herauszufiltern. Auch in der Behandlung der Demenzerkrankungen, sehen wir rasante Fortschritte, sodass die jüngeren Generationen hoffen dürfen, für diese Erkrankungen eines Tages Therapien verfügbar zu haben, die den Krankheitsverlauf zum Stillstand bringen können. Umso wichtiger ist eine gute Diagnostik im Vorfeld.
Die Demenzdiagnostik betrifft potenziell ein Drittel aller Menschen über 65 Jahre. Sie sollte daher nicht einigen wenigen universitären Spezial-Ambulanzen überlassen bleiben, sondern auf hohem Niveau auch von den niedergelassenen Haus-, Allgemein- und Nervenärzten durchgeführt werden können. Hierbei ist immer zwischen dem technisch und ökonomisch Machbaren, dem Aufklärungsbedürfnis der Patienten und dem Eifer der Ärzte abzuwägen. Unter dieser Prämisse haben wir aus den internationalen und deutschsprachigen Leitlinien aller beteiligten Fachgesellschaften (Psychiatrie, Neurologie, Geriatrie) eine pragmatische Basis für die Demenzdiagnostik zusammengestellt.
Zu den hoffnungsvollen neuen diagnostischen Verfahren gehört zweifelsohne die Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Insbesondere bei der Früherkennung von Demenzerkrankungen kann das PET zusätzliche Aufklärung liefern. Die derzeitige Datenlage reicht jedoch nach einhelliger Ansicht der Fachgesellschaften nicht aus, um PET-Untersuchungen in die aktuellen Leitlinien zu integrieren. Hinzu kommt das Problem der eingeschränkten Verfügbarkeit der Methode, die den flächendeckenden Einsatz des Verfahrens auch in Zukunft limitieren wird. Dies ist anders bei der Untersuchung von Beta-Amyloid und Tau im Liquor. Nach
zunächst sehr hoffnungsvollen ersten Studien hat sich die Euphorie bei groß angelegten Nachfolgeprojekten mittlerweile zwar leicht gedämpft. Die anfänglich hohen Sensitivitäts- und Spezifitätswerte konnten sich jenseits der universitären Patientenkollektive bei einem häufig multimorbiden Allgemeinpublikum nicht mehr halten. Trotzdem ist
die Liquordiagnostik einschließlich Beta-Amyloid und Tau ein Mosaikstein im Gesamtbild der Demenzdiagnostik und wird ihren Stellenwert finden.
Zu Recht wird auf die eingeschränkten Behandlungsmöglichkeiten bei Demenzerkrankungen und die insgesamt infauste Prognose verwiesen. Vor dem Hintergrund von circa fünf Prozent behandelbaren Demenzerkrankungen halten wir die aufgezeigte Diagnostik jedoch für dringend angezeigt. Der Einwand, durch Demenz-Screening würden viele leichte kognitive Störungen entdeckt, die wegen Unbehandelbarkeit in der Folge zu depressiver Symptomatik führten, ist nicht stichhaltig. Mit Demenz-Screening-Tests soll nicht die breite Bevölkerung untersucht werden, sondern Patienten, die sich wegen subjektiv empfundener, eingeschränkter kognitiver Leistungsfähigkeit an die Ärzte wenden, also bereits in Sorge sind.
Die Rolle von Östrogen für die kognitive Leistungsfähigkeit und das Demenzrisiko postmenopausaler Frauen wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Zuletzt wurden einzelne Studien vorgelegt, die ein leicht vermindertes Risiko für Demenzerkrankungen bei östrogensubstituierten Frauen belegen. Inwieweit der Östrogenspiegel oder damit in Zusammenhang stehende Parameter wie die Knochendichte bei der Demenzdiagnostik hilfreich sein können, ist derzeit nicht abzusehen. Valide Daten hierzu liegen in publizierter Form nicht vor.

Dr. med. Richard Mahlberg
Prof. Dr. med. Hans Gutzmann
Psychiatrische Universitätsklinik der Charité
im St. Hedwig-Krankenhaus
Turmstraße 21, 10559 Berlin

Die Autoren aller Diskussionsbeiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

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