ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2006(Muster-)Berufsordnung: Verbindliche Rechte und Pflichten

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(Muster-)Berufsordnung: Verbindliche Rechte und Pflichten

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LNSLNS Beim 7. Psychotherapeutentag verabschiedeten die Delegierten der Länder kammern eine (Muster-)Berufsordnung. Diskussionsbedarf gab es zur Internet-Psychotherapie und zum Abstinenzgebot nach der Therapie.

Die Delegierten verabschiedeten die (Muster-)Berufsordnung mit großer Mehrheit. Foto: Jörg Hermann
Die Delegierten verabschiedeten die (Muster-)Berufsordnung mit großer Mehrheit. Foto: Jörg Hermann
Die Verabschiedung einer Berufsordnung ist ein wichtiger Schritt zur Definition des Berufes und zur Identitätsfindung der Psychotherapeuten. Das Regelwerk fasst exemplarisch alle Rechte und Pflichten zusammen, an denen Psychotherapeuten sich orientieren sollen. Da inzwischen alle westdeutschen Länderkammern Berufsordnungen haben, drängte die Zeit für die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), eine empfehlende (Muster)-Berufsordnung (MBO) zu beschließen, die die
Berufsausübung der Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten auf der Grundlage der Kammer- und Heilberufsgesetze regelt. Auf dem 4. Deutschen Psychotherapeutentag im Oktober 2004 in Stuttgart wurde eine Lenkungsgruppe* damit beauftragt, in Abstimmung mit den Länderkammern eine MBO zu entwerfen, die nun den Delegierten beim 7. (außerordentlichen) Psychotherapeutentag am 13. Januar in Dortmund vorgelegt wurde. 48 Anträge zur Änderung der Beschlussvorlage sowie Sondervoten zu einigen Paragraphen, bei denen die Lenkungsgruppe keine Einigkeit herstellen konnte, zeugten von der Wichtigkeit der Bestimmungen.
Den größten Diskussionsbedarf verursachten die Regelung des Umgangs mit elektronischen Kommunikationsmedien in der psychotherapeutischen Behandlung (§ 5 Abs. 5) und die Frage der Abstinenz in der Psychotherapie (§ 6 Abs. 7). Der § 5 „Sorgfaltspflichten“ Abs. 5 in der Beschlussvorlage lautete: „Psychotherapeutische Behandlung, die systematisch über elektronische Kommunikationsmedien erfolgt, bedarf einer besonderen Beachtung der Sorgfaltspflichten und der übrigen Bestimmungen der Berufsordnung.“ Diese Formulierung stellt Psychotherapie, die ausschließlich über elektronische Medien, wie Internet oder E-Mail, durchgeführt wird, grundsätzlich nicht infrage. Dagegen richteten sich ein Sondervotum und ein Änderungsantrag, die die Formulierung dahingehend geändert sehen wollten, dass „Behandlungen im persönlichen Kontakt und nur in begründeten Ausnahmefällen über elektronische Kom-
munikationsmedien“ erbracht werden sollen. Dr. Dirk Fiedler, Hessen, der
für das Sondervotum mitverantwortlich zeichnete, fasste die Ansichten eines
Experten-Hearings der Landeskammer Hessen zu dem Thema zusammen: „Was ausschließlich über das Internet durchgeführt wird, ist nicht Psychotherapie.“ Es gehe jedoch nicht darum, Internet-Psychotherapie gänzlich abzulehnen oder zu diskriminieren, begleitend könne sie durchaus sinnvoll sein. Aus den Niederlanden und aus Schweden gibt es bespielsweise Studien, die zeigen, dass auch über das Internet eine gute therapeutische Beziehung etabliert werden kann. An der Universität Amsterdam ist im letzten Jahrzehnt ein Zentrum entstanden, in dem die Entwicklung von internetbasierten Psychotherapien für verschiedene Störungsbilder vorangetrieben wurde. Weitere Studien, vor allem für den ambulanten Bereich, sind unerlässlich. Das Sondervotum ergänzte daher die Formulierung, dass „Modellprojekte zur Forschung“ möglich sein sollen. Sie müssen aber zuvor von der Kammer genehmigt werden und sind zu evaluieren. Sowohl das Sondervotum als auch der dazugehörige ergänzende Änderungsantrag wurden angenommen.
Uneinig waren sich die Delegierten zunächst in der Frage, ob das Abstinenzgebot nach Beendigung einer Psychotherapie mit einer zeitlichen Frist belegt werden sollte. Die umstrittenen Absätze in § 6 „Abstinenz“ haben in der Beschlussvorlage folgenden Wortlaut. Abs. 5: „Jeglicher sexuelle Kontakt von Psychotherapeuten zu ihren Patienten ist unzulässig.“ Abs. 7: „Die Verpflichtung, eine therapeutische Vertrauensbeziehung nicht zu missbrauchen, gilt auch nach Beendigung der Psychotherapie.“ Ein Antrag von Karl-Heinz Schrömgens, Bremen, forderte, bevor private Kontakte aufgenommen werden, „mindestens einen zeitlichen Abstand von einem Jahr“ einzuhalten. Ilka Burucker, Rheinland-Pfalz, wollte diese Frist auf drei Jahre ausgedehnt sehen. Inge Berns, Niedersachsen, begründete den Verzicht der Lenkungsgruppe auf eine zeitliche Regelung damit, dass diese zulasten der Autonomie der Patienten ginge: „Eine Fristenlösung impliziert, dass die ehemaligen Patienten immer noch gestört sind. Damit wird auch die Effektivität der Therapie infrage gestellt.“ Hans-Otto Platte, Bremen, hält dagegen eine klare Fristenlösung für sinnvoll, weil „Therapien oft abgebrochen werden, um danach eine Beziehung zu beginnen“. Gerda Gradl, Bayern, wies auf die zweijährige Frist in den USA hin. Der Justiziar der Psychotherapeutenkammer Baden-Württemberg, Hartmut Gerlach, verdeutlichte zudem, wie wichtig eine klare zeitliche Regelung der nachtherapeutischen Abstinenz gerade in Streitfällen sei: Einige betroffene ehemalige Patientinnen hätten gar nicht erst vor Gericht erscheinen müssen. Ohne Fristenlösung enthalte Abs. 7 „nur einen Appell, aber kein Verbot“, betonte Gerlach. Die Delegierten einigten sich darauf, eine Frist von einem Jahr nach Beendigung der Therapie für private Kontakte jeglicher Art festzulegen.
Mit großer Mehrheit verabschiedeten die Vertreter der Länderkammern schließlich die neue (Muster-)Berufsordnung. Auf der Homepage der BPtK kann die MBO als pdf-Dokument heruntergeladen werden:
www.bundespsychotherapeutenkammer.org. Petra Bühring

*Der Lenkungsgruppe gehörten an: Ellen Bruckmayer, Psychotherapeutenkammer (Bayern); Dirk Fiedler (Hessen); Bernhard Morsch (Saarland), Vertreter der Angestellten und Beamten; Inge Bern (Niedersachsen), Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin; Detlef Kommer bzw. Monika Konitzer (NRW), Vorstand; RA Martin Stellpflug, Justiziar der BPtK; Dominique Krause, Referent der BPtK.
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