ArchivDeutsches Ärzteblatt8/1996Gesundheits-Paß Diabetes: Versorgungsqualität soll verbessert werden

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Gesundheits-Paß Diabetes: Versorgungsqualität soll verbessert werden

Glöser, Sabine

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LNSLNS Die Welt­gesund­heits­organi­sation und die Internationale Diabetes Föderation haben in der 1989 ins Leben gerufenen St. Vincent Deklaration eine Senkung diabetischer Folgeschäden eingefordert. Die europaweite Einführung des "Gesundheits-Paß Diabetes" soll dazu beitragen, diesem Ziel ein Stück näher zu kommen. Zugleich soll die Kommunikation zwischen Arzt und Patient verbessert werden.


Ein Diabetiker verursacht jährliche Kosten von etwa 1 500 DM, sofern sein Blutzucker optimal eingestellt ist. Ist dies nicht der Fall und treten Folgeschäden auf, liegen die Kosten hingegen bei 15 000 bis 20 000 DM. Zudem werden jährlich bei etwa 28 000 Diabetikern in Deutschland Amputationen vorgenommen. Die Anzahl an Diabetikern, die zu Dialysepatienten werden, erhöht sich pro Jahr um 9 000, und 7 000 Diabetiker erblinden. Vor dem Hintergrund dieser in verschiedenen Studien ermittelten Daten erarbeiteten der Ausschuß Qualitätssicherung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft und der Deutsche Diabetiker-Bund zusammen mit der Internationalen Diabetes Föderation und dem Diab-Care-Büro der Welt­gesund­heits­organi­sation den seit Juni 1995 verfügbaren "Gesundheits-Paß Diabetes".


Qualitätsorientierte Basisdokumentation
Die Versorgung der Diabetiker sei verbesserungsbedürftig, und die Dokumentation medizinischer Daten weise erhebliche Defizite auf, äußerten Dr. med. Klaus Piwernetz und Wendelin Schramm vom Diab-Care-Büro in München. Deshalb verfolgen die Initiatoren mit der Einführung des Passes das Ziel, die Entwicklung von Folgeschäden frühzeitig zu erkennen, so daß Ärzte effiziente Interventionsmaßnahmen einleiten könnten. Zudem sollen die Kommunikation zwischen den Beteiligten verbessert und dem Arzt eine qualitätsorientierte Basisdokumentation an die Hand gegeben werden. Der Paß verbleibe im Besitz des Patienten, der so stets über seinen Gesundheitszustand informiert sei. "Wir verfolgen das Ziel, den Gesundheits-Paß zu einem integralen Bestandteil der medizinischen Versorgung aller Diabetiker zu machen", unterstreicht Piwernetz die gesundheitspolitische Bedeutung des Passes.
Neben Basisdaten des Diabetes umfaßt der Paß Doppelseiten, auf denen in jedem Quartal Untersuchungsergebnisse im Rahmen der Sekundärprävention der diabetischen Folgeschäden eingetragen werden. Darüber hinaus vereinbaren Arzt und Patient realistische Behandlungsziele, deren Erreichen von Quartal zu Quartal überprüft werden soll. Dadurch werde der Diabetiker in die Verantwortung für die Regelmäßigkeit der Untersuchungen und die Behandlungsergebnisse einbezogen. Die im Paß vorgeschlagenen Untersuchungen seien als Leitlinien zu verstehen, über den genauen Umfang und die Häufigkeit der Maßnahmen entscheide letztlich der Arzt.


Diab-Care startete Fragebogenaktion
Um die Akzeptanz des Gesundheitspasses bei Patienten und Ärzten sowie seinen praktischen Gebrauch beurteilen zu können, startete das Diab-Care-Büro im Jahr 1994 eine bundesweite Fragebogenaktion. An ihr beteiligten sich 124 medizinische Einrichtungen aus allen Versorgungsebenen des Gesundheitssystems. Etwa 10 000 Pässe mit den dazugehörigen Fragebogen wurden auf diesem Wege an Diabetiker ausgegeben. Im Durchschnitt bewerteten die Befragten den Paß als gut; zwei Drittel gaben an, den Paß immer bei sich zu führen. Außerdem waren die Patienten nach eigenen Angaben über anstehende Untersuchungen gut informiert und konnten sich besser an ihrer Behandlung beteiligen.
Die ebenfalls befragten Hausärzte vertraten in der Mehrheit die Meinung, daß der Gesundheits-Paß die Behandlung ihrer Patienten unterstützt. Ferner gaben die beteiligten Zentren an, daß die Diabetiker besser über ihre Behandlung informiert sind und sie positiv aktiviert werden. Da mehr als die Hälfte aller Studienteilnehmer zwischen 56 und 75 Jahren alt war, lieferte die Untersuchung jedoch keine repräsentativen Zahlen, die auf die Gesamtheit aller Diabetiker übertragen werden könnten.
"Die Einführung des Gesundheits-Passes Diabetes in die Regelversorgung wird von zahlreichen Organisationen und Krankenkassen unterstützt. So führt der Bundesverband der Betriebskrankenkassen den Paß bereits bundesweit ein. Zur Zeit steht der Paß schon etwa 100 000 Diabetikern zur Verfügung", schätzt Piwernetz die bisherige Verbreitung. Dr. Sabine Glöser

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