ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2006Emil Kraepelin: „Natürliche Krankheitseinheiten“

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Emil Kraepelin: „Natürliche Krankheitseinheiten“

PP 5, Ausgabe Februar 2006, Seite 70

Goddemeier, Christof

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Vor 150 Jahren wurde der Psychiater geboren. Kraepelin entwirft ein zweigliedriges Modell endogener Psychosen. Er vertritt einen klinisch-pragmatischen Krankheitsbegriff.

Sein Name ist in der Psychiatriegeschichte vor allem mit einem bis heute einflussreichen Konzept verbunden – dem so genannten zweigliedrigen Modell der endogenen Psychosen. Dabei sind Kern seiner Lehre eher die Idee der „natürlichen Krankheitseinheit“ und das von ihm entworfene Selbstverständnis der Psychiatrie – eine nach einheitlichen Grundsätzen gestaltete, klinisch-pragmatische Verlaufsforschung. Sein Werk bildet den Höhepunkt einer Entwicklung in der Psychiatrie, die durch Forschungsoptimismus und Orientierung am Ideal naturwissenschaftlicher Methodik gekennzeichnet ist.
Am 15. Februar 1856, im selben Jahr wie sein großer Antipode Sigmund Freud, wird Emil Kraepelin in Neustrelitz im heutigen Mecklenburg-Vorpommern geboren. Als er 1874 in Leipzig sein Medizinstudium beginnt, erscheinen gerade Wilhelm Wundts „Grundzüge der physiologischen Psychologie“. Der Philosoph und Psychologe Wundt beeinflusst Kraepelins Lebensweg und sein Verständnis von Wissenschaft entscheidend. 1878 tritt der 22-Jährige eine Stelle in der Kreisirrenanstalt München an. In seinen „Lebenserinnerungen“ schreibt er dazu: „Die ersten Eindrücke (. . .) waren entmutigend. Das verwirrende Gewimmel verblödeter, bald unzugänglicher, bald zudringlicher Kranker (. . .), die Ohnmacht des ärztlichen Handelns, (. . .) die völlige Ratlosigkeit gegenüber allen diesen Erscheinungen des Irreseins, für die es keinerlei wissenschaftliches Verständnis gab, ließen mich die ganze Schwere des von mir gewählten Berufes empfinden.“ Bis in die späten 1860er-Jahre ist das Konzept der Einheitspsychose allgemein anerkannt – Wilhelm Griesingers Annahme, dass alle psychischen Symptome Ausdruck einer einzigen psychischen Störung seien. Klinische Untersuchungen bestätigen Grie-
singers Vorstellung jedoch nicht; so entwirft Kraepelin aufbauend unter anderem auf der Theorie Karl Ludwig Kahlbaums die Theorie der so genannten Krankheitseinheiten. Jeder dieser vom Untersucher unabhängigen, „natürlichen“ Krankheitsvorgänge soll auf der schädigenden Wirkung genau einer Ursache beruhen. Dem gegenüber sind Symptome und Syndrome unspezifisch und erlauben keine eindeutige Zuordnung zu den Krankheitseinheiten.
Kraepelin ist jedoch überzeugt, durch konsequente Verlaufsbeobachtung deren charakteristische Symptome darstellen zu können. Vor diesem Hintergrund entwickelt er schließlich sein zweigliedriges Modell der endogenen Psychosen: „manisch-depressives Irresein“ auf der einen und „Dementia praecox“, die heutige Schizophrenie, auf der anderen Seite. Trotz der Kritik namhafter Fachkollegen hat Kraepelins Klassifikation sich im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg in der deutschsprachigen Psychiatrie weitgehend durchgesetzt.
Psychiater auch als „Erzieher und Freund“
Einer charakteristischen Selbsteinschätzung gemäß versteht Kraepelin sich als „,reiner‘ Psychiater mit psychologischen Neigungen“. Dabei hat sein klinisch-pragmatischer Krankheitsbegriff immer auch eine therapeutische Komponente. Ein der Psychotherapie im heutigen Sinn zugewandter Psychiater ist Kraepelin gleichwohl nicht gewesen. Die von ihm anerkannten „psychischen Behandlungen“ lassen sich unter dem Schlagwort einer „paternalistischen“, im Fall psychotisch Erkrankter supportiven Psychotherapie zusammenfassen: Der Psychiater müsse imstande sein, „dem Kranken nicht nur ein Arzt, sondern zugleich ein Erzieher und Freund zu werden, nicht nur den körperlichen Grundlagen der Geistesstörung seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, sondern durch die Macht seiner Persönlichkeit verständnisvoll auch die krankhaften psychischen Erscheinungen selbst zu bekämpfen“.
Kraepelin lehnt die Psychoanalyse ab
Der Psychoanalyse steht Kraepelin zunächst abwartend und distanziert, im Verlauf ablehnend gegenüber. Methodische Grundlagen der frühen Psychoanalyse, wie freie Assoziation und Traumdeutung, kollidieren deutlich mit seinem Verständnis von Wissenschaft. Mehrfach erwähnt er psychoanalytische Theorien in klinischem Zusammenhang; doch zu einer wesentlichen inhaltlichen Auseinandersetzung kommt es dabei nicht.
Den Sprachgebrauch der Degenerationstheorie teilt Kraepelin mit der Mehrzahl zeitgenössischer psychiatrischer Autoren. Seine umfassende Anwendung dieser Theorie ist für heutige Leser irritierend, ja abschreckend; sie steht im Widerspruch zu seiner mehrfach geäußerten Kritik an der „unsicheren und schwankenden Umgrenzung“ des Begriffs „Entartung“.
Nach seiner Emeritierung 1922 entwickelt Emil Kraepelin die während des Ersten Weltkrieges von ihm gegründete Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie in München weiter. 1926 erkrankt er während der Arbeit an der 9. Auflage seines „Lehrbuchs der Psychiatrie“ schwer und stirbt am 7. Oktober, vermutlich an einer Pneumonie. Christof Goddemeier
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