ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2006ADHS: Inflationärer Gebrauch
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LNSLNS In dem Artikel, der die Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) zur DHS rezipiert, wird ausdrücklich auf die „notwendige sorgfältige Diagnostik“ hingewiesen und festgestellt, dass „eine medikamentöse Therapie bei Kindern ab sechs Jahren (empfohlen wird), bei denen eine sehr stark ausgeprägte Symptomatik vorliegt“. Dem hätten wir, eine Gruppe von analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychothera-
peutinnen aus dem Raum Karlsruhe, nichts hinzuzufügen, wenn die Wirklichkeit nicht völlig anders aussehen würde. In den letzten Jahren machen wir die Feststellung, dass die Diagnose ADS oder ADHS fast inflationär gebraucht wird. Immer mehr besorgte Eltern rufen uns an, die einen Therapieplatz für ihre „ADHS-Kinder“ suchen. Diagnostiziert wurde dies oft vom Haus- oder Kinderarzt ohne entsprechende „sorgfältige Diagnostik“ aufgrund der Aussagen der Eltern, ja der Klagen der Erzieherinnen und Lehrer. Inzwischen sieht man kaum noch Jungen zwischen fünf bis neun Jahren, denen dieses Etikett nicht von irgendjemanden angeklebt wurde. Als besonders skurril finden wir es, dass nun auch die „ruhigen“ kleinen Mädchen mit der Diagnose vom Typ ADS-Träumerchen erfasst werden. Untersucht man diese Kinder auch mit einem analytisch geschulten nstrumentarium wirklich gründlich, so zeigen sie oftmals ganz andere Grundstörungen: wie zum Beispiel Bindungsstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, depressive beziehungsweise affektive Störungen und erhebliche Sozialbelastungen (unter anderem Broken-House-Situationen), die zuvor keineswegs erhoben und berücksichtigt wurden. So wurde zum Beispiel ein agitiert-depressiver Jugendlicher mit einem weit überdurchschnittlichen IQ, aber schwierigsten familiären Verhältnissen medikamentös mit Stimulanzien behandelt und war dabei nicht in der Lage, in der Hauptschule befriedigende Ergebnisse zu erzielen; eine Psychotherapie wurde nicht für nötig befunden. Derartige Beispiele könnte man viele aufführen. Betroffene Eltern berichten, dass Kinder sich häufig gegen die verordnete Medikation wehren, die Medikation als übergriffig erleben. Dies kann man als Hinweis dafür sehen, dass die Kinder spüren, dass ihnen damit nicht geholfen wird.
Im Gegensatz zur Aussage: „Psychodynamische Interventionen oder Ergotherapie sind nach Angaben des Arbeitskreises für die Behandlung der Primärsymptome nicht indiziert“, machen wir analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in den Behandlungen die Erfahrung, dass für Kinder, die an ADHS oder anderen Verhaltensstörungen leiden, psychodynamische Verfahren effektiv sind, wozu es auch eine Reihe von Veröffentlichungen gibt, auch wenn diese verständlicherweise nicht von der Pharmaindustrie unterstützt werden, und bei diesen Verfahren deren Besonderheit auch bei der Methodik berücksichtigt werden muss (vgl. Heft 117 „Unruhige Kinder und Jugendliche“ der Zeitschrift für Theorie und Praxis der Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalyse . . .). Es ist bezeichnend, dass in dem Wissenschaftlichen Beirat der BÄK diese Gruppe von Wissenschaftlern nicht vertreten ist.
Marianne Dorschner,
Maria Gingelmaier, Ursel Lang
(alle analytische Kinder- und Jugendlichen- Psychotherapeutinnen)
Für die Verfasser: Maria Gingelmaier,
Neutorstraße 13, 76646 Bruchsal
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