ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2006Rentenpolitik: Früher oder später

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Rentenpolitik: Früher oder später

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Seit die Rente mit 67 nicht mehr politisch tabu ist, häufen sich die Artikel über Nobelpreisträger, die mit 80 noch wissenschaftlich auf der Höhe sind, oder Sporttrainer, die sich mit 67 voll jugendlichem Elan präsentieren. Selbst Firmen, die Menschen mit 50 plus einstellen und nicht rauswerfen, werden entdeckt.
Bisher ist ein derartiger Altenboom ein Phänomen des Presse- und nicht des Arbeitsmarktes. Realität ist der Frühruhestand mit 60, sind Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen, die Arbeitnehmer mit 65 in den Ruhestand versetzen, und individuelle Arbeitsverträge, die Manager mit 62 aussteuern. Denn dann gelten sie als nicht mehr kreativ und zu teuer.
So betrachtet läuft die „Rente mit 67“ auf Rentenabschläge um weitere zwei Jahre hinaus. Für die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung, von der bei der Rentendiskussion merkwürdigerweise nie die Rede ist, obwohl sie doch Teil des Verschiebebahnhofes ist, bedeuten Abschläge verringerte Einnahmen (siehe dazu den Beitrag „Rentenreform: Auf Kosten der Kassen“).
Um die „Rente mit 67“ für die Sozialversicherung zu einem Erfolgsmodell zu machen, bedarf es gewaltiger Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Davon ist bisher wenig zu erkennen. Wir brauchen altersgerechte Arbeitsplätze, inhaltlich und zeitlich flexibel. Denn trotz all der schönen Geschichten von den fitten Alten und dem immerwährenden medizinischen Fortschritt, die Wahrheit ist auch, dass Leistungsfähigkeit und Kreativität im Alter vielfach abnehmen und nur teilweise durch Erfahrung ausgeglichen werden können. Nötig sind, damit einhergehend, neue Gehaltsstrukturen. Die Einstellung, die in unser aller Köpfe tief verwurzelt ist, mit zunehmendem Alter müssten auch die Einkommen zunehmen, hat keine Zukunft.
Doch auch neues Denken wird nicht weiterhelfen, wenn es an Arbeitsplätzen fehlt. Solange junge Leute „unten“ Arbeit nachfragen, wird der Anreiz, „oben“ abzubauen und die Alten zulasten der Sozialkassen in Rente zu schicken, anhalten.
Und damit landet auch die „Rente mit 67“ bei dem Grundproblem unserer Gesellschaft, bei dem früher oder später jede soziale Frage endet: dem Arbeitsmarkt. Norbert Jachertz
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