ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2006Rentenreform: Auf Kosten der Kassen

POLITIK

Rentenreform: Auf Kosten der Kassen

Dtsch Arztebl 2006; 103(7): A-378 / B-333 / C-316

Blöß, Timo

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LNSLNS Die Renten könnten weiter sinken – und damit den Druck auf die GKV-Finanzen erhöhen.
Man kann das auch schneller machen – sechs Worte, die die Politik in Deutschland ordentlich durcheinander wirbelten. Gesagt hat sie Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD), und gemeint hat er damit die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre. Selbst der Kabinettsbeschluss, das Eintrittsalter schon bis 2029, statt wie im Koalitionsvertrag vorgesehen bis 2035, zu erhöhen, hat keine Ruhe gebracht. Innerhalb der SPD wird weiter gemurrt. Dachdeckern etwa sei eine Tätigkeit bis ins Alter von 67 Jahren nicht zuzumuten. Darum fordern Politiker wie der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) Ausnahmeregelungen für einzelne Berufsgruppen. Experten haben aber noch ganz andere Bedenken: Mit dem Vorhaben würde ein weiterer Verschiebebahnhof zulasten der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) eröffnet, warnen sie. Was die Rentenkasse entlastet, müssten nämlich künftige Rentnergenerationen und die GKV bezahlen. Geht der Großteil der Arbeitnehmer weiterhin vorzeitig in den Ruhestand, werden das Rentenniveau und damit auch die GKV-Beiträge der Rentner sinken.
Abzüge sind wahrscheinlich
Um die maroden Finanzen der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) zu stabilisieren, soll das Renteneintrittsalter bis 2029 schrittweise von derzeit 65 auf 67 Jahre angehoben werden. Theoretisch muss jeder Einzelne dadurch länger in die Renten- und die anderen Sozialversicherungen einzahlen. Würde die Lebensarbeitszeit tatsächlich steigen, würde das auch die Kassen finanziell entlasten, so der Gesundheitsökonom Prof. Jürgen Wasem gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Gehen die Arbeitnehmer jedoch weiterhin vorzeitig in den Ruhestand, müssen sie mit Abzügen von 3,6 Prozent pro Jahr, das sie weniger arbeiten, rechnen. Gegenwärtig liegt das Eintrittsalter in der GRV bei 65 Jahren, doch im Schnitt hängen die Arbeitnehmer ihren Job bereits mit 63 Jahren an den Nagel. Bis zum 65. Lebensjahr im Beruf, das schaffen lediglich 43 Prozent der Neurentner. Genau dies ist von der Politik einkalkuliert, vermutet Wasem. Der wesentliche Spareffekt resultiere aus den Rentenkürzungen – nicht aus länger gezahlten Beiträgen.
Folgen dürfte das auch für die GKV haben. Allein durch die Nullrunden bei den Renten mussten die Kassen auf wichtige Einnahmen verzichten, sagt Wasem. Dabei ist der Anteil, den die Rentner mit rund 30 Milliarden Euro jährlich in die GKV zahlen, beträchtlich – auch wenn damit die von ihnen verursachten Kosten nur teilweise zu decken sind. Derzeit, so Wasem, erziele die GKV rund 24 Prozent ihrer Einnahmen über die Rentenbeiträge. „Aufgrund der Bevölkerungsentwicklung ist aber damit zu rechnen, dass dieser Anteil bis 2040 auf mehr als 35 Prozent steigen wird.“
Experten sind skeptisch, ob ältere Arbeitnehmer künftig länger werden arbeiten können. Nicht aus gesundheitlichen Gründen, wie Prof. Dr. med. Fritz Beske sagt. Die Leistungsfähigkeit im betagteren Alter werde in Zukunft weiter zunehmen, ist er überzeugt. Zudem würden schwere körperliche Arbeiten verstärkt durch technische und kaufmännische Tätigkeiten abgelöst. Sorge bereitet dem Gesundheitsforscher vielmehr die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Bereits heute hätten viele Betriebe keine Angestellten über 50 Jahre.
Ein Blick in die Statistiken gibt Beske Recht. Nach Angaben des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit ist die Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen im internationalen Vergleich mit knapp 40 Prozent nur durchschnittlich. Im Ge­sund­heits­mi­nis­terium weist man die Bedenken dennoch als „spekulative Hochrechnung“ zurück. Ziel sei es, das reale Renteneintrittsalter mit dem gesetzlichen anzugleichen. Zudem befinde sich ja noch die GKV-Finanzreform in der Pipeline. Timo Blöß
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