ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2006Pflegeberufe: Neues Selbstverständnis

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Pflegeberufe: Neues Selbstverständnis

Hibbeler, Birgit

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Foto: SUPERBILD
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Die Pflegekräfte fordern mehr Kompetenzen und Mitbestimmungsrechte im Gesundheitswesen.

Nachwuchssorgen und unbefriedigende Arbeitsbedingungen plagen nicht nur die Ärzte, sondern auch die Pflegeberufe. Nicht zuletzt deshalb wollen die Pflegekräfte ihr Berufsbild aufwerten und streben eine neue Rolle im Gesundheitswesen an. Die Pflegenden fordern das, was in vielen europäischen Ländern Realität ist: ein eigenständigeres Arbeiten. Pflegedienste wollen Leistungen, die sie erbringen, künftig selbst verordnen und Budgetverantwortung tragen. Das war eine zentrale Forderung des Fachkongresses „Pflege 2006“ Ende Januar in Berlin.
Die Vorsitzende des Deutschen Pflegerates, Marie-Luise Müller, plädierte für eine Neuverteilung der Aufgaben im Gesundheitswesen. Pflegedienste sollen die Möglichkeit bekommen, eigenständig pflegerische und prophylaktische Leistungen zu erbringen. Sie denkt dabei unter anderem an die Bereiche Wundversorgung, Ernährungstherapie und Sturzprophylaxe. Der Deutsche Pflegerat setzt sich außerdem dafür ein, dass Pflegekräfte die benötigten Hilfsmittel, wie Verbandsmaterial und Gehhilfen, selbst verordnen dürfen. Im stationären Bereich sollen Pflegekräfte vermehrt Aufgaben in der Organisation übernehmen.
Müller begründete ihre Forderungen damit, dass sich die Pflege deutlich gewandelt habe: Professionell, qualitätsbewusst und akademisiert – so stelle sich die moderne Pflege heute dar. „In den letzten 15 Jahren hat Deutschland in dieser Hinsicht sehr intensiv aufgeholt“, sagte sie. Von dieser Entwicklung müsse nun auch das Gesundheitswesen profitieren, das geprägt sei vom demographischen Wandel, einer Ressourcenknappheit und einem zunehmenden Ärztemangel. Müller betonte, mit den Vorschlägen wolle man den herrschenden Mangel beheben und damit die Versorgung der Bevölkerung verbessern. „Es geht uns nicht darum, an das Portemonnaie der Hausärzte zu gehen“, erklärte sie.
KBV und Hausärzteverband gegen Pflegepraxen
Bereits Ende letzten Jahres hatte der Deutsche Pflegerat gefordert, mit der Einrichtung von Pflegepraxen auf den Ärztemangel in einigen Regionen Ostdeutschlands zu reagieren. Der Hausärzteverband lehnte den Vorstoß ab und kritisierte in einer Stellungnahme, der Deutsche Pflegerat verfolge mit seiner Forderung nach Pflegepraxen wirtschaftliche Interessen. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hatte es abgelehnt, einer Unterversorgung durch neue Parallelstrukturen zu begegnen. Pflegepraxen sind nach Ansicht der KBV keine Alternative zu einer guten hausärztlichen Versorgung.
Für die harschen Reaktionen der Ärztevertreter zeigte Müller kein Verständnis. Sie forderte eine Kooperation zwischen Ärzten und Pflegeberufen „auf Augenhöhe“. „Es würde den Ärzten gut anstehen, sich mit den Pflegenden zu solidarisieren“, sagte sie. Zugleich betonte Müller, nicht nur Ärzte seien mit immer mehr Bürokratie und unzumutbaren Arbeitsbedingungen konfrontiert, sondern auch das Pflegepersonal. Die aktuellen Ärzteproteste bezeichnete sie als eine Entsolidarisierung der Mediziner von den anderen Gesundheitsberufen.
Die Pflege will sich nicht nur fachlich, sondern auch gesundheitspolitisch neu aufstellen. Prof. Dr. jur. Heinrich Hanika, Fachhochschule Ludwigshafen, wies darauf hin, dass Pflegende in Großbritannien, Irland, Italien, Polen und Spanien in Kammern organisiert seien. Hanika sieht zwei große Vorteile in einer Verkammerung der Pflegeberufe: Einerseits könne die Kontrolle von Fort- und Weiterbildung und eine verbindliche Berufsordnung zu Qualitätssicherung und mehr Patientensicherheit führen. Andererseits liege in der eigenverantwortlichen Selbstverwaltung eine Chance für eine grundlegende Neupositionierung der Pflege.
Die rund 1,2 Millionen Pflegekräfte verfügen Hanika zufolge bislang über keine ausreichende Lobby. Die Berufsgruppe der Pflegenden sei ein „schlafender Riese“ – die Ärztekammern hätten schließlich nur rund 330 000 Mitglieder. „Es stellt sich dann die Machtfrage im Gesundheitswesen“, sagte der Jurist. Gleichwohl sei das Interesse der Politik an einem weiteren großen „Player“ im Gesundheitswesen gering, räumte er ein. So verwundert es nicht, dass sich noch kein Bundesland dazu entschlossen hat, sein Heilberufegesetz zu ändern und damit den Weg für eine Pflegekammer freizumachen.
Der Deutsche Pflegerat ruft deshalb nun zu einer „freiwilligen Registrierung für beruflich Pflegende“ auf. Der Verband hofft, dass sich die Mehrheit der Kranken- und Altenpfleger an der Aktion beteiligt und sich damit hinter die Idee einer Verkammerung stellt.
Dr. med. Birgit Hibbeler
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