ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2006Integrierte Versorgung: Qualitätsgesichertes Netz

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Integrierte Versorgung: Qualitätsgesichertes Netz

Bühring, Petra

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Vertreter von Fachgesellschaften und Krankenkassen unterschreiben in Anwesenheit von Ulla Schmidt den Kooperationsvertrag. Foto: Universitätsklinikum Aachen
Vertreter von Fachgesellschaften und Krankenkassen unterschreiben in Anwesenheit von Ulla Schmidt den Kooperationsvertrag. Foto: Universitätsklinikum Aachen
In der Region Aachen startet das bundesweit bislang einmalige Integrierte Versorgungsmodell Depression.

Bundesweit leiden nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) rund vier Millionen Menschen an einer Depression. 15 Prozent der Betroffenen mit einer schweren Depression begehen Suizid; 25 Prozent versuchen, sich umzubringen. Soweit müsste es vielleicht gar nicht erst kommen, würde die Versorgung verbessert. Von den 60 bis 70 Prozent der Betroffenen, die sich in ambulanter Behandlung befinden, werden nur 30 bis 35 Prozent korrekt diagnostiziert; ausreichend behandelt werden gerade sechs bis neun Prozent. Diese Zahlen und Einschätzungen legte Dr. med. Frank Bergmann, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte (BVDN), bei der Pressekonferenz zum Integrierten Versorgungsmodell Depression in Aachen vor.
In der Region Aachen will man künftig andere Wege gehen: Die Probleme beim Übergang vom ambulanten in den stationären Bereich und umgekehrt sollen entfallen. Die Versorgung soll strukturiert und intensiviert, die Qualität der Behandlung verbessert und Wartezeiten sollen verringert werden. Weiter sollen die Erkennungsraten verbessert, Arbeitsunfähigkeitstage gesenkt sowie die Verweildauer im Krankenhaus reduziert werden. Dazu haben sich das Universitätsklinikum Aachen, der BVDN, die DGPPN, die Hausärzte in Aachen sowie eine Reihe gesetzlicher Krankenkassen (AOK Rheinland, DAK, IKK Nordrhein, Kaufmännische Krankenkasse, Landwirtschaftliche Krankenkasse) zu dem Modellprojekt Integrierte Versorgung (IV) Depression Aachen zusammengeschlossen. Der Vertrag zu dem bundesweit bislang einmaligen Projekt wurde am 3. Februar in Anwesenheit von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt unterschrieben. Die Ministerin betonte, sie sei „stolz, dass der erste Versorgungsvertrag in meiner Heimatstadt gestartet wird“. Wenn sich das Aachener Modell bewährt, soll es Vorbildcharakter für Integrationsverträge auch in anderen Regionen und für andere psychische Erkrankungen haben.
Nicht eingebunden in das Projekt sind allerdings ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten der Region. Das erstaunt, denn nach Angaben der niedergelassenen Psychotherapeutin Ellen Kreft-Mäuz hat es Anfragen seitens der Aachener Psychotherapeuten gegeben, die auch im „Bündnis gegen Depression Aachen“ engagiert sind. Zu den genauen Gründen wollte sich seitens der derzeitigen Vertragspartner niemand konkret äußern. Die Psychotherapeuten könnten jedoch „in einem nächsten Schritt als Kooperationspartner mitmachen“, stellte Wilfried Jacobs, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland, in Aussicht.
Um die Qualität der Versorgung der derzeit eingeschriebenen 350 Patienten zu sichern, solle die Behandlung nach den Leitlinien der DGPPN und der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlich Medizinischer Fachgesellschaften erfolgen, erklärte Prof. Dr. med. Frank Schneider, Direktor der Klinik für
Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Aachen. Als weitere Elemente sind Qualitätszirkel für Haus- und Fachärzte, zertifizierte Fortbildung sowie klinische Fallkonferenzen vorgesehen. Das Universitätsklinikum bietet durch die 24-Stunden-Erreichbarkeit eine flexible Versorgung an. Die Patienten werden dadurch auch im Krisenfall versorgt. Weitere Vorteile: eine Schwerpunktstation Depression mit einem multidisziplinären Team sowie spezialisierte Diagnostik. In dem IV-Modell sollen auch psychoedukative Gruppen angeboten werden, und es soll gezielter an Psychotherapeuten überwiesen werden. Für die Patienten erhofft sich Schneider mehr Zufriedenheit durch die koordinierte Behandlung und einen höheren Therapieerfolg.
Der erhoffte Nutzen für die Patienten war auch für die beteiligten Kassen Hauptgrund, diesen IV-Vertrag zu finanzieren. „Lange Krankheitswege im Medizinbetrieb sind für uns der Anlass für solche Verträge“, erklärte Jacobs stellvertretend für die beteiligten Krankenkassen. 600 000 Euro werden für das Aachener Projekt zunächst zur Verfügung gestellt. Jacobs erhofft sich von der aufeinander abgestimmten Behandlung eine Senkung der Krankenhauseinweisungen und dadurch geringere Kosten. Allerdings: „Sollte der ökonomische Benefit nicht erreicht werden, reicht uns auch die verbesserte Behandlung.“ Der Abkoppelung vom wirtschaftlichen Nutzen stimmte auch Ulla Schmidt zu. Sie will grundsätzlich das im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD festgelegte Konzept der Integrierten Versorgung als zukunftsweisend fortsetzen und kündigte eine Verlängerung der Anschubfinanzierung für derartige Verträge bis 2008 an. Petra Bühring
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