ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2006Willensfreiheit: Begleiter müssen ihren Patienten vorangehen
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LNSLNS . . . Keinesfalls möchte ich mich unter dem Diktum von Prof. H. Saß eingeordnet sehen, demzufolge „das Postulat der Verantwortlichkeit“ auf der „Vermutung der Freiheit von Wille und Entscheidung“ fuße und deren Wegfall „mit den Grundlagen unseres Denken und Handelns als Psychiater, Psychotherapeuten und Gutachter schwerlich zu vereinbaren“ sei. Im Gegenteil halte ich Demut vor unserer und Bescheidung in unsere eigene (bei genauerer Wahr-nehmung unabweisbare) Begrenztheit auf allen Ebenen für eine wesentliche Voraussetzung jeder im Wortsinne angemessenen, also Menschen-gemäßen therapeutischen Bemühung: Nur so kann eine solche heilsam sein angesichts ubiquitären – individuellen wie kollektiven – (neurotischen) Elends als Folge der Abwehr unserer Begrenztheit durch infantil-illusionäre und selbstüberschätzend-megalomane Fantasien. Deren katastrophale Auswirkungen auf persönliche Schicksale wie weltweite politische/soziale Verhältnisse prägen unsere Lebenswirklichkeit diesseits aller Verantwortbarkeit – und in ihrer Überwindung müssen Therapeuten (= Begleiter) ihren Patienten vorangehen. Insoweit klingt mir Prof. W. Singer am Ende des gleichen Kongressberichtes tröstlich: „Die Begrenzung unseres Vorstellungsvermögens erklärt vielleicht, warum unsere Intuition über die Vorgänge in unserem Gehirn nicht mit dem übereinstimmt, was die Hirnforschung über diese in Erfahrung gebracht hat.“ Die Einsicht in diese Begrenzung mag uns auch Warnung sein, die aus unserer Intuition abgeleiteten Vorstellungen nicht zur alleinigen Grundlage zu machen für unser Urteilen und Handeln. — Ich erlaube mir „Intuition“ zu interpretieren als unsere Vorstellung, wie wir gern wären: Aber erst und nur die Anerkennung dessen, wie (begrenzt, „unfrei“) wir wirklich sind, erlaubt Verantwortungsübernahme – in unseren Grenzen. Solche „Wende“ wäre angemessene Würdigung von Freuds 150. Geburtstag und notwendige Konsequenz aus seiner „Wiederentdeckung“ durch die neuere Hirnforschung.
Dr. med. Georg Fischer,
Wilhelm-Düll-Straße 30, 80638 München
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