ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2006Medizingeschichte(n): Psychiatrie – „Irrenanstalten“

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Medizingeschichte(n): Psychiatrie – „Irrenanstalten“

Schott, H.

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LNSLNS Zitat: „[Die Irrenanstalten] sind weder Heilanstalten, noch Asyle unheilbarer Irrenden, denen die Menschheit huldigen kann, sondern meistens Spelunken, in welchen die Gesellschaft absetzt, was ihr lästig fällt. [...] Einige derselben sind den Krankenhäusern, andere den Armenhäusern, andere gar den Gefängnissen und Zuchthäusern angehängt. In allen diesen Fällen fehlt es an frischer Luft, an Bewegung, an Zerstreuung, kurz an allen physischen und moralischen Mitteln, die zur Heilung der Kranken erfordert werden. [...] Irrende, die noch einige Besonnenheit haben, müssen vollends rasend werden über die Unvernunft ihrer Nebenmenschen, die sie mit Dieben und Mördern in eine Klasse zusammenstellen. Die Zuchtknechte, Stockmeister [1] und Diebeswärter sind meistens rohe Menschen, bey denen Barbarey an der Tagesordnung steht, und welche obendrein diese Unglücklichen als eine lästige Bürde ihrer Amtspflicht betrachten, die sie, um sie auf die kürzeste Art zu besorgen, in feuchte Gewölbe, Gefängnisse und in die Kellergeschosse ihrer Anstalten einsperren.“

Johann Christian Reil: Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen. Halle 1803, Seite 454 f. – Reil (1759–1913), seinerzeit berühmter Medizinprofessor in Halle, gab mit der zitierten Schrift wichtige Anregungen zur Entwicklung der Psychiatrie (er benutzte diesen Begriff bereits 1808) als medizinisches Fachgebiet, das sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts etablierte. Erst während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts wurden – nach französischem Vorbild – größere Anstalten errichtet, die unter ärztlicher Leitung standen und ausschließlich der medizinisch fundierten Versorgung dienen sollten. Solche „Heil- und Pflegeanstalten“ wiesen architektonisch eine typische Struktur („Geschlechtsachse“, Einteilung in „Heilbare“ und „Unheilbare“ et cetera) auf und sollten idealer Weise aus therapeutischen Gründen in abgelegenen, landschaftlich schönen Gegenden liegen („Naturidylle“). – [1] Hinweis auf das Verprügeln als Disziplinarmaßnahme („heilsame Schläge“).

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