ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2006Prophylaxe gegenüber HBV, HCV und HIV nach beruflicher Exposition: Vorgeschlagenes Verfahren potenziell gefährlich

MEDIZIN: Diskussion

Prophylaxe gegenüber HBV, HCV und HIV nach beruflicher Exposition: Vorgeschlagenes Verfahren potenziell gefährlich

Dtsch Arztebl 2006; 103(7): A-417 / B-362 / C-345

Esser, Stefan

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LNSLNS Generell ist es sinnvoll, die Problematik des Expositionsrisikos, insbesondere gegenüber HIV, in diesem Forum zu diskutieren. Es ist an dieser Stelle jedoch kritisch anzumerken, dass die von den Autoren empfohlenen Maßnahmen zur Durchführung einer sachgerechten Postexpositionsprophylaxe (PEP) bei vielfach vorbehandelten HIV-Patienten die dargestellte Verfahrensweise unserer Meinung nach potenziell gefährlich erscheint. Bei Verletzungen an vorbehandelten HIV-positiven Patienten, die unter einer stabilen antiretroviralen Therapie (ART) wiederholt eine nicht nachweisbare Viruslast dokumentiert haben, sollten unserer Ansicht nach die gleichen Medikamente, die dieser Patient einnimmt, zur Durchführung einer PEP benutzt werden, weil die Wirkung dieser Medikamente gegen den bei dem Patienten vorliegenden HIV-Stamm durch die unterdrückte Viruslast belegt ist. Dies ist gerade bei so genannten „Salvage-Regimen“ („Rettungsregimen“), bei denen von den herkömmlichen Therapiemodalitäten abgewichen wird, wichtig, weil hier nahezu alle Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Auch die zum Teil weit über zehn Jahre dauernden Therapien einer Reihe von HIV-Patienten mit vielen verschiedener Therapieregimen macht es im Einzelfall schwierig, wenn nicht gar unmöglich, alle zu beachtenden Kreuzresistenten beziehungsweise Therapieversagen in der Vergangenheit zu überschauen und richtig zu beurteilen. Deshalb sollte nochmals mit Nachdruck darauf hingewiesen werden, dass bei Verletzungen an HIV-positiven Patienten, die mehr als zwei bis drei Therapieregime in der Krankheitsgeschichte aufweisen, umgehend Kontakt zu einem HIV-Schwerpunkt aufgenommen werden sollte, um die sehr guten Therapiemöglichkeiten nach beruflicher Exposition mit HIV nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Der Empfehlung der Autoren bei multipel vorbehandelten Patienten zwei Medikamente zu benutzen, mit denen der Patient bislang nicht therapiert worden ist, kann in dieser Form nicht zugestimmt werden. Vielmehr sollten bei multipel vorbehandelten HIV-Patienten bekannte Resistenzen und Kreuzresistenzen berücksichtigt werden und mindestens zwei voll wirksame Substanzen im Rahmen der Kombinationstherapie verabreicht werden, und wenn möglich neue Substanzklassen, die vom Patienten bislang noch nicht eingenommen wurden, benutzt werden. An dieser Stelle wäre es hilfreich für den Arzt, der nicht täglich mit der Therapie HIV-positiver Patienten beschäftigt ist, eine Liste mit möglichen Ansprechpartnern zu veröffentlichen oder zumindest mit einem Link im Internet zu verknüpfen, wie beispielsweise der Homepage des RKI oder von „HIV.net“, wo man jederzeit die entsprechenden Empfehlungen nochmals nachlesen kann.

Andreas Körber
Dr. med. Stefan Esser
HIV-STD Kompetenzzentrum-Nordrhein
Universitätshautklinik Essen
Hufelandstraße 55
45122 Essen

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