ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2006Prophylaxe gegenüber HBV, HCV und HIV nach beruflicher Exposition: Hepatitis-B-Impfschutz

MEDIZIN: Diskussion

Prophylaxe gegenüber HBV, HCV und HIV nach beruflicher Exposition: Hepatitis-B-Impfschutz

Dtsch Arztebl 2006; 103(7): A-417 / B-362 / C-345

Borchert, Kersten; Straile, Ulrich

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LNSLNS Wir möchten im Zusammenhang mit der beruflichen Exposition gegenüber HBV, HCV und HIV die Rolle der Betriebsärzte besonders hervorheben. In Deutschland ist die betriebsärztliche Versorgung aller Mitarbeiter des Gesundheitsdienstes und deren regelmäßige Betreuung gemäß den Unfallverhütungsvorschriften und der BiostoffVO vorgeschrieben. Personen, die von Nadelstichverletzungen betroffen sind, sind in der Mehrzahl im Gesundheitsdienst tätig. Bestandteil der arbeitsmedizinischen Vorsorge sind unter anderem serologische Untersuchungen auf Infektionsparameter und Impfungen gegen Hepatitis B.
Betriebsärzte besitzen in dieser Thematik große Sachkompetenz und verfügen über die im Fall der Kontamination wichtigen persönlichen Daten des Kontaminierten. Deshalb sind die Betriebsärzte oft diejenigen, die die Postexpositionsprophylaxe am besten durchführen können: Die Kenntnis der serologischen Befunde ist der Schlüssel zu den indizierten Maßnahmen.
Wir möchten außerdem darauf hinweisen, dass die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) zur Postexpositionsprophylaxe der Hepatitis B nicht den aktuellen Kenntnisstand widerspiegeln (1). Inzwischen ist bekannt, dass sich nach einer erfolgreichen Impfung von Patienten gegen Hepatitis B ein immunologisches Gedächtnis ausbildet. Das immunologische Gedächtnis persistiert über das Vorhandensein von anti-HBs hinaus
– das hat Auswirkungen auf das praktische Vorgehen. Im Jahr 2003 hat
eine Konsensuskonferenz der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten und das Kompetenznetz Hepatitis unter Berücksichtigung dieser Erkenntnisse neue Leitlinien erarbeitet (2, 3).
In den USA geht man sogar von einer lebenslänglichen Immunität nach erfolgreicher Impfung gegen HBV aus und verzichtet auf weitere Titerkontrollen. Konsequenterweise verzichtet man dort auch auf die vom Robert Koch-Institut vorgeschlagenen Maßnahmen bei länger zurückliegender Impfung.
Wir haben gemeinsam (Hep-Net und Unfallkasse Baden-Württemberg) ein Postexpositionsprophylaxe-Schema für Hepatitis B und C entwickelt. Bei dem Schema zu HBV haben wir die Erkenntnis berücksichtigt, dass bei der Beurteilung der Immunität mit dem Anti-HBs-Titer lediglich ein Parameter zur Beurteilung der humoralen Immunität zur Verfügung steht, jedoch die zelluläre Immunität, obwohl zweifellos vorhanden, mit Routinemethoden nicht messbar ist. Deshalb sind bei nicht länger als zehn Jahre zurückliegender erfolgreicher HBV-Impfung keine spezifischen Maßnahmen erforderlich. Dasselbe gilt, wenn die Impfung länger zurückliegt, aber ein aktueller Anti-HBs-Titer besteht oder bei der letzten betriebsärztlichen Untersuchung (die nicht länger als drei Jahre zurückliegt) ein ausreichender Schutz gegen Hepatitis B festgestellt wurde. In diesem Fall wurde keine Empfehlung zur Boosterung ausgesprochen.
Bei der Passivimpfung mit HB-Immunglobulin verweisen wir auf die internationale Fachmeinung (4), die eine Immunglobulingabe uneingeschränkt bis zu 48 h postexpositionell und nicht bis 24 h empfiehlt. Bei länger zurückliegender Exposition ist die Rücksprache mit einem hepatologischen Zentrum oder dem Kompetenznetz Hepatitis angeraten.
Die beiden Schemata sind im Internet zugänglich (www.kompetenznetz-hepatitis.de, www.uk-bw.de). Sie stellen einen Praxisleitfaden zur unmittelbaren Anwendung durch den Arzt dar, der die PEP durchführt.

Literatur
1. Anonymous: Immunisation against hepatitis B. Lancet 1988; i: 875–6 (IV).
2. Jilg W, Rink C, Kallinowski B: Immunprophylaxe der Hepatitis B. Z Gastroenterol 2004; 42: 698–702.
3. www.dgvs.de/leitlinien.htm.
4. Mitsui T, Iwano K, Suzuki S et al.: Combined hepatitis B immune globulin and vaccine for postexposure prophylaxis of accidental hepatitis B virus infection in hemodialysis staff members: comparison with immune globulin without vaccine in historical controls. Hepatology 1989; 10: 324–7.

Dr. med. Kersten Borchert
Kompetenznetz Hepatitis
Medizinische Hochschule Hannover
Abteilung Gastroenterologie, Hepatologie und
Endokrinologie
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover

Dr. med. Ulrich Straile
Unfallkasse Baden-Württemberg
Augsburger Straße 700
70329 Stuttgart

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