ArchivDeutsches Ärzteblatt6/1997Umweltpolitik: SPD fordert Aufklärung von Umweltkrankheiten

POLITIK: Aktuell

Umweltpolitik: SPD fordert Aufklärung von Umweltkrankheiten

Dtsch Arztebl 1997; 94(6): A-284 / B-244 / C-228

Glöser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der "Aktionsplan Umwelt und Gesundheit für Europa" müsse endlich in Deutschland umgesetzt werden. Dies forderten der umweltpolitische Sprecher der SPD, Michael Müller, dessen Stellvertreter Klaus Lennartz und der stellvertretende gesundheitspolitische Sprecher, Horst Schmidbauer, in einer Stellungnahme zu einer großen Anfrage der SPD-Bundestagsfraktion. Ziel des Aktionsplans, den die Europa-Konferenz "Umwelt und Gesundheit" der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) am 22. Juni 1994 in Helsinki beschlossen hat, sei es gewesen, die gesundheitlichen Voraussetzungen zu verbessern und Produktionsverfahren sowie Konsumgewohnheiten radikal zu ändern. Die Politik von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Seehofer sei jedoch antiquiert und nehme Forschungsergebnisse nicht zur Kenntnis.


30 Millionen Bürger leiden an Allergien
Allein in Deutschland hätten etwa 30 Millionen Bürger eine Allergie, heißt es weiter. Die Ursachen dieser unspezifischen und chronischen Krankheiten müßten erfaßt werden. Forschungsergebnisse legten nahe, daß besonders Schadstoffe in Luft und Wasser, Chemikalien in der Nahrung und Blei im Trinkwasser, Lärm und Streß sowie radioaktive und elektromagnetische Felder an der Entstehung von Krankheiten beteiligt sind. Umweltbelastungen seien auch Ursache chronischer Komplexkrankheiten, wie CFS (Chronic Fatigue Syndrome) oder MCS (Multiple Chemical Sensitivity).
Eine zentrale Aufgabe sei es daher, diese Belastungen zu vermindern. Daneben könnte die immunologische Forschung Wirkungszusammenhänge aufklären. Die Anwendung dieser Forschungsergebnisse müsse gezielt gefördert werden, statt sie "durch konkurrierende Zweige der medizinischen Wissenschaft zu verhindern". Die Grundlagenforschung im Bereich Umwelt und Gesundheit/Krankheit habe in Deutschland keinen hohen Stellenwert. "Die wirtschaftspolitische Sorge vor Restriktionen für industrielle Aktivitäten und die sozialpolitische Sorge vor zusätzlichen Kosten wirken als doppelte Bremse", so der Vorwurf der SPD.
Die große Anfrage umfaßt die Themenkomplexe Schadstoffe, Toxikologie und Immunologie, Forschung sowie Verbraucherschutz. Die Abgeordneten kritisieren, daß etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland "psychiatrisiert" werden, ohne daß vorher Umweltgifte oder Immunerkrankungen als mögliche Ursache ausgeschlossen worden seien.
Zudem monieren sie, daß das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin den Begriff "Multiple Chemical Sensitivity" in "Idiopathic Environmental Intolerances" umbenennen will. Diese "verschleiernde" Definition sei weder wissenschaftlich akzeptiert, noch werde sie von der WHO verwandt. Es sei ferner problematisch, daß MCS- und CFS-Patienten, deren Immunsystem angegriffen ist, Organe oder Blut spendeten. Darüber hinaus müßten neue wissenschaftliche Erkenntnisse über diese Krankheiten bei der Planung von Gesundheits- und Rehamaßnahmen berücksichtigt werden. Die Abgeordneten fordern zudem, ein Modellprojekt zur Diagnose und Behandlung von Patienten mit MCS und CFS zu initiieren. Ferner soll die Bundesregierung eine "Technische Anleitung (TA) Innenraum" erarbeiten, um die oft besorgniserregend hohen Schadstoffkonzentrationen in Innenräumen zu senken. Dr. Sabine Glöser

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema