ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2006Deutsches Bergbau-Museum: Einmalige Zeitzeugen

VARIA: Feuilleton

Deutsches Bergbau-Museum: Einmalige Zeitzeugen

Scheiper, Renate V.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Ein Nachbau des bronzezeitlichen Schiffs, die „Uluburun II", segelt zurzeit auf dem Mittelmeer. Fotos: DBM
Ein Nachbau des bronzezeitlichen Schiffs, die „Uluburun II", segelt zurzeit auf dem Mittelmeer. Fotos: DBM
Auf anschauliche Weise kann der Besucher der Ausstellung „Das Schiff von Uluburun – Welthandel vor 3 000 Jahren“ eine für die damalige Zeit sensationell weiträumige Handelsroute nachvollziehen.

Ein Schwammfischer meldete Anfang der 80er-Jahre den Behörden, dass merkwürdige, große „Kekse mit Ohren“ aus Metall in 60 Meter Tiefe lägen. Das war der Beginn der Sternstunde türkischer und US-amerikanischer Unterwasserarchäologen, die in mehr als zehnjähriger Arbeit die Reste des Wracks und vor allem die kostbare Ladung des vor 3 300 Jahren gesunkenen Schiffes in mühsamer Arbeit aus der Tiefe bargen.
Wissenschaftler vieler Disziplinen kümmerten sich um die Funde, die im türkischen Bodrum gereinigt wurden. Die „Kekse mit Ohren“ sind so genannte Talente (Gewichts- und Geldeinheiten) aus Kupfer in Form aufgespannter Ochsenhäute. Jedes wiegt 25 Kilogramm. Stapelweise lagen sie im bauchigen Rumpf des Schiffes, und genau so hatte das schräg abfallende Riff sie bewahrt. Daneben lagen zylinderförmige blaue und türkisfarbene Rohglasbarren, vermutlich aus Syrien, große Pithoi (Vorratsgefäße) und schön geformte Amphoren (Transportgefäße) aus Ton, die einst mit Olivenöl, Granatäpfeln und Oliven gefüllt waren sowie mit Pistazienharz vom Toten Meer. Ein Gefäß barg Keramik aus Zypern, ein anderes war mit Glasperlen gefüllt.
Einmaliger Fund außerhalb Ägyptens ist ein goldener Skarabäus mit dem Siegel der Königin Nofretete. Andere kostbare Gegenstände wie ein mykenischer Goldbecher, Goldschmuck und Prunkwaffen sprechen dafür, dass der Handelsherr oder Eigner des Schiffes die Waren persönlich begleitete. Die Hauptladung bestand aus zehn Tonnen Kupfer- und einer Tonne Zinnbarren, vermutlich aus Anatolien.
Holzreste wurden untersucht und ergaben mit anderen Datierungsergebnissen als Zeitraum des Untergangs 1 300 v. Chr. Seit diesem Fund besteht nun Gewissheit darüber, dass bereits vor 3 300 Jahren Handelsschiffe im Linienverkehr die Küsten des Mittelmeeres von Afrika über Kreta und Zypern bis zum Orient, entlang der anatolischen Süd- und Westküste, vorbei an Troja durch die Dardanellen bis ins Schwarze Meer befuhren.
Für die Wissenschaftler war es wie ein gigantisches, kriminalistisches Puzzle, die Gegenstände den Herkunftsländern zuzuordnen. Noch niemals haben die Funde von Uluburun die Türkei verlassen. Sogar in Bodrum im Museum der Burg ist nur ein kleiner Teil zu sehen, weil sie einmalige und kostbare Zeitzeugen sind. Nicht zuletzt Dr. Ünsal Yalcin, Kurator der Ausstellung und auf Archäometallurgie spezialisiert, ist es zu verdanken, dass zum 75-jährigen Bestehen des Deutschen Bergbau-Museums fast der komplette Schatz nach Bochum ausgeliehen wurde.
Massivgoldenes persönliches Siegel der ägyptischen Königin Nofretete
Massivgoldenes persönliches Siegel der ägyptischen Königin Nofretete
Auf anschauliche Weise kann der Besucher der Ausstellung „Das Schiff von Uluburun – Welthandel vor 3 000 Jahren“ im Deutschen Bergbau-Museum Bochum diese für damalige Zeit unglaublich weiträumige Handelsroute nachvollziehen: Auf den Fußboden des Hauptraumes ist die Karte der Schifffahrtsroute projiziert. Eingang zur Ausstellung ist der Bug des in voller Größe rekonstruierten Schiffes von nur 15 Metern Länge, in dessen bauchigem Laderaum originale Frachtstücke und Kopien so gestapelt und vertäut sind, wie es bei Seegang erforderlich war.
Ein Film mit Aufnahmen der 22 500 Tauchgänge in mehr als zehn Jahren vermittelt eine Ahnung, wie schwierig es war, große Amphoren, Pithoi, die teils miteinander verbackenen 350 Ochsenhautbarren à 25 kg und die großen Steinanker zu lösen und zu heben. Über eine Treppe gelangen die Besucher an Deck. Im zweiten Raum beeindrucken großartige Aufnahmen von der Situation der Taucher am Meeresgrund bei ihrer schwierigen Arbeit. Weit öffnet sich dann die Tür zum Saal, in dem über der Fußbodenkarte 180 Original-Exponate in geschickt aufgestellten Glasvitrinen zu sehen sind.
Leihgaben anderer Museen sind einigen Exponaten zur Seite gestellt, um Situationen zu verdeutlichen. Fotos an den Wänden von zu den Funden gehörenden archäologischen Grabungsstätten wie Troja und dem Hethitischen Hinterland Anatolien bei Bogazköy/Hattuša vermitteln zusätzlich ein Bild der Spannbreite der Kulturen.
Renate V. Scheiper

Informationen: Bis zum 16. Juli ist die Sonderausstellung im Deutschen Bergbau-Museum, Am Bergbaumuseum 28, 44791 Bochum zu sehen. Telefon: 01 80/58 77-2 34, Fax: 58 77-1 11. Internet: www.uluburun.de. Geöffnet: dienstags bis freitags 8.30 bis 17 Uhr, samstags und sonntags 10 bis 17 Uhr. Eintritt: 6,50 Euro, ermäßigt 3 Euro. Die Ausstellung wird von Vorträgen und Workshops begleitet. Der Ausstellungskatalog (knapp 700 Seiten) in Deutsch und Türkisch mit vielen Abbildungen und Aufsätzen verschiedener Wissenschaftler kostet 35 Euro (ISBN 3-937203-18-4).
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema