ArchivDeutsches Ärzteblatt6/1997Pestizide: Risikopotential wird unterschiedlich beurteilt

POLITIK: Medizinreport

Pestizide: Risikopotential wird unterschiedlich beurteilt

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Pestizide sind in die Diskussion geraten. Untersuchungen des Göttinger Umwelthygienikers Prof. Hartmut Dunkelberg sorgten für schlechte Publizität. Fünf von 16 untersuchten Pestiziden erwiesen sich in vitro als genotoxisch. Im Januar vergangenen Jahres richteten die Grünen eine kleine Anfrage "Gesundheitsgefährdung durch Umweltchemikalien mit hormonellen Wirkungen" an die Bundesregierung. Darin ging es auch um die derzeit aktuelle Frage, ob Pestizide an der vermeintlichen "Spermienkrise" beteiligt sind. In Presseberichten wurden Pflanzenschutzmittel sogar als eine mögliche Ursache für die Leuk-ämie genannt.


Die Sorgen werden ernst genommen
Wohl im Versuch, die Diskussion zu versachlichen, lud der Industrieverband Agrar e.V. (IVA), ein Zusammenschluß der Pestizidhersteller, kürzlich zu einem "Journalisten-Workshop" ein. Dort zeigte sich jedoch, daß auch auf Expertenebene die Sicherheit von synthetischen Pflanzenschutzmitteln sehr unterschiedlich beurteilt wird.
Für Prof. Dr. Friedrich Berschauer (Bayer AG) ist die Aufregung um die Gefährlichkeit der Pestizide nur schwer nachvollziehbar. Er hält die ganze Diskussion nicht nur für unsinnig, sondern auch für schädlich. Ohne Pflanzenschutz sei eine ausreichende Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung schon bald nicht mehr möglich. Auch in Deutschland seien Mißernten keineswegs auszuschließen.
Die Industrie nähme die Sorgen ernst und arbeite an einer Verringerung der eingesetzten Mengen. Tatsächlich ist der Einsatz von Pestiziden in Deutschland in den letzten Jahren gesunken. Von 1989 bis 1995 hat sich der Absatz von 63 110 auf 30 470 Tonnen halbiert. Dies ist allerdings vor allem auf den geringeren Einsatz in den neuen Bundesländern zurückzuführen. In der DDR waren in den 80er Jahren fast genauso viele Pestizide eingesetzt worden wie in der damaligen Bundesrepublik.
Die Hersteller führen als Argument für die hohe Sicherheit ihrer Produkte an, daß Pflanzenschutzmittel aufgrund der gesetzlichen Regelungen zu den am besten untersuchten Chemikalien gehörten. Für Dunkelberg ist dies allenfalls die halbe Wahrheit. Der Umwelthygieniker beklagte sich bitter darüber, daß die für die Zulassung erhobenen Daten nicht in Fachzeitschriften publiziert würden. Für interessierte Forscher seien die Daten deshalb vielfach unerreichbar. Die kritische Betrachtung sei jedoch notwendig. In der Vergangenheit habe es wiederholt Mängel und Fehleinschätzungen bei der Bewertung des krebserzeugenden Potentials gegeben, "in vielen Fällen mit der Folge des Anwendungsverbotes".
Dunkelberg geht es jedoch nicht nur um das Aufspüren von Fehlern in den von der Industrie erhobenen Daten. Neben toxikologischen Bedenken ist seine Kritik auch naturphilosophisch begründet. Dunkelberg befürchtet, daß der Einsatz von Pestiziden zu Veränderungen der landwirtschaftlichen Kulturlandschaft führt und dadurch indirekt zu einer ge-sundheitlichen Beeinträchtigung der Bevölkerung: "Das entscheidende Merkmal von Lebewesen, die Selbstorganisation oder Autopoiese, geht durch Fremdsteuerung wie durch Anwendung von Pflanzenschutzmitteln verloren. Die befragte Natur kann nicht mehr zentrale Antworten zur Organisation des Lebens geben, wenn die Lesbarkeit naturbezogener und lebenstypischer Phänomene zerstört ist." Orientierungslosigkeit sowie immer häufiger auftretende Umweltkrankheiten würden dadurch gefördert.
Auf prinzipielle Schwächen toxikologischer Untersuchungen wies Dr. Wolfgang Lingk (Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin) hin. So sehe die Prüfrichtlinie zur Untersuchung der Karzinogenität an Nagetieren vor, daß 50 Tiere pro Geschlecht und Dosis verwendet werden sollen. "Hat jedoch ein Pestizid ein Risiko von drei Prozent, einen Krebs auszulösen, so wird dies in fünf Prozent der Versuche nicht entdeckt."
Selbst wenn man 1 000 Versuchstiere pro Dosis einsetzte, würde bei einem negativen Ergebnis bei einer Vertrauensgrenze von 90 Prozent davon auszugehen sein, daß ein unerkanntes Risiko von 2,3 Krebsfällen pro 1 000 Tiere bestehen könnte. Eine größere Sicherheit ist durch Tierversuche nicht möglich. Lingk: "Wollte man mit 99,9prozentiger Sicherheit ausschließen, daß nicht mehr als zwei Tumoren auf eine Million Versuchstiere auftreten, so müßten diesem Sicherheitsbedürfnis ungefähr drei Millionen Versuchstiere geopfert werden."
Für Prof. Otfried Strubelt (Medizinische Klinik Lübeck) sind die heute eingesetzten Pestizide weitgehend unproblematisch. Der Toxikologe bezweifelte die Relevanz von In-vitro-Untersuchungen und tierexperimenteller Studien für die Beurteilung der Karzinogenität von Pflanzenschutzmitteln (und anderer Substanzen). In publizierten epidemiologischen Studien, die eher einen Hinweis auf eine Gesundheitsgefährdung beim Menschen geben können, sei in keinem Fall eine eindeutige karzinogene Wirksamkeit nachgewiesen worden.


Verbraucher ist nicht schutzlos
Gegen eine massive Gefährdung des Menschen durch synthetische Pestizide spricht nach Ansicht Strubelts, daß die Pflanzen selber pestizidähnliche Substanzen herstellen, mit denen sie sich in begrenztem Maße vor Krankheiten schützen. "Man schätzt, daß pro Person und Tag in den USA etwa 1 500 mg natürliche Pestizide aufgenommen werden, was 10 000mal mehr ist als die Aufnahme an Rückständen synthetischer Pestizide."
Strubelt verwies auf einen vor wenigen Wochen erschienenen Report des National Research Council der USA, in dem die karzinogene und auch nichtkarzinogene Wirksamkeit natürlicher und synthetischer Bestandteile der Nahrung bewertet wurde. Lediglich vier der von der Kommission aufgeführten Substanzen seien in Deutschland derzeit noch im Handel: "Es handelt sich um Amitrol, das als Herbizid heute vor allem auf Wegen und Plätzen eingesetzt wird, um Dichlorvos, das zur Bekämpfung von Insekten im Haus- und Vorratsschutz zugelassen ist, sowie um die als Herbizide im Getreideanbau benutzten Chlorphenoxyessigsäure-Derivate 2,4Dichlorphenoxyessigsäure und Methylchlorphenoxyessigsäure."
Ganz schutzlos ist der Verbraucher hingegen nicht. Die Rückstands-Höchstmengenverordnung nach dem Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetz (LMBG) setzt Grenzwerte für über 400 Stoffe fest. Sie wird regelmäßig aktualisiert und berücksichtigt bereits EU-Richtlinien. Die Überprüfung gestaltet sich laut Dr. Willi Gilsbach (Landesuntersuchungsamt für das Gesundheitswesen Nordbayerns in Erlangen) nicht immer einfach. In Deutschland seien derzeit 190 verschiedene Wirkstoffe im Einsatz, EU-weit sogar über 800.
Die Analytik ist zu umfangreich und zu teuer, um die Nahrungsmittel auf Rückstände aller Substanzen zu überprüfen. Wenn kontrolliert wird, werden die Behörden jedoch häufig fündig. Überschreitungen hat es in der Vergangenheit vor allem bei Erdbeeren und Kopfsalat gegeben. In den meisten Fällen wurden Fungizide und Insektizide nachgewiesen. Die in der Kritik stehenden Unkrautvernichtungsmittel (Herbizide) spielten nur eine untergeordnete Rolle.
Einen guten gesetzlichen Schutz vor Pestiziden genießen Neugeborene. Für sie gilt die Deutsche Diätverordnung aus dem Jahr 1975. Sie schreibt eine Höchstgrenze für alle Schadstoffe von 0,01 Mikrogramm/kg Produkte fest. Dies entsprach der damaligen Nachweisgrenze. Diese Regelung habe sich in den letzten 20 Jahren sehr bewährt, meint Prof. Berthold Koletzko. Er sieht den Standard jedoch durch die anstehende Harmonisierung auf EU-Ebene gefährdet. Eine kürzlich verabschiedete Direktive der EU für Beikostprodukte sehe statt einer generellen Schadstoffbegrenzung Höchstmengen für einzelne Schadstoffe vor. Dadurch würden Lücken für nicht erfaßte oder neue Pestizide geschaffen. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin forderte bereits im letzten Jahr die verantwortlichen Politiker dazu auf, sich für die Beibehaltung der alten Rückstands-Höchstmengen einzu- setzen. Der 99. Deutsche Ärztetag hatte sich dieser Stellungnahme angeschlossen. Rüdiger Meyer

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