ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2006Wunschmedizin: Ausgrenzung mit System

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Wunschmedizin: Ausgrenzung mit System

Dtsch Arztebl 2006; 103(8): A-433 / B-377 / C-361

Rieser, Sabine

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LNSLNS Zahnspangen, Brustvergrößerung, geplanter Kaiserschnitt – immer häufiger verlangen Patienten von ihren Ärzten medizinische Untersuchungen und Eingriffe, die medizinisch nicht notwendig erscheinen. Umgekehrt mehren sich Berichte über Praxen, in denen individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) angeboten werden. Die Diskussion darüber, was für den Einzelnen medizinisch sinnvoll ist und vor allem, was seine Krankenkasse für ihn bezahlen sollte, reißt nicht ab.
Dem Thema Wunschmedizin widmete sich am 17. und 18. Februar das 32. Symposion für Juristen und Ärzte, veranstaltet von der Kaiserin-Friedrich-Stiftung in Berlin. Die Ärzte unter den Referenten machten deutlich, dass sich oft nur im Einzelfall beurteilen lässt, ob etwas medizinisch geboten oder Wunschmedizin ist, nicht aber pauschal für eine bestimmte Methode. So wies Prof. Dr. med. Thomas Kersting, Berlin, darauf hin, dass bestimmte künstliche Hüftgelenke nicht per se ein Luxusangebot seien, sondern für jüngere oder sportlich aktive Patienten eine sinnvolle medizinische Option.
Grundsätzlicher äußerte sich Rechtsanwalt Herbert Wartensleben. „Durch systematische Ausgrenzung wird immer mehr zur Wunschleistung degradiert, worauf eigentlich ein Anspruch besteht“, befand der Jurist. Das liege unter anderem daran, dass mit unbestimmten Rechtsbegriffen wie „notwendig“ oder „ausreichend“ gearbeitet werde. Während die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der privaten Kran­ken­ver­siche­rung Leistungen auch für den Fall vorsähen, dass sich eine Behandlung in der Praxis bewährt habe oder dass keine schulmedizinischen Methoden zur Verfügung stünden, werde dieses Erfahrungswissen der Ärzte für Kassenpatienten systematisch eliminiert.
Wartensleben ergänzte, es sei zudem „vornehmste Aufgabe eines Gesetzgebers, menschliche Konfliktsituationen zu vermeiden“. Stattdessen führe man sie in der Gesundheitspolitik immer wieder herbei und belaste so das Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Das Arzneimittel-Sparpaket beispielsweise führt die Ärzte nach Meinung des Anwalts in Versuchung, weniger zu verschreiben. Aber selbst wenn Ärzte zum Wohl ihrer Patien-ten einen Malus in Kauf nähmen, müssten sie sich dann ihr unwirtschaftliches Verordnungsverhalten vorwerfen lassen. Sabine Rieser
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