ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2006Arzneimittel-Nebenwirkungen: Starker Einfluss auf kognitive Fähigkeiten

AKTUELL: Akut

Arzneimittel-Nebenwirkungen: Starker Einfluss auf kognitive Fähigkeiten

Dtsch Arztebl 2006; 103(8): A-437 / B-381 / C-365

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Viele gesunde ältere Menschen werden mit Arzneimitteln behandelt, die als unerwünschten Nebeneffekt eine anticholinerge Wirkung haben. Dadurch werden die kognitiven Fähigkeiten der Senioren bis zu einem Grad herabgesetzt, der mit der Diagnose der Alzheimer-Vorstufe „mild cognitive impairment“ (MCI) vereinbar ist (British Medical Journal 2006: doi: 10.1136/ bmj.38740.439664.DE). Nicht allen Ärzten dürfte bewusst sein, wie viele der Medikamente, die sie tagtäglich verschreiben, anticholinerge Effekte haben. Beschrieben sind sie für Antiemetika, Spasmolytika, Bronchodilatatoren, Antiarrhythmika, Antihistaminika, Analgetika, Antihypertensiva, Parkinsonmittel, Kortikosteroide, Muskelrelaxanzien, Ulkusmedikamente und psychotrope Wirkstoffe. Studien zeigen, dass in US-Pflegeheimen ein Drittel der Bewohner mehr als zwei Medikamente mit anticholinergen Eigenschaften einnimmt, fünf Prozent erhalten sogar mehr als fünf Mittel. Unter den Teilnehmern des Eugeria-Projekts, einer longitudinalen Kohortenstudie, war der Anteil nicht ganz so hoch.

Von den 372 Teilnehmern, älter als 60 Jahre, hatte etwa jeder zehnte über längere Zeit ein Medikament mit anticholinerger Wirkung eingenommen. Bei der neurologischen Untersuchung zeigte sich, dass diese Patienten, verglichen mit Nicht-Anwendern anticholinerger Wirkstoffe in verschiedenen kognitiven Leistungen beeinträchtigt waren. Sie erzielten schlechtere Ergebnisse bei Reaktionszeiten, Aufmerksamkeit, nonverbalem Gedächtnis, narrativem Erinnern, räumlichem Vorstellungsvermögen und Sprachaufgaben. Urteilsvermögen, kurz- und mittelfristiges Memorieren von Wortlisten und implizite Gedächtnisfunktionen waren dagegen nicht häufiger beeinträchtigt als bei den Nicht-Anwendern. Insgesamt waren die Störungen jedoch so weit ausgeprägt, dass die Gruppe um Karen Ritchie vom Hôpital La Colombière in Montpellier bei 80 Prozent der Anwender eine MCI diagnostizierte, während der Anteil bei den Nicht-Anwendern 35 Prozent betrug.

Für die Anwendung von anticholinergen Mitteln errechneten die Wissenschaftler eine Odds Ration von 5,12 (p = 0,001), also ein mehr als fünffach erhöhtes Risiko. Allerdings fanden sie nach acht Jahren Beobachtungszeit keinen Hinweis dafür, dass die Anwender ein erhöhtes Risiko auf die Entwicklung einer Demenz haben. Die anticholinerge Wirkung scheint reversibel. Rüdiger Meyer
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