ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2006Qualitätsberichte: Ziel verfehlt

POLITIK: Kommentar

Qualitätsberichte: Ziel verfehlt

Dtsch Arztebl 2006; 103(8): A-444 / B-388 / C-371

Müller, Dirk

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LNSLNS Termingerecht sind die Krankenhäuser der Verpflichtung nachgekommen und haben zum 1. August 2005 die geforderten „strukturierten Qualitätsberichte“ via Internet unter www.g-qb.de der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Die Hauptlast der monatelangen Bearbeitung und Fertigstellung trugen die für das Qualitätsmanagement zuständigen Mitarbeiter. Hinterfragt werden sollte, ob mit den nun vorliegenden Qualitätsberichten den ursprünglichen Absichten der „Erfinder“ wirklich entsprochen wird. Diese wollten auf Grundlage einer allgemein angestrebten Transparenz den Patienten eine Entscheidungshilfe bei Elektivbehandlungen bieten. Leider sieht die Realität ganz anders aus. Macht man sich die Mühe und begibt sich ins Internet, so wird man von Qualitätsberichten im Umfang von 50 bis 150 Seiten pro Krankenhaus erschlagen. Der Basisteil beinhaltet hauptsächlich Strukturdaten und die so genannten Top-10-Listen. Mit diesen können die Patienten als medizinische Laien nur wenig anfangen. Die Angaben stellen somit keine Hilfe für eine Krankenhauswahl dar. Im daran anschließenden Systemteil wird man mit der jeweiligen Qualitätspolitik und dem Klinikmanagement vertraut gemacht. Dabei kann jedes Haus inhaltlich wie auch im Umfang frei entscheiden, welche Kriterien dem Leser angeboten werden sollen. Der so wichtige Anspruch auf Vergleichbarkeit entfällt somit.
Eine Befragung im November 2005 von allen innerhalb einer Woche neu aufgenommenen Elektivpatienten und deren Angehörigen ergab, dass drei Prozent wussten, dass es Qualitätsberichte im Inter-net gibt. Von ihnen machte aber niemand Gebrauch. Welch ein deprimierendes Ergebnis! Umso schmerzhafter erscheint diese Tatsache, wenn man den Arbeitsaufwand bis zur Fertigstellung bedenkt. Da damit vor allem ärztliche Mitarbeiter befasst sind, geht bei der derzeitigen Personalsituation die Erarbeitung der Qualitätsberichte unvermeidlich zulasten der Patientenversorgung.
Das von der Politik vorgegebene Ziel, strukturierte Qualitätsberichte als eine Entscheidungshilfe für die Patienten anzubieten, wird verfehlt. In einer Pressemitteilung vom 29. September 2005 gestand der AOK-Bundesverband, die federführende Institution bei der Durchsetzung der Qualitätsberichte, ein, dass für die Patienten die effiziente Nutzung sehr schwierig ist. Selbst für Leser mit einer schnellen Auffassungsgabe sei es mühsam, die gesuchte Information aus der Fülle von 120 000 PDF-Seiten herauszufiltern. Angesichts dieser Blamage wird nun von der AOK ein Datenbanksystem mit Abfrageoption gefordert. Die Verantwortlichen müssen künftig sinnvollere Methoden zur Beobachtung der Qualität in den Krankenhäusern entwickeln. Notwendig sind wenige, einfach verständliche, aber konkret definierte Indikatoren. Diese müssen auf die Hauptzielgruppe, auf die Patienten, abgestimmt werden. Erst dann wird eine Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen medizinischen Einrichtungen möglich sein. Dr. med. Dirk Müller
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