ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2006Medizinische Innovationen: Krankenkassen wollen mitbewerten

POLITIK

Medizinische Innovationen: Krankenkassen wollen mitbewerten

Dtsch Arztebl 2006; 103(8): A-446 / B-389 / C-372

Gerst, Thomas

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LNSLNS Das Projekt „Innovationsbegleitung“ des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen soll eine schnellere Bewertung neuer Methoden vor allem im stationären Bereich ermöglichen.

Wir Krankenkassen haben eine sehr defensive Position zum Thema Innovation. Aus dieser Ecke müssen wir herauskommen.“ Rolf Stuppardt, Vorstandsvorsitzender des IKK-Bundesverbandes, will gar nicht erst den Verdacht aufkommen lassen, die Krankenkassenverbände hätten sich ein neues Instrumentarium für Einsparversuche im Gesundheitswesen ausgedacht. „Krankenkassen und alle Behandler“, fährt Stuppardt fort, „haben ein gemeinsames Interesse an einer frühzeitigen Implementierung von Innovationen ins Gesundheitswesen.“ Und weil die Umsetzung neuer Methoden derzeit zu lange dauere und weil Innovationen oft erst als Regelleistung ins Gesundheitssystem kämen, wenn sie nicht mehr innovativ sind, sei ein eigenständiges Innovationsmanagement der Krankenkassen von deren Spitzenverbänden ins Leben gerufen worden. Das beim Medizinischen Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) eingerichtete Projekt „Innovationsbegleitung“ solle darauf hinwirken, geeignet erscheinende Innovationen möglichst früh zur Verfügung zu stellen und diese parallel im Sinne einer praxisorientierten Versorgungsforschung zu evaluieren.
Der Titel „Medizinische Innovationen – Spreu oder Weizen?“, unter dem das Projekt „Innovationsbegleitung“ beim Sozialmedizinischen Expertenforum des MDS am 16. Februar in Berlin vorgestellt wurde, lässt jedoch wenig Zweifel daran, dass hiermit auch einer beliebigen Ausweitung neuer Methoden entgegengewirkt werden soll. Angesichts der für den ambulanten und stationären Bereich unterschiedlichen Bewertungsverfahren des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) bei medizinischen Innovationen bestehe die Gefahr, so Dr. med. Peter Schräder, Leiter des Fachbereichs Sozialmedizin des MDS, dass die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung im stationären Bereich über Jahre hinweg neue Verfahren bezahlt, deren Nutzen nicht belegt ist oder die sogar ein höheres Risikopotenzial als vergleichbare Behandlungen haben. Ab einem gewissen Verbreitungsgrad würden diese Verfahren in der Regel auch vergütet, zum Beispiel über die Abbildung im DRG-System oder Zusatzentgelte. Dringend erforderlich sei deshalb, vor der flächendeckenden Einführung eines neuen Verfahrens dessen Nutzen nachzuweisen. Mit dem Projekt „Innovationsbegleitung“ beim MDS wollen die Spitzenverbände der Krankenkassen auch dafür sorgen, dass überflüssige, schädliche und unwirtschaftliche Innovationen gar nicht erst auf breiter Ebene in der gesundheitlichen Versorgung Anwendung finden.
Trotz fehlender Evidenz positive Methodenbewertung
Als positives Beispiel, wie Innovationen schneller in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) aufgenommen werden könnten, stellte Prof. Dr. med. Johannes Giehl die Methodenbewertung zur Vertebroplastie durch das Kompetenz-Centrum „Qualitätssicherung/Qualitätsmanagement“ beim MDK Baden-Württemberg vor. Bei der Vertebroplastie handelt es sich um eine intravertebrale Wirbelkörperaussteifung mittels Knochenzement. Die Wirksamkeit des Verfahrens bei der Behandlung osteoporotischer Wirbelfrakturen sei derzeit nach der maximalen Evidenzklasse auf der Grundlage der vorliegenden Studien nicht zureichend belegt. Das Operationsverfahren werde aber bereits breitflächig angewandt; eine Therapiealternative bestehe kaum. Trotz eines offenbar positiven Wirksamkeitspotenzials seien kontrollierte klinische Studien, die den Nutzen belegen, derzeit nicht zu erwarten. Ein Ausschluss aus dem GKV-Leistungskatalog werde deshalb nicht empfohlen, sondern der G-BA solle sich nach Definition bestimmter Struktur-, Prozess- und Ergebnisparameter für die Maßnahme entscheiden.
Marktbereinigung im Nachhinein ist schwierig
Wie zuvor schon Stuppardt wandte sich bei dem Sozialmedizinischen Expertenforum des MDS auch der Vorsitzende des G-BA, Dr. jur. Rainer Hess, gegen die vorherrschende Einschätzung, schon heute sei der medizinische Fortschritt nicht mehr finanzierbar. Bei sachgemäßen Umgang könne man sich noch viele Innovationen im Gesundheitssystem leisten. Wichtig sei es allerdings, neue Methoden in einen definierten Versorgungskontext zu stellen. Kontraproduktiv sei es, wenn zum Beispiel Statine oder Insulinanaloga über Jahre hinweg als Innovationen auf den Markt geworfen werden, ohne dass ihr Zusatznutzen evidenzbasiert nachgewiesen worden ist. Wie etwa bei der Protonentherapie schaffe sich hier die Industrie einen Markt, der im Nachhinein auf evidenzbasierter Grundlage nur noch schwierig einzudämmen sei. Darauf, dass sich dies aus Sicht des Patienten durchaus anders darstellt, machte Dr. Martin Danner von der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe aufmerksam. „Mit allem, was neu ist, ist eine Chance auf Heilung verbunden.“ Auch bei der Bewertung der Insulinanaloga durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) wäre das Ergebnis wohl anders ausgefallen, wenn man den für Diabetiker sehr relevanten Spritz-Ess-Abstand berücksichtigt hätte. Thomas Gerst
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