ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2006Bundes­psycho­therapeuten­kammer: „Die Integration war wichtig – trotz der heftigen Konflikte“

POLITIK

Bundes­psycho­therapeuten­kammer: „Die Integration war wichtig – trotz der heftigen Konflikte“

Dtsch Arztebl 2006; 103(8): A-448 / B-390 / C-373

Bühring, Petra

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Fotos: Eberhard Hahne
Fotos: Eberhard Hahne
Der Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer, Prof. Dr. phil. Rainer Richter, über die Zunahme psychischer Erkrankungen, die Professionalisierung der Psychotherapeuten und das Verhältnis zur Selbstverwaltung

INTERVIEW

DÄ: Psychische Erkrankungen nehmen zu. Seit Anfang der 90er-Jahre ist beispielsweise nach Angaben des BKK-Bundesverbandes eine Steigerung um 25 Prozent zu verzeichnen. Womit erklären Sie diesen Zuwachs?
Richter: Es ist noch gravierender, weil nicht nur die Prävalenzen gestiegen sind, sondern noch dramatischer die Arbeitsunfähigkeitstage und Frühberentungen wegen psychischer Erkrankungen. Offenbar sind alle Bevölkerungsschichten betroffen, das ist das eigentlich Beunruhigende dabei. Zu den Ursachen machen sich Wissenschaftler seit mehr als 15 Jahren Gedanken: Vermutet wird die tatsächliche Erhöhung der Erkrankungsraten über verbesserte Diagnostik, die erhöhte Bereitschaft der Menschen, auch psychische Erkrankungen bei sich wahrzunehmen, zu akzeptieren und sich in Behandlung zu begeben. Ich bin auch überzeugt, dass einige psychische Erkrankungen tatsächlich häufiger auftreten. Solche, die mit den veränderten Anforderungen an das Individuum zu tun haben.

DÄ: Hat die Bundes­psycho­therapeuten­kammer, als Ansprechpartner für psychische Erkrankungen, von der Politik bereits das nötige Gehör gefunden?
Richter: Das Problem wird von der Politik gesehen, aber es fehlen Konzepte, wie der Zunahme der psychischen Erkrankungen sinnvoll entgegengesteuert werden könnte. Aber man muss differenzieren: Die Politiker vor Ort, die die Probleme sehen, haben eine höhere Handlungsbereitschaft. Je höher man kommt, desto weniger werden Handlungsstrategien gesucht. Das betrifft die Krankenkassen, die zwar alle Vierteljahre neue Statistiken über die Zunahme psychischer Erkrankungen veröffentlichen, andererseits aber die für eine ausreichende Versorgung notwendigen zusätzlichen Ressourcen nicht zur Verfügung stellen.

DÄ: Die Versorgung psychisch Kranker ist also nicht ausreichend?
Richter: Für Kinder und Jugendliche müsste die Versorgung auf jeden Fall verbessert werden. Wir haben selbst in den Ballungszentren, aber insbesondere in den ländlichen Regionen eine dramatische Unterversorgung. Das heißt, selbst dann, wenn der Kinderarzt eine Behandlungsbedürftigkeit attestiert – und der ist in aller Regel die erste Anlaufstelle –, findet er weder einen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten noch einen Kinder- und Jugendpsychiater, nicht mal mehr eine qualifizierte Beratungsstelle.

DÄ: Woran liegt das, und wo könnte man ansetzen, um die Unterversorgung zu beheben?
Richter: Es gibt qualifizierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP), die sich aber aufgrund der Zulassungssperre nicht niederlassen können. Man müsste
die Bedarfsplanung für KJP korrigieren. Als Nächstes müsste man sehen, dass der Beruf des KJP attraktiver wird, dass mehr Studienabsolventen diese Ausbildung wählen. Das ist im Moment nicht der Fall, weil bekannt ist, dass man sich im Moment nicht niederlassen kann – also warum soll jemand diesen Beruf noch wählen?
DÄ: Würde ein neuer Vorstoß für ein Präventionsgesetz helfen, gegen die Zunahme psychischer Erkrankungen anzusteuern?
Richter: Wir hoffen, dass als Präventionsziel psychische Gesundheit aufgenommen wird. Das ist bisher explizit so nicht der Fall gewesen. Seit vielen Jahren haben Psychotherapeuten Programme entwickelt, die man umsetzen könnte. Das reicht von der Frühintervention in Familien bis hin zur Prävention von psychosomatischen Erkrankungen, die sehr viel mit dem Lebensstil zu tun haben, aber auch mit der Art und Weise, wie wir in unserer Gesellschaft mit Emotionen und Konflikten umgehen. Das Problem ist, dass die Prävention nicht in den nächsten zehn Jahren die Raten senken wird, sondern mit einer zeitlichen Verzögerung. Wir müssen also überlegen, was man kurzfristig
machen kann, damit sich diese
Entwicklung – die übrigens europaweit zu beobachten ist – nicht für die nächsten zehn bis 15 Jahre fortsetzt. Die Zunahme psychischer Erkrankungen ist keine deutsche Spezifität oder – wie auch manchmal behauptet wird – Folge der besonders guten Versorgung psychisch Kranker durch Psychotherapeuten, die gewissermaßen den Bedarf selber schaffen.

DÄ: Welche Einflussmöglichkeiten haben die Vertreter der Psychologischen Psychotherapeuten in den Gremien der ärztlichen Selbstverwaltung?
Richter: Sie haben zu wenig Einfluss. Die 10-Prozent-Quotenregelung ist unserem Berufsstand unangemessen. In vielen KVen sind mehr als nur zehn Prozent der Mitglieder einer KV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung Psychologische Psychotherapeuten. Es ist ein Eingriff in die Demokratie, wenn man solche Quoten schafft.
Noch schwieriger und der Versorgung nicht angemessen ist die 40-Prozent-Regelung für ärztliche Psychotherapeuten in Bezug auf die Zulassungen. Das Gesetz sieht eine Mindestquote von 40 Prozent ärztlicher Psychotherapeuten vor, bevor sich weitere Psychologische Psychotherapeuten niederlassen können. Das führt dazu, dass Letztere sich praktisch nirgendwo mehr niederlassen können, obwohl es nicht so viele ärztliche Psychotherapeuten gibt, die sich niederlassen wollen. Die 40-Prozent-Quote war von Anfang an nicht sinnvoll. Sie läuft im Jahr 2008 aus, und sie sollte nicht verlängert werden.

DÄ: Das Psychotherapeutengesetz 1999 ermöglichte auch die Gründung von Psychotherapeutenkammern, durch die inzwischen der Beruf des Psychotherapeuten professionalisiert wurde. Ändert das die öffentliche Wahrnehmung des Berufsbildes?
Richter: Eindeutig ja, sowohl durch das Gesetz – das war ein Meilenstein für die Wahrnehmung der niedergelassenen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Ganz wichtig war auch die Integration in die Kassenärztlichen Vereinigungen – trotz aller Verwerfungen und heftiger Konflikte, die es gab und immer noch gibt.

DÄ: Konnten die Psychotherapeutenkammern sich beim Aufbau der Strukturen, der ja in rasantem Tempo verlief, an denen der Ärztekammern orientieren? War das hilfreich?
Richter: Es waren nicht nur die Strukturen, sondern vor allem die Personen: Wir haben sehr viel Unterstützung von den ärztlichen Kollegen und auch von den Mitarbeitern der Selbstverwaltung bekommen. Wir haben in vielen Bundesländern und auf Bundesebene eine gute, fast freundschaftliche Kooperation zwischen den Ärztekammern und den Psychotherapeutenkammern. In vielen Punkten haben wir auch festgestellt, dass wir es anders machen müssen und wollen als die Ärzte. Beispielsweise in Bezug auf unsere (Muster-)Berufsordnung und die Abstinenzdiskussion. Der Sachverhalt, dass ein Psychotherapeut die Beziehung zum Patienten nicht dazu nutzen darf, eigene Bedürfnisse im weitesten Sinne zu befriedigen, ist ein explizit psychotherapeutisches Thema und muss in der Berufsordnung geregelt werden. Internisten könnten aber die Arzt-Patient-Beziehung genauso missbrauchen, ohne dass dies explizit in der ärztlichen Berufsordnung geregelt ist. Unsere Diskussion wird also Auswirkungen auf den ärztlichen Bereich haben.

DÄ: Die Kooperation mit den Ärztekammern läuft also gut. In Bezug auf die Vergütung der Psychotherapie lief ja nicht immer alles so harmonisch...
Richter: Das liegt an der Besonderheit, dass die Psychotherapeuten eine zeitgebundene Leistung haben im Unterschied zu allen anderen Arztgruppen. Wir können eben nicht unser Einkommen dadurch steuern, dass wir mehr Patienten versorgen oder mehr Leistung erbringen. Daraufhin haben wir ja den festen Punktwert gerichtlich erkämpft. Wir haben etwas erreicht mit der Devise „Nicht jammern, sondern klagen“. Der feste Punktwert schafft den Psychotherapeuten ein ausreichendes Auskommen, keine Reichtümer. Aber es geht eben zulasten der fachärztlichen Vergütung, und das schafft Neid – und mit Neid gehen wir alle unterschiedlich um.

DÄ: Hat die Vergütungsproblematik die Integration erschwert?
Richter: Nein, ich glaube nicht. Das hat in einzelnen KVen zu heftigen Spannungen geführt, aber das war nötig. Die Berufsgruppe der Ärzte ist seit Jahrhunderten etabliert, und plötzlich kommt eine neue per Gesetz hinein – da sind heftige Konflikte normal. Dass diese Konflikte über das Geld ausgetragen werden, liegt nahe. Mittelfristig ist es besser, dass es Krach gibt, weil man merkt: So geht es nicht, aber wir müssen trotzdem miteinander auskommen und nach einer konstruktiven Lösung suchen. DÄ-Fragen: Petra Bühring
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