THEMEN DER ZEIT

Materialismusstreit: Ohne Phosphor kein Gedanke!

Dtsch Arztebl 2006; 103(8): A-466 / B-401 / C-383

Goddemeier, Christof

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Foto: picture-alliance/agk
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Ludwig Büchners „Kraft und Stoff“ erschien im Jahr 1855.

Schon die Griechen der Antike betrachteten die Vorgänge des Lebens sowohl „mechanistisch“ als auch „vitalistisch“: Während Demokrit das Weltganze aus dem mechanischen Zusammenspiel der Atome zu verstehen suchte, zog Aristoteles zur Erklärung des Lebendigen eine besondere formende Lebenskraft heran, die Entelechie. Ludwig Büchners „Kraft und Stoff“ gehört zu den Büchern, die die Welt veränderten: 1855 wird es mit dem Untertitel „Empirisch-naturphilosophische Studien“ in Frankfurt am Main erstmals veröffentlicht.
Der Autor wurde 1824 in Darmstadt geboren. Der Vater ist Militärarzt, die Mutter stammt aus einer Darmstädter Beamtenfamilie. Zu seinen Geschwistern zählt der elf Jahre ältere, im Schweizer Exil jung verstorbene Dichter Georg Büchner. Nach der Promotion zum Doktor der Medizin im Revolutionsjahr 1848 arbeitet Ludwig Büchner zunächst in der väterlichen Darmstädter Arztpraxis. „Kraft und Stoff“ schreibt er in Tübingen, wo er seit 1852 Vorlesungen über innere und gerichtliche Medizin hält. Das allgemein verständliche Buch trifft exakt das Thema der Zeit – den Gegensatz der Moderne, den weltanschaulichen Kampf zwischen Glauben und Wissen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. So wird es zu einem der wichtigsten Vermittler zwischen einer rasch sich entwickelnden Wissenschaft und der breiten Öffentlichkeit.
Die Grundidee – eine radikal-materialistische Position – wendet sich vor allem gegen die Anwendung des Vitalismus auf wissenschaftliche Fragestellungen. Die Vitalisten nahmen an, dass eine besondere Lebenskraft Entwicklung und Erscheinungsform jeder Art von Materie bestimme. Demgegenüber sieht Büchner in allen Lebensvorgängen allein empirische „Fakten“ und „mechanische Gesetze“, einen „Schöpfergedanken“ kann er nicht erkennen. Das „Cogito, ergo sum“ des Descartes ist für ihn ein „ebenso nichtssagender wie veralteter logischer Seiltänzersprung“, vergleichbar der Aussage: „Der Hund bellt, daher ist der Hund.“ Vielmehr setze das „Ich denke“ das „Ich bin“ bereits voraus, denn „wer nicht ist, der denkt auch nicht“. Jeden „Supranaturalismus und Idealismus“ lehnt Büchner ab, der Glaube an übersinnliche Phänomene sei „vollkommener Unsinn“.
Folgerichtig existieren angeborene Ideen und absolute moralische und ästhetische Begriffe nicht. Der Mensch ist vor allem ein Produkt aus Umwelt, Übung und Selbsterziehung. Das Sein kann man nur durch Beobachtung und die „unumstößlichen Gesetze der Induktion“ begreifen. Wahre Erkenntnis gewinnt man aus Chemie und Physik, der Lehre von Stoff und Kraft. Die dualistische Trennung von Leib und Seele, Materie und Geist hat sich als Irrtum erwiesen; Stoff und Kraft sind wie diese eins und untrennbar. Der Menschengeist ist „ein Produkt des Stoffwechsels“ („Ohne Phosphor kein Gedanke!“) und ein lebendiges Wesen, vor allem ein „chemisches Laboratorium“. Menschen- und Tierseele sind demnach „fundamental dasselbe“. Neben anderen stützt Büchner sich auf den Mediziner und Zoologen Carl Vogt, den Physiologen Jacob Moleschott sowie auf Rudolf Virchow und den Chemiker Justus von Liebig, der als Begründer der Ernährungswissenschaft gilt. Für Büchner steht fest, dass der empirische Materialismus in der Nachfolge Ludwig Feuerbachs sämtliche idealistischen „Speculationen“ Hegels und Schopenhauers als unhaltbar erwiesen habe.
Seine Untersuchung findet Eingang in die Weltliteratur: In Iwan Turgenjews Roman „Väter und Söhne“ rät der Medizinstudent Bazarow der „Väter“-Generation, statt Puschkin lieber Büchners „Kraft und Stoff“ zu lesen. Büchner sieht seine neue Lehre frei von „jeder Art von Autoritätsglauben“; in auffälliger Nähe dazu definiert bei Turgenjew Sohn Arkadij den Nihilisten als einen „Mann, der sich vor keiner Autorität beugt“. „Kraft und Stoff“ erhält nicht nur Applaus. Auf Betreiben des Senats, der das Buch als Ausdruck „einer äußerst niedrigen und rohen materialistischen Weltansicht“ verurteilt, entzieht die Tübinger Universität Büchner 1856 die Lehrerlaubnis – in Zeiten des Umbruchs nach der 1848er Revolution kein seltenes akademisches Schicksal. Den Erfolg des Werks kann diese Maßnahme nicht verhindern; noch zu Lebzeiten des Verfassers erreicht es 19 Auflagen und wird in 13 Sprachen übersetzt. Büchner kehrt zurück in die väterliche Darmstädter Praxis und arbeitet weiter als praktischer Arzt. 1860 heiratet er Sophie Thomas, Tochter eines Frankfurter Kaufmanns. Das Paar hat vier Kinder. Ein besonderes Anliegen ist Büchner die Volksbildung: 1863 gründet er in Darmstadt den Arbeiterbildungsverein. Nach seinem Hauptwerk „Kraft und Stoff“ veröffentlicht er zahlreiche weitere Schriften, überwiegend populär-naturwissenschaftlichen Inhalts. In den Vorworten zur dritten und vierten Auflage von „Kraft und Stoff“ setzt er sich ausführlich und zuweilen polemisch mit Angriffen und Gegenschriften auseinander. Seine Ansichten hat er jedoch nur geringfügig korrigiert. Am 1. Mai 1899 stirbt Ludwig Büchner in Darmstadt. Christof Goddemeier
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