ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2006Das Unglück der kleinen Giftmischerin. Und zehn weitere Geschichten aus der Forensik

BÜCHER

Das Unglück der kleinen Giftmischerin. Und zehn weitere Geschichten aus der Forensik

Dtsch Arztebl 2006; 103(8): A-472

Wulff, Erich

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Forensik: Nähe zur Tat und zum Täter
Erich Wulff: Das Unglück der kleinen Giftmischerin. Und zehn weitere Geschichten aus der Forensik. Edition Balance, Psychiatrie-Verlag, Bonn, 2005, 180 Seiten, Paperback, 19,5 × 12,5 cm, 12,90 €
Der harmlos daherkommende Titel und eine blumige Umschlagsgestaltung lassen anderes vermuten. Aber es geht um schreckliche Dinge: um Mord, Totschlag, Vergewaltigung und andere schwere Verletzungen von Gesetz und Moral, oder vielmehr, es geht um die Täter und Täterinnen, deren Lebensgeschichte und Verbrechen der Verfasser mit klugem Einfühlungsvermögen und ohne Scheu vor dem Grausigen erzählt. Wulff hatte sie meist wegen der Frage der Schuldfähigkeit oder der Sicherheitsverwahrung für die Gerichte psychiatrisch zu begutachten.
Der forensische Psychiater befindet sich in einer exponierten, nicht selten prekären Position. Denn er ist Arzt und will kranken Menschen helfen. Aber sind die Täter krank? Die Delinquenz kann man wie die Krankheit auch als Grenzsituation sehen, besonders bei Sexualdelikten. Der Gutachter muss dem Probanden gerecht werden, trägt aber auch mit an der Verantwortung für ein gerechtes Urteil und ist der Gesellschaft verpflichtet, sie vor einem gemeingefährlichen, möglicherweise Wiederholungstäter zu schützen.
Wulff schildert uns Menschen in ihren Nöten und Ängsten, aber auch in ihrer erschreckenden Grausamkeit. Er lässt sie auftreten und handeln vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, in die sie das Schicksal geworfen hat. Doch erscheinen diese Menschen in Wulffs Darstellung nicht einfach als Produkte ihrer Umgebung. Der Verfasser hütet sich vor gängigen Erklärungsmustern, bleibt sparsam mit analytisch psychodynamischen Deutungen und respektiert unbeantwortbare Fragen und das Geheimnis, das jedes Individuum für sich selbst und den anderen letztlich birgt.
Wir erleben einen Gutachter, der nicht mit der Aura der Unfehlbarkeit seine Wissenschaft zelebriert, sondern der von menschlichen Zweifeln befallen werden kann und der um eine Entscheidung ringt, die am ehesten sowohl dem Täter als auch der durch das Gericht vertretenen Gesellschaft gerecht werden könnte. Zwar gibt er dem Gericht letztlich eine klare Antwort, aber er scheut sich nicht, die Richter auch mit alternativen Möglichkeiten zu konfrontieren, wenn es die Sachlage erfordert.
Die Stärke des Buches beruht darauf, dass es mit seinen Geschichten Nähe zur Tat und zum Täter herstellt und weder einen Keil zwischen sie und die Gerechten treibt noch mit Statistiken und kriminologischer Theorie langweilt. Es ist Wulffs schriftstellerischem Talent zu danken, dass er ein lebendiges Verständnis für menschliche Extremsituationen weckt, und dafür, dass er als Gutachter auch nur ein Mensch ist. Die Abhandlung richtet sich an alle, die mit Straftätern und Menschen in Grenzbereichen der Existenz zu tun haben. Auch Ärzte bleiben davon nicht unberührt. Es ist ein Beitrag zur Entzerrung des immer wieder von Ressentiments und Mystifikationen entstellten Sicherheitsdiskurses in der Bundesrepublik.
Wolfgang Kuhl, Dieter Becker
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema