ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2006Metastasiertes Mammakarzinom – Keine Lebensverlängerung seit 20 Jahren: Selektive Datenauswahl

MEDIZIN: Diskussion

Metastasiertes Mammakarzinom – Keine Lebensverlängerung seit 20 Jahren: Selektive Datenauswahl

Dtsch Arztebl 2006; 103(8): A-488 / B-420 / C-402

Kunz, Dagmar; Kunz, Wolfram S.

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LNSLNS Hölzel et al. schlussfolgern aus 7 674 Fällen mit metastasiertem Mamma-Ca ausschließlich aus dem Großraum München im Beobachtungszeitraum von 1978 bis 2002, dass neue Therapieansätze zu keiner Lebensverlängerung geführt haben. Dieses Ergebnis verwundert den kritischen Leser, da dies im Gegensatz zum internationalen Trend liegt (1–3).
Die Autoren versuchen diesen Widerspruch durch eigene Publikationen, singuläre Therapiestudien sowie sinnentstellende Interpretationen der Arbeit von Kato et al., die in der mehrfach zitierten Studie den Einfluss des Behandlungszeitpunktes auf das Überleben überhaupt nicht untersucht haben, zu untermauern. Dabei ist den Autoren entgangen, dass Trastuzumab 1998 von der FDA und im August 2000 in Deutschland zur Therapie des metastasierten Mamma-Ca zugelassen wurde. Der kombinierte Einsatz mit Chemotherapie führte zur signifikanten Verlängerung des Überlebens um 25 Prozent von Patientinnen mit HER2/neu-Überexpression (1). In Frankreich profitieren seit 1994 Hormonrezeptor-positive Patientinnen von den antihormonellen Therapien (28 Monate versus 45 Monate Überleben) (2). Dieses Ergebnis wird mit einem Abstract vom Tisch gewischt. Die sehr ermutigenden Ergebnisse aus dem M. D. Anderson Hospital werden wegen der Berücksichtigung von Lokalrezidiven komplett negiert, obwohl deren prozentualer Anteil in den verglichenen Zeiträumen deutlich geringer gestiegen ist als das prozentuale 5-Jahres-Überleben. Kritische Leserbriefe zu zitierten Arbeiten werden ignoriert, sodass durch diese selektive Wahrnehmung der Fachliteratur ein verzerrtes Bild entsteht (4).
Bei Betrachtung der präsentierten Daten, fällt ferner auf, dass 10-Jahres-Überlebenskurven von Patienten präsentiert werden, bei denen erst 2000 die Metastasen diagnostiziert wurden. Sieben Jahre wurden demnach extrapoliert. Erklärungsbedürftig sind auch die ständig variierenden Fallzahlen: n = 6 473 (Grafik 4), n = 1 434 (Grafik 5), n = 846 (Grafik 8). Dies legt den Verdacht der Darstellung ausgewählter Fälle beziehungsweise des unvollständigen Rücklaufs der Meldebögen nahe. Der Einschluss von nur 2 513 Fällen (33 Prozent der 7 674 erfassten Metastasierungen) in die Cox-Modelle verstärkt diesen Eindruck massiv. Vielleicht wurden insbesondere Daten der verstorbenen Patienten dokumentiert und auf diese Weise in der vorliegenden Studie ausgewertet. Die noch lebenden, also erfolgreich behandelten Patienten wurden möglicherweise unvollständig gemeldet, weil der Fokus der Klinikärzte weniger auf der Dokumentation als auf der erfolgreichen Behandlung des Patienten liegt.
Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass gerade auf dem Gebiet der zielgerichteten Tumortherapie in den vergangenen vier Jahren entscheidende Erfolge erzielt wurden, sodass die präsentierten Daten der Jahre 1978 bis 2002 vielleicht historisch wertvoll aber heute nicht mehr aktuell sind. Diese unseriöse, undifferenzierte und polemisierende Publikation diskreditiert nicht nur das Engagement verantwortungsbewusster und erfolgreicher Onkologen, sondern verunsichert auch die Patientinnen erheblich und treibt diese in den Dschungel der Alternativmedizin.
Literatur
1. Adams GP, Weiner LM: Monoclonal antibody therapy of cancer. Nat Biotechnol 2005; 23: 1147–57.
2. Andre F, Slimane K, Bachelot T et al. Breast cancer with synchronous metastases: trends in survival during a 14 years period. J Clin Oncol 2004; 22: 3302–8.
3. Richards MA, Stockton D, Babb P Coleman MP: How many deaths have been avoided through improvements in cancer survival? BMJ 2000; 320: 895–8.
4. Calvert H, Jodrell DI, Cassidy J, Harris AL: Pessimistic conclusion was not justified. Letter to Efficancy, safety, and cost of new anticancer drugs. BMJ 2002; 325: 1302.

Priv.-Doz. Dr. med. Dagmar Kunz
DRK Krankenhaus Neuwied
Marktstraße 104, 56564 Neuwied

Prof. Dr. rer. nat. Wolfram S. Kunz
Universitätsklinikum Bonn, Klinik für Epileptologie
Sigmund-Freud-Straße 25, 53105 Bonn

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