ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2006Das Antonius-Prinzip: Grunderfahrung aller Menschen

VARIA: Feuilleton

Das Antonius-Prinzip: Grunderfahrung aller Menschen

Dtsch Arztebl 2006; 103(8): A-492 / B-424 / C-406

Kraft, Hartmut

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Abbildung B: Antonius Höckelmann (1937–2000): Versuchung des Antonius (1999/2000), Holzrelief, farbig gefasst, 80 cm x 60 cm x 12,5 cm Foto: Sammlung Kraft / VG Bild-Kunst, Bonn 2006
Abbildung B: Antonius Höckelmann (1937–2000): Versuchung des Antonius (1999/2000), Holzrelief, farbig gefasst, 80 cm x 60 cm x 12,5 cm Foto: Sammlung Kraft / VG Bild-Kunst, Bonn 2006
Die Versuchungen des Heiligen Antonius haben Kirchen- und Kunstgeschichte geschrieben, die Auswirkungen reichen sogar bis in die Medizin und Psychotherapie heutiger Zeit.

Die schnellste Art, eine Versuchung zu beenden, besteht darin, ihr nachzugeben. Leider ist dies keineswegs immer der empfehlenswerte Weg. Was bei erotischen Versuchungen auf den ersten Blick reizvoll erscheinen mag, offenbart seine potenzielle Sprengkraft in Ehekonflikten und Familientragödien bis hin zum Trojanischen Krieg, der bekanntlich im Kampf um die schöne Helena entbrannte. Wer über Versuchungen nachdenkt, stößt unweigerlich auf den Heiligen Antonius (251/252–356
n. Chr.). Seine Versuchungen in der ägyptischen Wüste haben Kirchen- und Kunstgeschichte geschrieben, die Auswirkungen reichen sogar bis in die Medizin und Psychotherapie der heutigen Zeit (Hell 2002, Kraft 2004).
Der in Mittelägypten geborene Antonius war einer der ersten Christen, die sich von ihren Gemeinden trennten, um als Einsiedler ihren Weg zu Gott zu finden. Seine lebenslangen Kämpfe mit den Versuchern machten ihn berühmt, und schon zu Lebzeiten wurde Antonius zum Vorbild vieler Männer, die ihn in der Einsamkeit aufsuchten. Er wurde ihr Ratgeber und Lehrer. Spätere Generationen sahen in ihm den Vater der Mönche und den ersten Abt der Kirchengeschichte (Hanakam 1989, Trebbin 1994).
1095 wurde eine Ordensgemeinschaft gegründet, die sich auf den längst heilig gesprochenen und als „Antonius der Große“ genannten Eremiten aus der Wüste berief. Sie widmete sich fast ausschließlich der Behandlung einer einzelnen Erkrankung, dem so genannten Antoniusfeuer (Kriebelkrankheit, Ergotismus). Für ihre Krankenpflege erhielten die 1297 als Orden anerkannten Antoniter das Privileg, ihre Schweine frei weiden zu lassen – und so kam der Heilige Antonius zum Schwein als seinem Begleittier, mit dem er stets dargestellt wird.
Neben Übelkeit, Erbrechen und Krampfanfällen ist das Antoniusfeuer vor allem durch Kribbelparästhesien gekennzeichnet, die in brennende Schmerzen übergehen und denen die Erkrankung ihren Namen verdankt. Im Endstadium kommt es zur Gangrän („trockenem Brand“), die zu Fuß- und Unterschenkelamputationen führen kann. Entsprechende Darstellungen finden sich auf vielen Gemälden (Abbildung A). Die Ursache der Erkrankung wurde in einem sündigen Lebenswandel gesehen. Warum sonst sollten die einfachen Leute häufiger betroffen sein als zum Beispiel die Mönche der reichen Klöster?
Die Standhaftigkeit des Heiligen Antonius gegen alle Versuchungen wurde als gesundmachendes Vorbild gepriesen. Erst Ende des 17. Jahrhunderts erschienen die ersten wissenschaftlichen Veröffentlichungen (zum Beispiel Dodart 1676, Brunner 1695), worin der Pilzbefall des Rog-gens durch das so genannte Mutterkorn als Ursache der Erkrankung identifiziert wurde; eine differenzierte Beschreibung der „Krie-bel-Krankheit“ mit zahlreichen Fallgeschichten legte 1782 der deutsche Arzt Johann Taube vor (Bauer 1973). Die Pilze produzieren stark gefäßverengend wirkende Alkaloide. In feuchten Sommern war der Getreidebefall so ausgedehnt, dass es zu zahlreichen Vergiftungen in Form des Antoniusfeuers kam. Da das Alkaloid sich mit der Zeit abbaut, waren vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten von der Erkrankung betroffen, da sie das frisch gemahlene Getreide bald verzehrten. Mit der Entdeckung der Ursache und durch entsprechende Vorsichtsmaßnahmen verlor der Orden der Antoniter nicht nur seine Patienten, sondern auch sein Erklärungsmodell der Erkrankung und ging im 18. Jahrhundert im Johanniterorden auf.
Die Vergiftungsgefahr durch Mutterkornalkaloide ist aber keineswegs verschwunden, wie das Bundesinstitut für Risikobewertung am 22. Januar 2004 mitteilt. Während der Grenzwert für die Verunreinigung von Mehl durch Mutterkornalkaloide bei 0,05 Prozent liegt, wurden bei Lebensmittelkontrollen zum Teil deutlich erhöhte Werte bis zu circa 0,7 Prozent gefunden. Hierbei besteht die Ge-fahr von Uterusblutungen und Aborten.
Abbildung A: Jan Brueghel d. J. (Umkreis/Nachfolge, 1601– 1678): Versuchung des Heiligen Antonius. Öl auf Kupfer, 11 cm x 16,5 cm Foto: Sammlung Kraft
Abbildung A: Jan Brueghel d. J. (Umkreis/Nachfolge, 1601– 1678): Versuchung des Heiligen Antonius. Öl auf Kupfer, 11 cm x 16,5 cm Foto: Sammlung Kraft
Im Mittelalter und bis zum 18. Jahrhundert bestand die Behandlung der Kranken neben der umfassenden Pflege in gutem Essen (aus längerfristig gelagertem Getreide in den reichen Klöstern), der Verabreichung von Wein, der mit gefäßerweiternden Substanzen angereichert war – und in einem guten Lebenswandel im Angesicht all der Versuchungen, die der Heilige Antonius so vorbildlich bestanden hatte. Wie im berühmten Grünewald-Altar
in Colmar dienten auch viele andere Darstellungen der mahnenden Instruktion der Kranken. Darüber hinaus nutzte die katholische Kirche den Heiligen als Vorbild für die Gläubigen. Wer hatte (und hat) nicht gegen seine triebhaften Gelüste und vielerlei Verführun-gen anzukämpfen, um ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft und ein vorbildhafter Christ zu sein? In diesem Sinne entstanden vom 15. bis 18. Jahrhundert viele Variatio-nen des Versuchungsthemas. Berühmt wurden die Gemälde von Hieronymus Bosch (um 1450–1516), Jan Brueghel d. J. (1601– 1678), David Tenier d. J. (1610–1690), David Rykkaert III. (1612–1661); vor allem der detailreiche und dramatische Kupferstich von Jacques Callot (1592–1635) fand weite Verbreitung und viele Nachahmer (Abbildung C).
Die Lust der Künstler, ihren aggressiven, sexuellen, narzisstischen und selbst perversen Fantasien freien Lauf zu lassen, beflügelte ihre künstlerische Fantasie. Da wird selbst von Frauen dem damals noch jungen Laster des Rauchens gefrönt, aufreizende Nacktheit präsentiert, allen Monstern freier Auslauf gelassen und manch derber Spaß, wie das Defäkieren vom Dach herunter, gegönnt. Und die Betrachter? Sie verstanden und verstehen ihre Künstler – und danken es ihnen mit anhaltender Aufmerksamkeit bis heute. Schließlich befinden sich alle Beteiligten in einer steten Auseinandersetzung: Wir haben (geheime) Sehnsüchte, Versuchungen, Verführungen, haben Wut im Bauch, wollen unsere Größenfantasien leben – und bekommen Angst vor der Zügellosigkeit und Unmäßigkeit unserer eigenen Ansprüche und Triebe – und wenn wir es nicht selbst sind, dann ist es die Familie, das private und berufliche Umfeld, letztlich die Gesellschaft. Exakt an dieser Stelle der nie endenden inneren und äußeren Auseinandersetzungen kommt der Heilige Antonius ins Spiel, dessen Versuchungen ebenfalls nie endeten. Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung werden nicht als sicherer Besitz vorgeführt, sondern als etwas, um das wir uns immer von neuem bemühen müssen. Das könnte man als das „Antonius-Prinzip“ bezeichnen. Unter der dünnen Decke der Zivilisation lauern stets Egoismus und Ausgrenzung Andersdenkender, Machtmissbrauch und gewalttätige Auseinandersetzungen, schrankenlose Begierden und Ausbeutung.
Abbildung C: Jacques Callot (1592–1635): Versuchung des Heiligen Antonius (1635), Kupferstich, Darstellungsgröße 31cm x 46cm Foto: Sammlung Kraft
Abbildung C: Jacques Callot (1592–1635): Versuchung des Heiligen Antonius (1635), Kupferstich, Darstellungsgröße 31cm x 46cm Foto: Sammlung Kraft
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Wie schon beim Antoniusfeuer gezeigt wurde, so ist auch das Thema der Versuchungen kein lediglich historisches. Künstler wie Alfred Kubin (1877–1959), Max Ernst (1891– 1976) und Salvador Dalí (1904–1989) haben das Thema ins 20. Jahrhundert getragen. Zeitgenössische Künstler wie Enrique Asensi (geboren 1950), Lore Bert (geboren 1936), Birgit Kahle (geboren 1957) oder Ingeborg Lüscher (geboren 1936) haben 2003 erstmalig Rauminstallationen und Fotoarbeiten geschaffen (Kraft 2004). Ganz neue, zeitgemäße Versuchungen werden thematisiert. Da geht es nun um die Versuchungen, in das Erbgut der Pflanzen, Tiere und Menschen einzugreifen, wie Harald Fuchs (geboren 1954) es darstellt, oder es geht um eine zeitgemäße Interpretation der Versuchungen als Folge von Verdrängungen und/oder Spaltung (Peter Gilles, geboren 1953). Antonius Höckelmann (1937– 2000) zeigt besonders eindrucksvoll, wie der Kopf
eines Monsters direkt dem Schädel des Antonius entspringt (Abbildung B). Sobald man eigene oder gesellschaftliche Konflikte lediglich verdrängt oder abspaltet, wird man nur zu leicht von einer Wiederkehr des Verdrängten – von den Dingen, die unkontrolliert dem Kopf entspringen – aus dem Gleichgewicht gebracht: Nach Jahren des Ausbaus der sozialen Sicherungssysteme lässt sich nun die Überalterung der Bevölkerung nicht länger verleugnen und erscheint wie eine vollkommen neue, gefährliche Erkenntnis. Nach unbestreitbaren wissenschaftlichen Fortschritten steht die Menschheit vor den möglichen Gefahren einer ungebremsten Faszination durch das Machbare in der Atom- und Gentechnologie. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde sie mit einem internationalen Terrorismus konfrontiert und droht in ein Schwarz-Weiß-Denken mit Spaltung der Welt in Gut und Böse zurückzufallen.
Es ist nicht zu befürchten, dass das Thema der „Versuchung des Heiligen Antonius“ eines Tages seine bildgebende Kraft verlieren könnte. Ebenso wie das Antonius-Prinzip der ewigen, nie endenden Auseinandersetzung um Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung symbolisiert es wesentliche Grunderfahrungen aller Menschen und Gesellschaften. Hartmut Kraft


Literatur
Bauer V H: Das Antonius-Feuer in Kunst und Medizin. Historische Schriftenreihe der Sandoz AG, Basel 1973.
Hanakam H: Antonius der Große. Herder, Freiburg 1989.
Hell D: Die Sprache der Seele verstehen – Die Wüstenväter als Therapeuten. Herder, Freiburg 2002.
Kraft H (Hrsg.): Lo Spirito del Lago – Die Versuchung des Hl. Antonius 2003. Salon Verlag, Köln 2004.
Trebbin H: Sankt Antonius – Geschichte, Kult und Kunst. Verlag Haag+Herrchen, Frankfurt/M. 1994.


Das Antoniter-Museum in Memmingen/Allgäu zeigt vom 21. Januar 2006 bis Januar 2007 die Ausstellung „Die Versuchung des Heiligen Antonius – Sammlung Kraft“ (Martin-Luther-Platz 1, 87700 Memmingen), Telefon: 0 83 31/85 02 45. Öffnungszeiten: dienstags bis samstags 10 bis 12 Uhr und 14 bis 16 Uhr, sonntags 10 bis 12.30 Uhr und 13.30 bis 17 Uhr.

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