ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2006Ambulante Versorgung: Blick in die Zukunft

POLITIK

Ambulante Versorgung: Blick in die Zukunft

Dtsch Arztebl 2006; 103(8): A-441 / B-385 / C-369

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Noch bestimmen überbordende Bürokratie, sinkende Einnahmen und fehlende Perspektiven den ärztlichen Alltag.

Wie könnte die ambulante Versorgung in zehn Jahren aussehen? Der Vorstand der KBV skizziert – ausgehend von den bereits eingeleiteten Strukturveränderungen – ein Szenarium, das fromme Wünsche, aber auch realistische Perspektiven umfasst:
> Der Vertragsarzt behandelt circa 95 Prozent seiner GKV-Patienten im Kollektivvertrag. Die übrigen fünf Prozent werden in besonderen Vertragsformen versorgt, deren Abwicklung über die Kassenärztliche Vereinigung (KV) organisiert ist. Daneben gibt es überlappende Verträge für besondere, auf bestimmte Patientenprobleme abgestimmte Versorgungsformen. Die Tatsache, dass der Versicherte noch in weitere Versorgungsformen eingebettet ist, ist auf seiner elektronischen Gesundheitskarte vermerkt.
> Es gibt weiterhin die freie Arztwahl, wobei hausarztzentrierte Versorgung in alternativen Vertragsformen angeboten wird. Der Hausarzt ist in der Einzel- oder Gemeinschaftspraxis tätig, seltener im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ). Er ist primär freiberuflich tätig, hat Ärzte angestellt und kann in unterversorgten Gebieten weitere Praxisstandorte, auch mit anderen vertragsärztlichen Kollegen, unterhalten. Er rechnet an jedem Ort, an dem er tätig ist, mit seiner bundeseinheitlichen Arzt-Abrechnungsnummer ab.
Die Disease-Management-Programme (DMP) sind in ein Multi-Morbiditäts-DMP überführt worden. Die Dokumentation und Einschreibung erfolgt elektronisch anhand vereinfachter Dokumentationsbögen. Für die Betreuung der multimorbiden Patienten kann der Hausarzt Fachkräfte anstellen, die in Rücksprache mit ihm Hausbesuche machen, pflegerische und andere ärztlich verordnete Maßnahmen überwachen und Kontakt zum Patienten halten. Zugleich sind viele der multimorbiden Patienten über Telemonitoring unmittelbar mit der Praxis des Hausarztes verbunden.
> Der wohnortnah tätige Facharzt ist in der Gemeinschaftspraxis oder im MVZ tätig. Er nimmt auf Überweisung oder in direktem Zugang in Kooperation mit dem Hausarzt die weitergehende Diagnostik vor. Auch er kann an mehreren Orten, sogar KV-übergreifend, tätig werden und in Teilgemeinschaftspraxen spezialisierte Leistungen anbieten. Die spezialisierten Fachärzte haben sich in MVZ oder Ärztehäusern in der Nähe der Krankenhäuser gruppiert. Sie arbeiten mit den Hausärzten und weniger spezialisierten Fachärzten in gleicher Weise wie mit dem Krankenhaus zusammen. Auf der Grundlage des Kollektivvertrages sind sektorenübergreifende Strukturen geschaffen worden. Niedergelassene Ärzte arbeiten gleichzeitig am Krankenhaus, rechnen konsiliarisch Leistungen mit dem Krankenhaus ab und nutzen dessen Infrastruktur. Das Belegarztsystem bleibt im Kollektivvertrag und wird gefördert.
> Der von der KV organisierte Notfalldienst, der über ein MVZ oder eine vergleichbare Struktur in der Nähe des Krankenhauses am Wochenende und nachts koordiniert wird, nimmt die Sicherstellung zu diesen Zeiten wahr. Die Patienten erkennen diese Organisationsstruktur an, zumal es eine bundeseinheitliche Notfalldienstnummer gibt, über die man die regional gegliederten, von den Kassenärztlichen Vereinigungen betriebenen Notfalldienst-Call-Center jederzeit erreichen kann. Hat ein Kontakt im Notfalldienst stattgefunden und der Patient war damit einverstanden, sind die ärztlichen Maßnahmen in der elektronischen Patientenakte vermerkt, und der Hausarzt erfährt über ein Informationsmanagementsystem, welcher seiner von ihm betreuten Patienten im Notfalldienst war oder stationär aufgenommen wurde. Nimmt er selbst am Notfalldienst teil, begibt er sich in das MVZ, das von ihm mitbegründet wurde, und rechnet seine ärztlichen Leistungen mit seiner bundesweit gültigen Arzt-Abrechnungsnummer ab.
> Die Telematikplattform ist eingeführt, und alle Dokumentationsverpflichtungen (Behandlungsdokumentation, elektronische Patientenakte, Veranlassung von Leistungen, Arztbriefe, AU-Bescheinigungen und die Abrechnungsdokumentation) entstammen einer serverbasierten elektronischen Datenquelle. Bescheinigungen werden automatisch generiert, was den Arbeitsalltag des Vertragsarztes erleichtert. Die Online-Abrechnung mit der Kassenärztlichen Vereinigung für GKV-Versicherte im Kollektivvertrag und in anderen Vertragsformen ist eingeführt. Der Vertragsarzt erhält monatliche Informationen über die Höhe der von ihm bereits erreichten Vergütung und wird EDV-gestützt unmittelbar bei Implausibilitäten informiert. Zwischen Vertragsarzt und KV gibt es einen Online-Dialog, über den der Vertragsarzt sämtliche für ihn relevanten Informationen abrufen kann. Dies betrifft Arznei-, Heil- und Hilfsmittelinformationssysteme ebenso wie medizinische Datenbanken, Fortbildungsmaßnahmen, vertragliche Bestimmungen und Beschlüsse der Selbstverwaltung. Alles ist bedienerfreundlich eingerichtet und wird in verständlicher Sprache kommuniziert.
Die KVen haben jederzeit erreichbare„Kunden-Center“ eingerichtet. Jedem Vertragsarzt ist ein „Kundenbetreuer“ zugeordnet, der ihm von Beginn seiner Niederlassung an während seiner ganzen Praxistätigkeit weiterhilft.
> Der Vertragsarzt kann eine Liquiditäts- und Finanzplanung vornehmen, da bei der ärztlichen Vergütung Planungssicherheit existiert. In Abhängigkeit von seinem Leistungsspektrum und seiner Fallzahl ist er jederzeit in der Lage, mithilfe der KV seinen Umsatz zu kalkulieren. Eine zentrale Lenkungsstelle stellt sicher, dass für Vertragsärzte, die in unattraktiveren beziehungsweise unterversorgten Gebieten arbeiten, ein monetärer Anreiz geschaffen wird. Es findet keine Bedarfsplanung, sondern eine Versorgungssteuerung statt.
> Der Wirrwarr an Qualitätssicherungsmaßnahmen der Aufsichtsbehörden und der Krankenkassen ist beendet. Qualitätssicherung wird als Qualitätsförderung verstanden, und alle Maßnahmen sind in ein durchgängiges Qualitätsmanagementsystem eingebettet. Der Interessenschwerpunkt des Vertragsarztes liegt somit in dem ständigen Versuch der Verbesserung seiner Qualität, ohne dass er Sanktionen erfahren muss. Hierzu ist die Arbeit in Qualitätszirkeln und Fallkonferenzen ausgebaut worden.
> Die Pharmakotherapieberatung wird ausschließlich durch die KVen wahrgenommen. Daneben verfügt der Vertragsarzt über elektronisch basierte intelligente Arzneimittel- sowie Heil- und Hilfsmittelinformationssysteme, die ihm eine rationale Veranlassung von Leistungen ermöglichen. Mit Ausnahme einer verfeinerten und spezialisierten Richtgrößenprüfung gibt es in diesem Bereich keine weitergehenden Regulierungsmaßnahmen.
> Rationierungsentscheidungen im Hinblick auf die Ausgrenzung von GKV-Leistungen werden durch den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss beschlossen. Sie werden gleichzeitig durch die Krankenkassen den Versicherten kommuniziert, sodass der Arzt vor Ort im Dialog mit seinen Patienten keine Rationierungsentscheidungen treffen muss.
> Die Bürokratie ist auf ein Minimum reduziert und anhand der Telematikplattform einfacher zu handhaben. Es gibt die „1-Formular-Praxis“.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema