ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2006Postkoitale Kontrazeption: Die Vergabepraxis ist umstritten

AKTUELL: Akut

Postkoitale Kontrazeption: Die Vergabepraxis ist umstritten

Dtsch Arztebl 2006; 103(9): A-505 / B-437 / C-417

Merten, Martina

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LNSLNS Nach Ansicht der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) ist hormonelle Verhütung in Form der „Pille danach“ inzwischen international als sichere Methode nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr anerkannt. Mehrere multinationale Studien belegten, dass das Schwangerschaftsrisiko dadurch um 60 bis 90 Prozent gesenkt werden kann, sagt Dr. med. Helena Hertzen von der WHO. Die postkoitale Verhütung mit 1,5 mg der Substanz Levonorgestrel (LNG) sei sicher und gut verträglich. Die WHO plädiert aufgrund der vorliegenden „eindeutigen Erkenntnisse“ für die Notfallverhütung. Sie sei „kein Schwangerschaftsabbruch“ im Sinne des § 218 StGB. Die Abgabepraxis in Deutschland ist umstritten. Für eine rezeptfreie Zulassung der „Pille danach“, wie sie mittlerweile in 15 Ländern Europas erlaubt ist, plädieren pro familia und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Mehrere kontrollierte Studien hätten die hohe Zuverlässigkeit und geringen Nebenwirkungen des Gestagenpräparates belegt, sagt pro familia-Geschäftsführerin Elke Thoß. Daher sei eine Rezeptpflicht medizinisch nicht indiziert. Zudem ermögliche es die rezeptfreie Abgabe, das Präparat zeitnah einzunehmen.

Dagegen stellt die hormonelle postkoitale Kontrazeption aus Sicht des Berufsverbandes der Frauenärzte einen speziellen ärztlichen Notfall dar, der umfassende Information erfordere. Eine Beratung ausschließlich durch Apotheker, wie sie beispielsweise seit 2002 in der Schweiz üblich ist, reiche nicht aus, meint der Präsident des Berufsverbands, Dr. med. Christian Albring.

Erste Erhebungen in der Schweiz seit der Einführung der OTC-Abgabe hätten ergeben, dass die Mehrheit der befragten niedergelassenen Ärzte den neuen Abgabemodus positiv bewertet, berichtet Dr. med. Sibil Tschudin, Oberärztin an der Frauenklinik des Universitätsspitals Basel. Als mögliche negative Begleiterscheinung werteten die Ärzte die fehlende Gelegenheit zur ärztlichen Verhütungsberatung. Insgesamt hat sich die Abgabehäufigkeit der „Pille danach“ in der Schweiz seit der Rezeptfreigabe von LNG um mehr als 50 Prozent reduziert. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat sich 2003 dafür ausgesprochen, die Verschreibungspflicht in Deutschland aufzuheben. Bislang scheiterte eine Verordnungsänderung jedoch an den Mehrheitsverhältnissen im Bundesrat. Martina Merten
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