ArchivDeutsches Ärzteblatt6/1997Umweltmedizin - eine Standortbestimmung

MEDIZIN: Diskussion

Umweltmedizin - eine Standortbestimmung

Tretter, Felix; Wrbitzky, Renate

Zu dem Beitrag von Dr. med. Renate Wrbitzky, Priv.-Doz. Dr. med. Hans Drexler, Priv.-Doz. Dr. med. Stephan Letzel, Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Walter Gräf und Prof. Dr. med. Dr. h.c. Gerhard Lehnert in Heft 39/1996
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LNSLNS Kausalnachweis fehlt
Die Autoren stellen eine integrative Konzeption der Umweltmedizin dar. Fast allem könnte zugestimmt werden. Insbesondere die Betonung der klinischen Aspekte der Umweltmedizin ist sehr wertvoll. Bei der Gegenstandsbestimmung der Umweltmedizin könnte jedoch die Zentrierung auf die "physikochemischen anthropogenen Umweltfaktoren unter Mitberücksichtigung der sozialen Umweltfaktoren" günstiger sein als die Betrachtung der "allgemeinen Umwelt", weil sich dieses neue Fach sonst methodisch überfordern könnte. Wertvoll sind auch die Hinweise auf die wissenschaftstheoretischen Kriterien, die die Umweltmedizin erfüllen müßte.
Ein wenig problematisch ist allerdings, wenn unter dem Kapitel "Umweltkrankheiten" behauptet wird, es zeige sich, daß "Angst vor Umweltschäden in zunehmendem Maße selbst zur Ursache von Gesundheitsstörungen wird". Für diese generalisierende Aussage wäre in Hinblick auf die beschworenen wissenschaftstheoretischen Kritereien der von den Autoren geforderte Kausalnachweis zu führen. Nach meiner Kenntnis der "Erlanger Studien" zu diesem Thema wird dies methodisch schwer möglich sein, da sie nur auf einer sehr speziellen Untergruppe der Umweltkranken beruhen und da vor allem geeignete Messungen der Ängste der Klienten im Vergleich zu klinisch unauffälligen umweltbesorgten Kontrollgruppen oder umweltdesinteressierten psychosomatischen Patienten fehlen. Nach methodologischen Kriterien klinisch-psychologischer und psychiatrischer Forschung hat die Psychogenese-Hypothese bei Umweltkrankheiten (besser: "umweltbezogene funktionelle Störungen") derzeit nur den Status einer Hypothese - nicht ohne Grund hat die WHO den ätiologisch korrekteren Begriff der "Idiopathie" (idiopathic environmental intolerances) vorgeschlagen. Außerdem müßte überprüft werden, welche Untergruppen sich bereits auf symptomatischer Ebene unterscheiden ließen. Beschreibung ist derzeit noch wichtiger als Erklärung. Es wäre daher nötig, psychologisch entsprechend fundierte Multizenter-Studien durchzuführen, um für diese Kranken ein geeignetes ätiologisches Verständnis und praktisch-therapeutisches Umgehen zu entwickeln.


Chefarzt Dr. med. Dr. phil. Dr. rer. pol. Felix Tretter
Bezirkskrankenhaus Haar
85529 Haar/München


Schlußwort
Die vielfachen positiven Zuschriften und Kommentare, die uns zu diesem Artikel erreichten, spiegelten das große Interesse an umweltmedizinischen Fragestellungen wider.
Zu dem dankenswerten Kommentar von Herrn Dr. med. Dr. phil. Dr. rer. pol. Tretter, dessen Beitrag zu wissenschaftstheoretischen Überlegungen in der Umweltmedizin wir im Deutschen Ärzteblatt (4) kürzlich mit Interesse gelesen haben, möchten wir folgendes ergänzen: Eine Zentrierung auf "physikochemische, anthropogene Umweltfaktoren unter Mitberücksichtigung der sozialen Umweltfaktoren" engt unseres Erachtens den Begriff Umwelt, wenn er ganzheitlich verstanden werden soll, eher ein. Die "natürliche" Umwelt im eigentlichen Sinn würde so nicht mit erfaßt, diese ist aber zum Beispiel für die Entstehung vieler klassisch umweltbedingter Erkrankungen, nämlich der Allergien, verantwortlich. Grundsätzlich sollten vom differentialätiologischen Ansatz her alle möglichen Einflußfaktoren berücksichtigt werden.
Die Angst vor einem Schaden - zum Beispiel Karzinophobie und anderes - ist in der Psychosomatik ein lange bekanntes und belegtes Phänomen (1). Dies zeigen auch unsere Erfahrungen mit Umweltpatienten, ohne daß wir eine Psychogenese postuliert haben. Die von Kraus et al. (3) vorgestellte Studie wurde in diesem Zusammenhang vielfach fehlinterpretiert. Der Begriff "Idiopathie", wie er 1996 von der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) für die "multiple chemical sensitivity" definiert wurde, trägt gerade nicht zur ätiologischen Klärung bei (IPCS 1996). Die Bezeichnung "idiopathisch" - also als krankhafter Zustand selbstständig, ohne erkennbare Ursache entstanden - kann doch nur dann angewendet werden, wenn alle möglichen Ursachen ausgeschlossen sind. Eben dies ist bei allen "neuen" umweltbezogenen Erkrankungen bisher noch nicht systematisch erfolgt. Insofern stimmen wir mit dem Kommentar von Herrn Tretter überein: Weitergehende Studien - unter Einbeziehung psychosomatischer Kriterien - sind notwendig. Diese sollten allerdings über die von ihm geforderten psychologischen Studien hinausgehen und unter anderem klinische sowie toxikologische Ansätze beinhalten. Gerne sind wir zu einer Mitwirkung an einer derartigen Multizenter-Studie bereit!
Literatur
1. Apfel B, Csef H: Angst vor Umweltgiften - berechtigte Realangst oder psychische


Störung? Psychother Psychosom med Psychol 1996; 45: 90-96
2. IPCS: Report of multiple chemical sensitivity (MCS) Workshop Berlin, 21-23 February 1996
3. Kraus T, Anders M, Weber A, Hermer P, Zschiesche W: Zur Häufigkeit umweltbezogener Somatisierungsstörungen. Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed 1995; 30: 152-156
4. Tretter F: Umweltmedizin: Beschreibungen sind derzeit wichtiger als Erklärungen. Dt Ärztebl 1996; 93: A2136-2139 [Heft 34-35]
Für die Verfasser:
Dr. med. Renate Wrbitzky
Fachärztin für Arbeitsmedizin
Umweltmedizin
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Erlangen-Nürnberg
Schillerstraße 25 und 29
91054 Erlangen

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