ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2006Frühprävention von Kindesvernachlässigung: Die Kinder schützen, den Eltern helfen

POLITIK

Frühprävention von Kindesvernachlässigung: Die Kinder schützen, den Eltern helfen

Dtsch Arztebl 2006; 103(9): A-508 / B-440 / C-420

Bühring, Petra

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Die Eltern des an körperlicher Schwäche verstorbenen Dennis wurden am 20. Februar vom Landgericht Cottbus wegen Mordes in Tateinheit mit Misshandlung zu lebenslanger Haft verurteilt. Foto: ddp
Die Eltern des an körperlicher Schwäche verstorbenen Dennis wurden am 20. Februar vom Landgericht Cottbus wegen Mordes in Tateinheit mit Misshandlung zu lebenslanger Haft verurteilt. Foto: ddp
Die Forderung nach verbindlichen Vorsorgeuntersuchungen allein greift zu kurz. Hilfsangebote bereits in der Schwangerschaft und Elternkompetenztrainings sind weitere Bausteine einer Frühprävention.

Viele stellen sich in diesen Tagen die Frage, wie man die tragischen Fälle von Kindesmisshandlung, -verwahrlosung und Mord hätte verhindern können: Die siebenjährige Jessica aus Hamburg vegetierte bis zu ihrem Tod jahrelang in einem abgedunkelten Zimmer dahin; der 1995 geborene Dennis aus Brandenburg starb 2001 an körperlicher Schwäche, seine Mutter bewahrte die Leiche drei Jahre in einer Tiefkühltruhe auf, ohne dass jemand den Jungen vermisste.
Diese Schicksale haben die Politiker wachgerüttelt. Das Thema Frühprävention von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung ist auf der politischen Agenda angekommen – ein Problem, auf das Kinder- und Jugendärzte seit vielen Jahren hinweisen, wie Dr. med. Thomas Fischbach, Vorsitzender des nordrheinischen Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ) bei einer Pressekonferenz hervorhob. „Desintegrierte Familienstrukturen und erziehungs- wie lebensinkompetente Eltern haben eine explosive Mischung hervorgebracht, in der Kindeswohl ein Fremdwort darstellt“, erklärte er. Zusammen mit der Psychotherapeutenkammer NRW hat der BVKJ deshalb das Thema „Prävention bei Kindern aus Hochrisikofamilien“ zum Schwerpunkt der diesjährigen Fachtagung in Dortmund gemacht.
Debatte um Verbindlichkeit
Im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion steht zurzeit die Frage, ob Kindesmisshandlung mithilfe verbindlicher Früherkennungsuntersuchungen verhindert werden könnte. Die Vorsorgeuntersuchungen im ersten Lebensjahr eines Kindes nehmen 90 Prozent der Eltern in Anspruch; zwischen der U 7 (etwa mit zwei Jahren) und der U 9 (fünf Jahre) sinkt die Bereitschaft der Eltern zur Vorsorge auf 80 Prozent, besonders in sozial schwachen, kinderreichen Familien und bei Migranten. „Die zehn Prozent, die Hilfe nötig haben, kriegen wir nicht in die Praxen“, kritisiert Dr. med. Josef Kahl, Präventionsbeauftragter des BVKJ.
Der Präsident des BVKJ, Dr. med. Wolfram Hartmann, hat deshalb vorgeschlagen, die Zahlung des Kindergeldes von der Wahrnehmung der Vorsorge-Termine abhängig zu machen. Diesem Vorschlag schließt sich auch die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) an. „Nur wenn wir Kinder in Schulen und Kindertagesstätten regelmäßig untersuchen, werden wir frühzeitig Vernachlässigung und Missbrauch erkennen“, erläuterte BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe. Dazu brauche man aber einen funktionierenden öffentlichen Gesundheitsdienst. Auch der Bundesrat hat Anfang Februar die Bundesregierung aufgefordert, das Vorsorgeangebot für Kinder verbindlicher zu gestalten.
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) und Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Dr. med. Ursula von der Leyen (CDU) hingegen sehen die Lösung des Problems nicht in der Pflicht zur Vorsorge, sondern vor allem in der Stärkung des öffentlichen Gesundheitsdienstes und der Jugendhilfe. Von der Leyen will für ein „Frühwarnsystem“ gegen Misshandlung und Vernachlässigung zehn Millionen Euro zur Verfügung stellen.
Die Forderung nach Verbindlichkeit der Vorsorgetermine greift sowieso zu kurz. „Es reicht nicht aus, ein Frühwarnsystem zu installieren, es muss klar sein, was passieren soll, wenn Alarm ausgelöst wird“, fordert Monika Konitzer, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer NRW. Hochrisikofamilien könne nicht geholfen werden, indem der Staat sie stärker kontrolliere oder das Kindergeld kürze. Sinnvoll sei, den oftmals suchtkranken oder psychisch kranken Eltern Hilfen und Beratung anzubieten, zum Beispiel durch interdisziplinäre Netzwerke von Kinderärzten, Psychotherapeuten, Hebammen und Erziehungsberatern. Auch spezielle indizierte Erziehungstrainingsprogramme könnten helfen. „Kontraproduktiv“ seien in diesem Zusammenhang allerdings Kürzungen in den Etats der kommunalen Erziehungsberatungsstellen, kritisierte Konitzer: „Allein in Nordrhein-Westfalen sind die Fördermittel hierfür in den letzten Jahren um 50 Prozent gekürzt worden.“
Bereits in der Schwangerschaft setzt das im Juni 2005 gestartete Düsseldorfer Präventionsprojekt an, das Dr. med. Wilfried Kratzsch, Oberarzt des Kinderneurologischen Zentrums, Städtische Kliniken Düsseldorf, vorstellte. Die beteiligten Geburtskliniken erfassen Mütter mit erhöhtem psychosozialen Risiko (sehr junge Mütter, Alkohol- und Drogenabhängige, Frauen mit psychischen Erkrankungen, Alleinerziehende) und melden sie mit deren Einverständnis an eine Clearingstelle. Diese entwickelt in Kooperation mit der Kinderschutzambulanz, Sozialpädiatrischen Zentren und dem Kinderneurologischen Zentrum in Düsseldorf Hilfekonzepte. In jedem Fall wird Kontakt zu den für die Nachsorge zuständigen Hausärzten und Kinderärzten aufgenommen.
Dieses niederschwellige Angebot beruht auf der Erfahrung, dass Familien mit Vernachlässigungsproblemen meist schwer zur Kooperation zu bewegen seien, berichtete Kratzsch. „Sie begreifen Hilfe oft als feindliche Handlung und Entwertung und sind durch Angebote mit ,Komm-Struktur‘ nicht zu erreichen.“ Seit Juni wurden mehr als 50 Kinder mit einem potenziellen Risiko für Vernachlässigung erkannt und den Eltern Hilfen angeboten.
Wie wichtig es ist, so früh wie möglich mit gezielten Interventionen zu beginnen, verdeutlichte Jens Gnisa, Jugendrichter am Oberlandesgericht und Vorsitzender des Deutschen Richterbundes NRW: „Die Justiz kommt meist zu spät.“ Dann erst, wenn aus verhaltensauffälligen Kindern kriminelle Jugendliche geworden sind. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Psychologie der Technischen Universität Bamberg will der Deutsche Richterbund mit einem Konzept zur „Modellregion für Erziehung“ gegensteuern. Präventive Elterntrainings wie Triple P (Positive Parenting Program), PEP (Präventionsprogramm für expansives Problemverhalten) oder EFFEKT (Entwicklungsförderung in Familien: Eltern- und Kinder-Training) sollen in einer Modellstadt in der Praxis wissenschaftlich überprüft werden.
Trotz aller guten Ansätze zur Steigerung der Erziehungskompetenz: „Manchmal müssen auch Zwang ausgeübt und das Sorgerecht entzogen werden“, fordert die Juristin und Psychotherapeutin Prof. Dr. Gisela Zenz, Universität Frankfurt/Main. Sie sieht die Liberalisierung der Kinder- und Jugendhilfe in den Siebzigerjahren, die eine Abkehr von den oftmals ungerechtfertigten Heimeinweisungen wollte, auch kritisch: „Irgendwann ging es nur noch darum, den Eltern zu helfen.“ Jugendamtsmitarbeiter würden heute manchmal nicht mehr erkennen, wann es notwendig sei, das Kind vor seinen Eltern zu schützen – in Osnabrück beispielsweise sei ein sechsmonatiger Säugling verhungert, obwohl die junge Mutter von einer Mitarbeiterin der Jugendhilfe betreut wurde. Sie hatte die Situation falsch eingeschätzt. Petra Bühring
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