ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2006Rehabilitations-Richtlinie: Ziel bislang verfehlt

POLITIK

Rehabilitations-Richtlinie: Ziel bislang verfehlt

Hibbeler, Birgit

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Vertragsärzte haben ein weiteres Jahr Zeit, die Zusatzqualifikation zur Verordnung medizinischer Rehabilitation zu erwerben. Die Akzeptanz ist gering.

Qualitätsstandards sollen auch in der Verordnung von Rehabilitation ihren festen Platz haben – so das Anliegen des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA). In der Rehabilitations-Richtlinie legte das Gremium deshalb fest, dass nur noch Ärzte eine medizinische Rehabilitation zulasten der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) verordnen dürfen, die eine spezielle Qualifikation vorweisen können. Diese kann der Arzt beispielsweise in einer 16-stündigen Fortbildung erwerben. In Kraft getreten ist die Richtlinie bereits im April 2004. Doch an der Umsetzung hapert es seit zwei Jahren.
Übergangsfrist verlängert
Die Neuerung stößt bei vielen Niedergelassenen kaum auf Gegenliebe. Entsprechend gering ist bislang die Zahl der Ärztinnen und Ärzte, die einen kostenpflichtigen Kurs besuchten und den entsprechenden Fachkundenachweis erwarben. Die Folge: Der Kreis verordnungsfähiger Ärzte schrumpfte so stark, dass eine Unterversorgung zu befürchten ist. Der G-BA hat deshalb die Übergangsfrist (nach § 11 Absatz 3 der Rehabilitations-Richtlinie) um ein Jahr verlängert. Ärzte können somit noch bis zum 31. März 2007 ohne den Fachkundenachweis eine medizinische Rehabilitation zulasten der GKV verordnen.
Durch die Verlängerung der Übergangsregelung will die Selbstverwaltung sicherstellen, dass weiterhin flächendeckend medizinische Rehabilitation verordnet werden kann. „Im Interesse der Patienten ist das sinnvoll“, erklärte Dr. Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Die KBV hofft, die Ärzte verstärkt für die Fortbildung motivieren zu können. Geplant sei eine Entschlackung des Curriculums. Der 16-stündige Kurs soll künftig aus einer achtstündigen Präsenzveranstaltung bestehen, ergänzt durch acht Stunden Fernstudium.
Der verordnende Arzt muss der Richtlinie zufolge auf dem aktuellen rehabilitationswissenschaftlichen Stand sein und über Kenntnisse der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit verfügen. Betroffen sind von der Rehabilitations-Richtlinie nur medizinische Rehabilitationen zulasten der GKV. Andere Leistungsträger – wie die gesetzliche Rentenversicherung, die Bundesagentur für Arbeit oder die Unfallversicherung – bleiben unberührt. Anschlussheilbehandlungen und Frührehabilitationen sind von der Regelung ebenfalls ausgenommen.

Die Qualitätsanforderungen sind nach § 11 Absatz 2 der Richtlinie erfüllt, wenn der Vertragsarzt eine der folgenden Qualifikationen nachweisen kann:
- Gebietsbezeichnung „Physikalische und Rehabilitative Medizin“
- Zusatzbezeichnung „Sozialmedizin“ oder „Rehabilitationswesen“
- fakultative Weiterbildung „Klinische Geriatrie“
- mindestens einjährige Tätigkeit in einer ambulanten oder stationären Rehabilitationseinrichtung
- mindestens 20 Rehabilitationsgutachten im Vorjahr.
Alternativ kann der Arzt eine 16-stündige Fortbildung absolvieren. Ein solcher Kurs kostet beispielsweise bei der Ärztekammer Nordrhein 160 Euro.
Nicht nur die geforderte Qualifikation ist unter Ärzten umstritten, sondern auch das Verordnungsprozedere, das die Richtlinie vorschreibt, steht in der Kritik. Es besteht aus zwei Schritten.
Antrag auf den Antrag
Zunächst muss der Arzt bei der Krankenkasse das Formular Nummer 60 einreichen: „Einleitung von Leistungen zur Rehabilitation“. Erst wenn die Krankenkasse bestätigt, dass sie als Leistungsträger zuständig ist, kann die eigentliche Verordnung erfolgen – mit dem vierseitigen Vordruck 61. Vergütet wird der Antrag mit 810 Punkten nach EBM-Nummer 01611. Theoretisch entspräche dies rund 40 Euro (bei einem Punktwert von 5,11 Cent). Allerdings führen die tatsächlichen Auszahlungspunktwerte zu einem deutlich geringeren Honorar.
Kritik an der Richtlinie kommt auch von der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation e.V. (DEGEMED). Zwar begrüßt der Verband die Richtlinie und die damit verbundenen Qualitätsstandards prinzipiell, sieht in ihr jedoch eine Barriere zur Verordnung. „Die Rehabilitations-Richtlinie ist in der jetzigen Form eine Reha-Verhinderungsrichtlinie“, kritisiert Dr. Wolfgang Heine, Geschäftsführer des DEGEMED. Er zeigte Verständnis dafür, dass Ärzte nur schwer für eine kostenpflichtige Fortbildungsmaßnahme zu motivieren seien. Zudem habe selbst der Arzt, der die geforderten Qualifikationen vorweisen könne, kein klares Verordnungsrecht, moniert Heine. Die Entscheidung über eine medizinische Rehabilitation liege nach wie vor bei den Krankenkassen und beim Medizinischen Dienst. Dr. med. Birgit Hibbeler
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema