ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2006Transplantationsmedizin: Organspender-Potenzial ist nicht ausgeschöpft

MEDIZINREPORT

Transplantationsmedizin: Organspender-Potenzial ist nicht ausgeschöpft

Dtsch Arztebl 2006; 103(9): A-517 / B-447 / C-426

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Eine retrospektive Analyse zeigt, dass in den Krankenhäusern zu wenige Spender erkannt und gemeldet werden. Die Organspenderate könnte sogar verdoppelt werden.

Derzeit warten circa 12 000 Patienten in Deutschland auf eine Organverpflanzung und mehr als 1 000 sterben jährlich, weil sie nicht zeitgerecht ein Organ erhalten. Hauptursache ist der Mangel an Spenderorganen. Aufgrund fehlender epidemiologischer Studien sind Aussagen zur Zahl potenzieller Organspender und über die Gründe, die der Realisierung entgegenstanden, in Deutschland nicht möglich – zumal erheb-
liche regionale Unterschiede bestehen.
Eine retrospektive Studie in sieben Hamburger Krankenhäusern mit 16 Intensivstationen belegt nun, dass ein Steigerungspotenzial von bis zu 100 Prozent möglich gewesen wäre. Diese Untersuchung bestätigt die Vermutung, dass es in Deutschland ein ähnlich hohes Organspenderpotenzial geben muss wie in den USA (zwischen 38,3 und 55,2 potenzielle Organspender pro Million Einwohner), Spanien (57 pro Million Einwohner) und Frankreich (62 pro Million Einwohner).
Ziel der Studie war es, die Anzahl potenzieller Organspender in der Region Nord-Ost (7,68 Millionen Einwohner der Länder Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern) mit einer einfachen Methode zeitnah und kontinuierlich zu erfassen und die Gründe zu analysieren, die einer Realisierung entgegenstanden. Zur Datenerhebung wurde ein Bogen entwickelt, der monatlich über die Transplantationsbeauftragten der Krankenhäuser an die Organisationszentrale der Deutschen Stiftung Or-
gantransplantation (DSO) geschickt, auf Plausibilität durch ärztliche Koordinatoren geprüft und in ein Datenerfassungssystem eingegeben wird.
Ergebnisse: Durch die Studie konnte gezeigt werden, dass die Zahl der potenziellen Spender in der Region Nord-Ost bei mindestens 40 pro Million Einwohner und Jahr liegt. Erste Ergebnisse aus der Region Mitte bestätigen diese Zahl. Es ist deshalb davon auszugehen, dass in den anderen Regionen ein ähnlich hohes Spenderpotenzial vorliegt. Das Haupthindernis für die Umwandlung von potenziellen in aktuelle Organ-
spender war die Ablehnung durch Angehörige (Tabelle). Die Ablehnungsrate wies im Untersuchungszeitraum eine steigende Tendenz auf und betrug im Jahr 2004 circa 50 Prozent. Es bestanden keine Unterschiede zwischen den Krankenhäusern mit neurochirurgischer Fachabteilung und den anderen Krankenhäusern.
Auffällig ist der Anstieg der Ablehnungsrate in den Altersklassen 55 bis 64 und > 65 Jahre. Die Gründe dafür sind nicht systematisch untersucht. Mitteilungen von Klinikärzten und eigene Erfahrungen zeigen, dass in dieser Altersgruppe nicht nur die Ehepartner, sondern auch Kinder und Enkelkinder am Angehörigengespräch teilnehmen und eine Konsensentscheidung zwischen den Angehörigen – bei Nichtkenntnis des Willens des Verstorbenen – häufig schwierig ist und daher das Votum gegen die Organspende überwiegt.
Trotz umfassender Aufklärung der Bevölkerung hat sich an der Grundlage der Entscheidung der Angehörigen im Akutfall der Organspende nichts geändert. In den Jahren 2002 bis 2004 kannten in der Region Nord-Ost mehr als 90 Prozent der befragten Angehörigen nicht den Willen des Verstorbenen; 50 Prozent entschieden sich gegen die Organspende. Die Gründe, warum bei gleicher Ausgangssituation Angehörige sich gegen oder für die Organspende entscheiden, sind nicht untersucht.
Lösungsvorschläge: Durch die für alle Krankenhäuser verbindliche Einführung eines Erhebungsbogens könnten nicht nur alle mit primärer und sekundärer Hirnschädigung Verstorbenen erfasst, sondern vor allen Dingen Schwachstellen beseitigt werden, welche die Identifizierung und Meldung möglicher Organspender verhinderten.
Die von uns angewandte Methode erlaubt eine kontinuierliche und zeitnahe Datenerfassung ohne hohen zeitlichen Aufwand für die Krankenhäuser. Voraussetzung dafür aber ist, dass die Krankenhausleitungen und die auf den Intensivstationen tätigen Ärztinnen und Ärzte die Meldung von Verstorbenen als ein wichtiges Instrument zur internen Qualitätskontrolle für die Organspende ansehen und sich die Mitarbeiter der DSO intensiv um den Datenrücklauf bemühen sowie die Datenplausibilität prüfen.
Unterstützung durch die Klinikleitung ist zwingend
Ein weiterer Vorteil ist, dass nur die Verstorbenen als potenzielle Organspender eingruppiert worden sind, bei denen keine medizinischen Kontraindikationen bestanden, ein komplettes Bulbärhirnsyndrom vorlag oder die Hirntoddiagnostik nach den Empfehlungen der Bundes­ärzte­kammer abgeschlossen wurde. Die Unterstützung der Datenerhebung von gesundheitspolitischer Seite könnte diese positiven Effekte verstärken.
Probleme in der Beurteilung der Spendereignung und in der frühzeitigen Intervention zur Aufrechterhaltung der Homöostase beim Spender zeigen, dass die Unterstützung der DSO frühzeitig angefragt werden sollte. Außerdem
verdeutlichen die Studienergebnisse, dass die Rahmenbedingungen für die Organspende im Krankenhaus verbesserungswürdig sind. Definierte Prozessabläufe und Behandlungsalgorithmen stärken die Handlungssicherheit im Akutfall Organspende ebenso wie speziell fortgebildete und weisungsbefugte Transplantationsbeauftragte. Diese Rah-
menbedingungen zur Umsetzung des Versorgungsauftrages im Bereich Organspende können durch konkrete
Regelungen eines Landesausführungsgesetzes geschaffen werden.
Die Krankenhäuser werden nach unseren Erfahrungen ihre Meldepflicht nach Paragraph elf des Transplantationsgesetzes erfüllen, wenn für alle Mitarbeiter verbindliche krankenhausinterne Verfahrensweisen zum Ablauf der Organspende – von der Spendererkennung über die Hirntoddiagnostik bis zur Organentnahme – vorliegen und der Unterstützungsumfang durch kompetente Mitarbeiter der Deutschen Stiftung Organtransplantation mit den Erfordernissen des Krankenhauses im akuten Spendefall abgestimmt ist. Zur Etablierung und Durchsetzung dieser Verfahrensweisen ist die Unterstützung der Klinikleitung Voraussetzung.
Im Jahre 2004 befanden sich in den 16 Krankenhäusern mit neurochirurgischer Fachabteilung
- 80 Prozent aller potenziellen Organspender,
- 90 Prozent der Fälle mit plötzlichem, unerwartetem Kreislaufversagen oder Therapiereduzierung bei infauster Prognose des Grundleidens und
- etwa 70 Prozent der möglichen Spender mit Kreislaufversagen während und nach der Hirntoddiagnostik.
Deshalb ist es für die Steigerung der Organspende entscheidend, die Kooperation mit diesen Kliniken zu intensivieren, ohne die anderen Krankenhäuser zu vernachlässigen. Die Zunahme an Spendern mit altersbedingten Begleiterkrankungen unterstreicht die wachsende Bedeutung
- der intensivtherapeutischen Maßnahmen, welche die pathophysiologischen Veränderungen an den zentralen Regulationsmechanismen zeitgerecht korrigieren
- der umfassenden organbezogenen Diagnostik
- der gezielten Fortbildung aller Mitarbeiter auf Intensivstationen und
- die enge Kooperation mit der DSO.
Bereits Schüler informieren
Das Haupthindernis für die Umwandlung von potenziellen in aktuelle Organspender ist die hohe Ablehnungsrate. Sie lässt sich aus Sicht der DSO durch zwei Maßnahmen senken:
- Kurzfristig durch ausgebildete Gesprächsteilnehmer, die die Angehörigen – bei Nichtkenntnis des Willens des Verstorbenen – optimal aufklären und in der Entscheidungsfindung unterstützen.
- Langfristig durch die verbesserte Aufklärung der Bevölkerung – zum Beispiel durch die Integration des Themas Organspende und Transplantation in die Lehrpläne ab dem 10. Schuljahr, um Schüler darüber umfassend zu informieren und so eine bewusste Entscheidung zu ermöglichen. Durch die Jugendlichen würde diese Thematik außerdem besser als bisher in die Familien getragen werden.

Die Langfassung ist abrufbar unter www.aerzteblatt.de/aufsaetze/0906.

Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Claus Wesslau
Deutsche Stiftung Organtransplantation
Geschäftsführender Arzt der Region Nord-Ost
Saatwinkler Damm 11–12
13627 Berlin
E-Mail: nord-ost@dso.de
Mitautoren:
K. Grosse1, R. Krüger1, O. Kücük1, D. Mauer2, F. P. Nitschke1, A. Manecke1, F. Polster1, D. Gabel3

1 Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO); Organspenderegion Nord-Ost
2 Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO); Organspenderegion Mitte
3 Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO); Krankenhaus-Kommunikation
Tabelle: Untersuchungsergebnisse von Verstorbenen mit primärer und sekundärer Hirnschädigung

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema