ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2006Kardiochirurgie versus Stenting: „Vergleichsstudien verfälschen die Realität“

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Kardiochirurgie versus Stenting: „Vergleichsstudien verfälschen die Realität“

Dtsch Arztebl 2006; 103(9): A-520 / B-449 / C-428

Niermann, Inga

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Foto: Medtronic GmbH
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Herzchirurgen kritisieren, dass viele Untersuchungen nur Patienten mit geringem Risiko einschließen.

Herzchirurgen haben vor falschen Erwartungen an Katheter-Eingriffe zur Behandlung der koronaren Herzerkrankung gewarnt. Für fast alle Patienten sei die Bypassoperation weiterhin die richtige Behandlungsmethode, sagte der Herzchirurg Prof. Dr. med. Hans-Reinhard Zerkowski (Universitätsspital Basel) bei der 35. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG) in Hamburg.
Kardiologen wagten sich mit der Stent-Technologie an immer komplexere Fälle, die bisher die Domäne der Herzchirurgen war. Inzwischen legte eine Vielzahl von Studien eine Gleichwertigkeit der Stent-Implantation mit einer Bypassoperation bei der Behandlung der koronaren Herzerkrankung nahe. „Diese Studien erfassen aber nicht den typischen Koronarpatienten und sind keinesfalls dazu geeignet, die brennende Frage nach der Differenzial-Indikation dieser beiden Verfahren zu beantworten“, kritisierte Zerkowski. Dadurch werde die Wirklichkeit verfälscht, und Patienten würden in die Irre geführt.
Viele der Vergleichsstudien, die er mit anderen Herzchirurgen ausgewertet hat (Cardiac Surgery Today 2005; 2[2]: 43–55), würden nur „Low-Risk-Klientel“ einbeziehen – also Patienten mit Ein- oder Zweigefäßerkrankungen und einer normalen Pumpfunktion des Herzens. „Diese Patienten profitieren ohnehin nicht von einer koronaren Bypassoperation“, sagte Zerkowski. Zudem seien die meisten Kandidaten für Bypassoperationen – die über 70-Jährigen und vor allem die über 75-Jährigen – in den Studien außer Acht gelassen worden, bemängelte er. Keinesfalls sollten Stents mit Katheter bei Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung eingesetzt werden. Auch Dreigefäßerkrankungen und/oder eine Stammstenose müssten unbedingt chirurgisch behandelt werden, betonte Zerkowski. Patienten sollten gemäß den Leitlinien koronarer Herzkrankheit beraten und über die Risiken und Lebensperspektiven des jeweiligen Verfahrens informiert werden.
Einen herausragenden Erfolg konnte eine Arbeitsgruppe der Medizinischen Hochschule Hannover unter der Leitung von Prof. Dr. med. Axel Haverich vermelden. In Kooperation mit der Universitätsklinik Chisinau in Moldawien ist es gelungen, neun Kindern eine nachwachsende Herzklappe erfolgreich zu implantieren. „Die Herzklappen sind sehr gut eingewachsen. Bei den beiden damals neun- und zwölfjährigen Kindern, denen wir vor vier Jahren die ersten Herzklappen eingesetzt haben, konnten wir ein Klappenwachstum von 18 beziehungsweise 25 Prozent feststellen“, sagte Haverich. Die Funktion der Klappen werde nicht beeinträchtigt. Die bisher verwendeten mechanischen und biologischen Klappenprothesen „wachsen“ nicht mit den Kindern mit, sodass mehrere Operationen erforderlich sind, bevor die endgültige Implantation einer Erwachsenen-Herzklappe erfolgen kann.
Die bioartifizielle Herzklappe wird aus Endothelzellen im Blut gewonnen und im Rahmen von Tissue Engineering hergestellt. In Deutschland liege das Verfahren, das vor zweieinhalb Jahren durch die Ethikkommission genehmigt worden sei, beim Paul-Ehrlich-Institut zur Prüfung vor, sagte Haverich. Seiner Ansicht nach könnten in Deutschland pro Jahr 200 Kinder mit Herzklappenfehler von diesem Verfahren profitieren.
Bypassoperationen werden heute auch am schlagenden Herzen vorgenommen (OPCAB-Verfahren). Foto: Aktion Meditech
Bypassoperationen werden heute auch am schlagenden Herzen vorgenommen (OPCAB-Verfahren). Foto: Aktion Meditech
Sehr zufrieden über die Leistungen der Herzchirurgie insgesamt äußerte sich DGTHG-Präsident Prof. Dr. med. Arno Krian (Herzzentrum Duisburg). Der Leistungsstatistik 2005 der Gesellschaft zufolge hätten sich diese auf einem hohen Niveau eingependelt. Die Sterblichkeitsrate liege bei knapp unter drei Prozent. „Wir halten diese Zahl seit vielen Jahren, obwohl wir mehr ältere Menschen, mehr Rezidive und mehr Notfälle operieren“, betonte Krian. Deshalb müsse dies als Erfolg der Herzchirurgie in Deutschland bewertet werden.
Im vergangenen Jahr waren bereits 45 Prozent der Operierten älter als 70 Jahre; vor zehn Jahren waren es noch 25 Prozent. 8,4 Prozent der operierten Patienten im Jahr 2005 waren sogar älter als 80 Jahre, ein Viertel waren Diabetiker. Die Gesamtzahl der Operationen blieb mit 119 000 in 2005 im Vergleich zum Vorjahr nahezu konstant. Die Zahl isolierter Klappenoperationen nahm mit 19 000 in 2005 gegenüber dem Vorjahr um 1 400 Eingriffe zu. Auch stieg die Zahl der implantierten Herzschrittmacher gegenüber 2004 um 1 000 auf 11 000 und die der Defibrillatoren von 7 000 auf 9 000. Die Zahl der Bypassoperationen sank zwar leicht, machte aber mit 67 000 Eingriffen immer noch den Löwenanteil der herzchirurgischen Eingriffe aus. Inga Niermann

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