ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2006Früherkennung von Alkoholabhängigkeit – Probleme identifizieren und intervenieren: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Früherkennung von Alkoholabhängigkeit – Probleme identifizieren und intervenieren: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2006; 103(9): A-546

Mann, Karl

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LNSLNS Die genannten Nebenwirkungen von Acamprosat entsprechen im Wesentlichen der neuen Fachinformation. Bei der klinischen Bewertung dieses Nebenwirkungsprofils muss allerdings die Grunderkrankung bedacht werden. Alkoholkranke konsumieren täglich beträchtliche Mengen Alkohol, was zu einer Vielzahl von sekundären Symptomen führt, die Hautveränderungen mit Pruritus ebenso wie Libidostörungen einschließen. Eine durch die medikamentöse Rückfallprophylaxe bewirkte Abstinenz wird in diesen Punkten in der Regel zu deutlichen Verbesserungen führen, sodass das in den meisten Punkten nur in seltenen Fällen auftretende Nebenwirkungsprofil summa summarum als günstig bezeichnet werden kann.
Folgt man der alten medizinischen Grundregel: „Keine Wirkung ohne Nebenwirkungen“ und akzeptiert man das relativ günstige Nebenwirkungsprofil, so bleibt die Frage nach der Wirksamkeit. Hier ist die Gesamtdatenlage sehr aussagekräftig mit inzwischen 19 publizierten, randomisierten, kontrollierten Studien. 17 dieser Untersuchungen erfüllen methodische Mindestkriterien, sodass sie in Metaanalysen eingehen konnten. Davon zeigten lediglich drei Studien keine Überlegenheit von Acamprosat gegenüber Placebo, während alle anderen Studien eine signifikante Überlegenheit nachweisen konnten. Dieses Verhältnis von positiven zu negativen Studien ist vor allem im Vergleich mit anderen zugelassenen Substanzklassen (wie den Antidepressiva) überzeugend. Die Aussagen in unserem Artikel beziehen sich auf die sehr gründliche deutsche Studie von Saß et al., 1996 (1). Danach ist die Wirksamkeit mit einer Abstinenzrate von Acamprosat (knapp 45 Prozent) doppelt so hoch wie für ein Placebo (25 Prozent).
Die Wirksamkeit bleibt auch über die ausschließliche Behandlungsdauer von einem Jahr hinaus erhalten. Die beiden von Herrn Roth zitierten Studien zeigen diesen Unterschied nach Absetzen der Medikation tatsächlich nicht, allerdings dauerte hier die Behandlungszeit nur jeweils sechs Monate. Dies könnte dafür sprechen, dass die neurobiologischen Adaptationsphänomene unter acamprosatgestützten Abstinenzbedingungen tatsächlich einen längeren Zeitraum benötigen, um dann die Chance auf eine dauerhafte Abstinenz wesentlich zu erhöhen. Dem wird durch die Behandlungsempfehlung von einem Jahr Rechnung getragen.
Abschließend sei der aus unserer Sicht entscheidende Punkt hervorgehoben: Die neuen Anticraving-Substanzen wie Acamprosat oder Naltrexon geben erstmals dem niedergelassenen Arzt die Möglichkeit, wirksam mit dem zu intervenieren, was zum klassischen ärztlichen Behandlungsrepertoire gehört: der Kombination aus ärztlichem Gespräch und wirksamer Medikation.

Literatur
1. Sass H, Soyka M, Mann K, Zieglgansberger W: Relapse prevention by acamprosate: Results from a placebo-controlled study on alcohol dependence. Arch Gen Psychiatry 1996; 53: 1092.

Für die Verfasser
Prof. Dr. med. Karl Mann
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
Postfach 12 21 20
68072 Mannheim

Im Rahmen einer Studie erhält Prof. Mann kostenfrei Medikamente der Firmen DuPont (Naltrexon) und Merck (Acamprosat). Ferner hatten diese Firmen Reisekosten und Vortragshonorare erstattet.
1.
Sass H, Soyka M, Mann K, Zieglgansberger W: Relapse prevention by acamprosate: Results from a placebo-controlled study on alcohol dependence. Arch Gen Psychiatry 1996; 53: 1092. MEDLINE
1. Sass H, Soyka M, Mann K, Zieglgansberger W: Relapse prevention by acamprosate: Results from a placebo-controlled study on alcohol dependence. Arch Gen Psychiatry 1996; 53: 1092. MEDLINE

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