ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2006Typ-2-Diabetes-mellitus – Betreuung von chronisch Kranken in der Hausarztpraxis: Psychosomatische Komorbiditäten vergessen

MEDIZIN: Diskussion

Typ-2-Diabetes-mellitus – Betreuung von chronisch Kranken in der Hausarztpraxis: Psychosomatische Komorbiditäten vergessen

Dtsch Arztebl 2006; 103(9): A-546 / B-469 / C-449

Schaan, Werner

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LNSLNS Ein wichtiger Aspekt – die psychischen oder psychosomatischen Komorbiditäten – der die „Fähigkeit und Bereitschaft der Patienten zu krankheitsrelevantem Verhalten“ beeinflusst, bleibt in dem
ansonsten umfassenden Beitrag unerwähnt.
Das Vorliegen einer depressiven Episode ist eine wichtige Begleiterkrankung, die zunehmend in den Mittelpunkt entsprechender Forschung tritt. Jeder, der im medizinischen Bereich tätig ist, weiß, wie eine Depression die emotionale und auch rationale Wahrnehmungs- und Handlungsfähigkeit eines Menschen beeinflussen kann. In vielen Studien, die durch Anderson et al. (1) einer Metaanalyse unterzogen wurden, konnte gezeigt werden, dass bei circa 25 Prozent der Menschen mit Diabetes mellitus eine Depression vorliegt und diese damit etwa doppelt so häufig auftritt wie in der Durchschnittsbevölkerung. Die Inzidenz war besonders bei dem Vorhandensein von Folgeerkrankungen und bei einer erlebten Einschränkung der Lebensqualität erhöht.
Hieraus ergibt sich, dass im Durchschnitt jeder vierte Patient mit Diabetes, der in die Praxis oder eine Schwerpunkteinrichtung kommt, durch diese Komorbidität in seiner krankheitsbezogenen Handlungsfähigkeit eingeschränkt ist und darüber hinaus psychotherapeutischer oder medikamentöser Unterstützung bedarf. Lustmann et al. (2) konnte diesbezüglich nachweisen, dass eine psychotherapeutische Intervention zu einer signifikanten Besserung der Stoffwechsellage führen kann.
Diesem Umstand wurde auch in der „Nationale Versorgungs-Leitlinie Diabetes mellitus Typ 2“ (3) Rechnung getragen, indem neben der Untersuchung organischer Folgekrankheiten auch eine Abklärung depressiver Krankheitsbilder gefordert wurde.
Ein weiterer wichtiger Aspekt stellt das gleichzeitige Auftreten von Essstörungen wie Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und einer „binge eating disorder“ dar. Nach Herpertz (4) liegt die Prävalenz bei Diabetes mellitus Typ 1 bei 5,4 bis 7 Prozent, bei Menschen mit Typ-2-Diabetes sogar bei 10 bis 13,7 Prozent. Hierbei spielt zusätzlich auch das Insulin-Purging, das heißt, die bewusste oder unbewusste Unterdosierung oder gar das Weglassen des Insulins zur Gewichtsreduktion, eine wichtige Rolle. Die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Stoffwechselführung bedürfen keiner weiteren Erörterung.
Andere potenzielle psychische Erkrankungen wie Angsterkrankungen (Hypoglykämieangst, Angst vor Folgeerkrankungen, Spritzenphobie) oder Suchterkrankungen (zum Beispiel Diabetes und Alkohol) seien nur am Rande erwähnt, sollten in der Therapie beachtet werden.
Zusammenfassend ist es von hoher Relevanz, die psychischen/ psychosomatischen Komorbiditäten intensiver im Bewusstsein derjenigen zu verankern, die im Bereich der Betreuung von Menschen mit Diabetes mellitus tätig sind.

Literatur
1. Anderson RJ et al.: The prevalence of comorbid depression in adults with diabetes. A meta-analysis. Diabetes care 2001; 24: 1069–78.
2. Lustmann PJ et al.: Cognitive behaviour therapy for depression in type 2 diabetes mellitus. Ann Intern Med 1998; 129: 613–21.
3. Bundes­ärzte­kammer et al.: Nationale Versorgungs-Leitlinie Diabetes mellitus Typ 2, ZaeFQ 2002; 96
(Suppl. II): 1–24.
4. Herpertz et al.: Comorbidity of diabets and eating disorders. Diabetes Care 1998; 21: 1110–16.

Dr. med. Werner Schaan
Psychosomatische Abteilung der Inneren Medizin II
Krankenanstalt Mutterhaus der Borromäerinnen Trier
Feldstraße 16
54290 Trier
1.
Anderson RJ et al.: The prevalence of comorbid depression in adults with diabetes. A meta-analysis. Diabetes care 2001; 24: 1069–78. MEDLINE
2.
Lustmann PJ et al.: Cognitive behaviour therapy for depression in type 2 diabetes mellitus. Ann Intern Med 1998; 129: 613–21. MEDLINE
3.
Bundes­ärzte­kammer et al.: Nationale Versorgungs-Leitlinie Diabetes mellitus Typ 2, ZaeFQ 2002; 96 (Suppl. II): 1–24.
4.
Herpertz et al.: Comorbidity of diabets and eating disorders. Diabetes Care 1998; 21: 1110–16. MEDLINE
1. Anderson RJ et al.: The prevalence of comorbid depression in adults with diabetes. A meta-analysis. Diabetes care 2001; 24: 1069–78. MEDLINE
2. Lustmann PJ et al.: Cognitive behaviour therapy for depression in type 2 diabetes mellitus. Ann Intern Med 1998; 129: 613–21. MEDLINE
3. Bundes­ärzte­kammer et al.: Nationale Versorgungs-Leitlinie Diabetes mellitus Typ 2, ZaeFQ 2002; 96 (Suppl. II): 1–24.
4. Herpertz et al.: Comorbidity of diabets and eating disorders. Diabetes Care 1998; 21: 1110–16. MEDLINE

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