ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2006Kopfläuse – Umgang mit einer wiederauflebenden Parasitose / Eine Standortbestimmung unter evidenzbasierten Kriterien: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Kopfläuse – Umgang mit einer wiederauflebenden Parasitose / Eine Standortbestimmung unter evidenzbasierten Kriterien: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2006; 103(9): A-549

Richter, Joachim

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LNSLNS Herr Oster-Schmidts Frage nach Wirksamkeit der Nissenentfernung hat eine aktuelle Studie aus Großbritannien beantwortet, bei der das ausschließliche Auskämmen von Nissen durch erfahrene Studienschwestern eine Effizienz von 57 Prozent zur Folge hatte (1). Die nissenbefallenen Haare abzuschneiden ist sicherer, wird aber schlechter akzeptiert.
Malathion ist nicht unangenehmer als andere in Deutschland häufig verschriebenen Präparate und gehört im Ausland zu den Standard-Pedikuloziden. Studien in Kairo an Personen, die mehr als 150 Kopfläuse aufwiesen, zeigten, dass ein Extrakt aus Neempresskuchen 100 Prozent der Läuse erfasste. Eine Nachbehandlung ist hier immer erforderlich (nähere Information bei Prof. Mehlhorn, E-Mail: mehlhorn@uni-duesseldorf.de). Lindan wird in der Tat vom Markt genommen. Nissen sind nach deutscher Terminologie die Chitinhüllen, ob sie Läuselarven enthalten oder nicht.
Zu Frau Kollegin Hillmeier: Die Wirksamkeit der Nissenentfernung hängt von der Länge und Dichte des Kopfhaars ab, von der Beschaffenheit des Nissenkammes und der Erfahrung der kämmenden Person, vor allem aber auch von der Zeit, die der kämmenden Person pro Befallenem zur Verfügung steht. Bei hoher Kinderzahl mit besonders vielen Mädchen (mit langen Haaren) oder wenn ein alleinerziehender Elternteil arbeitstätig ist, führt dies ohne Unterstützung rasch zu Schwierigkeiten.
Darüber hinaus geht häufig von den Nissen keine Gefahr aus, nämlich wenn die jungen Läuse bereits geschlüpft sind. Die Nissen stehen dann weiter außen (> 1 cm von der Kopfhaut entfernt) und erscheinen glänzend weiß. Die Forderung nach Nissenfreiheit erhöht die Zahl der verschwiegenen Infektionen und ist daher kontraproduktiv. Die Energie der Betroffenen sollte sich auf sinnvolle Maßnahmen konzentrieren, die auf parasitologischen Erkenntnissen beruhen. Wir können deshalb die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts nur unterstützen (2).
Ein Kind kann bereits 24 Stunden nach einer erfolgreichen Erstbehandlung in die Schule, weil es dann nicht mehr infektiös ist. Anschließend muss nach einer Behandlung mit einem Pedikulozid ohne ausreichende Residualwirkung und ohne Wirkung auf larvenenthaltende Nissen Sorge getragen werden, dass ein erneutes Übertragungsrisiko durch sich aus später geschlüpften Larven entwickelnde Läuse oder durch eine erneute exogene Infektion ausgeschlossen wird. Läuse sind erst nach Erreichen des adulten Stadiums in der Lage, andere Wirte zu befallen, was durch eine Nachbehandlung acht bis zehn Tage nach der Erstbehandlung rechtzeitig verhindert wird.
Frau Kollegin Schammert-Prenzler ergänzt, in welcher Form die Kopflausinfektion meldepflichtig ist. Aus Zahlen über das Auftreten der Infektion an einzelnen Institutionen können jedoch keine Fallzahlen abgeleitet werden.
Die Verkaufszahlen von Pedikuloziden in Deutschland geben uns hier mehr Aufschluss. In der Tat sind die monatlichen Verkaufszahlen nach den Sommerferien doppelt so hoch wie im Juni, und dies zeitlich versetzt, je nach den Terminen der Sommerferien im jeweiligen Bundesland (A. Mommerz, persönliche Mitteilung, 2005).
Herr Kollege Stutzer berichtet über die Wirksamkeit von Cotrimoxazol gegen Kopfläuse. Bei einer ausgeprägten bakteriellen Superinfektion wäre dieses Antibiotikum eine Option (3). Da Cotrimoxazol im Einzelfall schwere Nebenwirkungen zur Folge haben kann, wäre bei einem unkomplizierten Befall die Indikation jedoch kaum zu rechtfertigen (4).
Geeignete epidemiologische Untersuchungen sind erforderlich, um die Entwicklung der Fallzahlen und das Auftreten von Pedikulozid-Resistenzen besser zu erfassen. Wegen der zum Teil besorgniserregenden Resistenzentwicklung, auch im europäischen Ausland, sollten neue Pedikulozide dringend entwickelt und erprobt werden (1).

Literatur
1. Hill N, Moor G, Cameron MM: Single blind randomized, comparative study on the bug buster kit and over the counter pediculocide treatments against head lice in the United Kingdom. BMJ 2005; 331: 384–6.
2. Robert Koch-Institut: RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten. Merkblätter für Ärzte. Kopflausbefall. Aktualisierte Fassung Mai 2004: 1–7. www.rki.de. Letzter Zugang 28. Oktober 2005.
3. Hippolito R, Mallorca F, Zuniga-Macaraig Z, Apolinario P, Wheeler-Sherman J: Head lice infestation: single drug versus combination therapy with one percent permethrin and trimetroprim/sulfamethoxazole. Pediatr 2001; 107: E30.
4. Jones KN, English JC: Review of common therapeutic options in the United States for the treatment of pediculosis capitis. Clin Infect Dis 2003; 36: 1355–60.

Für die Verfasser:
Priv.-Doz. Dott. Univ. Pisa
Joachim Richter
Universitätsklinikum Düsseldorf
Tropenmedizinische Ambulanz, Geb 1193
Moorenstraße 5, 40225 Düsseldorf

Die Autoren aller Diskussionsbeiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Hill N, Moor G, Cameron MM: Single blind randomized, comparative study on the bug buster kit and over the counter pediculocide treatments against head lice in the United Kingdom. BMJ 2005; 331: 384–6. MEDLINE
2.
Robert Koch-Institut: RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten. Merkblätter für Ärzte. Kopflausbefall. Aktualisierte Fassung Mai 2004: 1–7. www.rki.de. Letzter Zugang 28. Oktober 2005.
3.
Hippolito R, Mallorca F, Zuniga-Macaraig Z, Apolinario P, Wheeler-Sherman J: Head lice infestation: single drug versus combination therapy with one percent permethrin and trimetroprim/sulfamethoxazole. Pediatr 2001; 107: E30. MEDLINE
4.
Jones KN, English JC: Review of common therapeutic options in the United States for the treatment of pediculosis capitis. Clin Infect Dis 2003; 36: 1355–60. MEDLINE
1. Hill N, Moor G, Cameron MM: Single blind randomized, comparative study on the bug buster kit and over the counter pediculocide treatments against head lice in the United Kingdom. BMJ 2005; 331: 384–6. MEDLINE
2. Robert Koch-Institut: RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten. Merkblätter für Ärzte. Kopflausbefall. Aktualisierte Fassung Mai 2004: 1–7. www.rki.de. Letzter Zugang 28. Oktober 2005.
3. Hippolito R, Mallorca F, Zuniga-Macaraig Z, Apolinario P, Wheeler-Sherman J: Head lice infestation: single drug versus combination therapy with one percent permethrin and trimetroprim/sulfamethoxazole. Pediatr 2001; 107: E30. MEDLINE
4. Jones KN, English JC: Review of common therapeutic options in the United States for the treatment of pediculosis capitis. Clin Infect Dis 2003; 36: 1355–60. MEDLINE

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