ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2006Zhao Erwu: Leben in zwei Welten

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Zhao Erwu: Leben in zwei Welten

Merten, Martina

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Zhao Erwu: „Jedes Leiden gleich ernst nehmen.“ Foto: Martina Merten
Zhao Erwu: „Jedes Leiden gleich ernst nehmen.“ Foto: Martina Merten
Von März bis November arbeitet er als Schiffsarzt auf dem Yangtze und behandelt Touristen, die sich eine Massage leisten können. In den übrigen Monaten sieht er das wahre China.

Hochkonzentriert streckt er zunächst das linke Bein nach vorne, das rechte zieht er langsam nach. Der Oberkörper von Dr. Zhao Erwu bleibt dabei kerzengerade, sein Blick weicht keine Sekunde von seinen Beinen ab. Auf Zhao richten sich unzählige Augenpaare, es ist still im Saal. Eine letzte Drehung um die eigene Achse folgt – Zhao lächelt verlegen und verbeugt sich. Die etwa 400 Passagiere des Kreuzfahrtschiffes der chinesischen Reederei CCOTC auf dem Yangtze-Fluss setzen gerade an, Zhaos Thai-Chi-Darstellung zu beklatschen, da springen schon zehn weitere Chinesen als Köche verkleidet aufs Podest und beginnen etwas ungelenk mit der nächsten Vorführung. Immer samstags ist Captain’s-Dinner an Bord des Schiffes, und immer samstags müssen all diejenigen, die tagsüber noch die Tische abgeräumt, den Boden sauber gemacht und die Gäste auf Ausflüge in die nähere Umgebung des Yangtze-Tals begleitet haben, auf die Bühne – auch Zhao, der Schiffsarzt.
An Bord ist er „Doctor John“
Die Gäste an Bord kommen von überall her, einige auch aus Deutschland. Meist haben sie von zu Hause aus eine Fahrt gebucht, die einen Aufenthalt in der chinesischen Hauptstadt Peking und im weiter südlich gelegenen Schanghai mit einer mehrtägigen Fahrt auf dem Yangtze kombiniert. Sie bestaunen den Flussverlauf, machen Fotos und warten auf den Höhepunkt der Fahrt, die Ankunft am 3-Schluchten-Staudamm nahe der Stadt Sandouping. Manche von ihnen vertragen das Essen an Bord des Schiffes nicht und haben mit Magenproblemen zu kämpfen, erkälten sich auf dem zugigen Oberdeck oder fühlen sich verspannt und fragen nach einer Massage. Zhao sitzt direkt neben der Rezeption in einem kleinen Zimmer, von früh morgens bis spät abends, und wartet darauf, den Gästen helfen zu können. Er trägt einen einfachen weißen Kittel mit einem selbst aufgemalten roten Kreuz, darunter ein schwarz umrahmtes Schild mit der Aufschrift „Doctor John“. Die Schiffsgäste können sich das leichter merken als Zhao Erwu, und die meisten können es auch leichter aussprechen.
Zhao ist ein sehr zurückhaltender Mann; während des Gesprächs weicht er Blicken anderer aus. Fragen zu beantworten, die ihn und sein Leben betreffen, ist der 33-Jährige nicht gewohnt. Schließlich geht es in seinem Leben ausschließlich um die Wünsche und Sorgen seiner Patienten. Zhao nimmt die kleinen Leiden von Patienten an Bord des Yangtze-Schiffs genauso ernst wie die Sorgen von Patienten, die er außerhalb der Saison an Land behandelt. „Denn“, sagt er mit ernster Miene, „jeder empfindet Leiden auf seine Weise, man muss jedes Leiden gleich ernst nehmen.“ Dabei ist das, was der Arzt von November bis März während seiner Arbeit in Krankenhäusern auf dem Land sieht, nicht annähernd mit den „Banalitäten“ an Bord vergleichbar. Denn auf dem Land ist kaum ein Chinese krankenversichert. Selbst Patienten mit schwerwiegenden Diagnosen werden wieder nach Hause geschickt, weil die Behandlung zu teuer ist. Vielen bleiben lediglich Anwendungen aus dem Bereich der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), weil sie, verglichen mit westlicher Medizin, sehr günstig sind. „Das Elend auf dem Land“, sagt Zhao, „ist viel größer.“
Zhao weiß um den Unterschied der verschiedenen Welten, in denen er lebt. Und er weiß auch, dass die Welt an Bord ihm ein Leben ermöglicht, das er sich als Landarzt nicht würde leisten können. Bevor er zur Reederei kam, arbeitete Zhao im Anschluss an sein Medizinstudium zwei Jahre lang in einem Krankenhaus auf dem Land. Der Verdienst war sehr gering. Als er von der Stelle als Schiffsarzt erfuhr, verließ er das Krankenhaus sofort. Heute verdient Zhao 1 000 Yuan – etwa 100 Euro – im Monat, von denen er sich Dinge leisten kann, die für viele Chinesen nicht selbstverständlich sind. Er besitzt gemeinsam mit seiner Frau und seiner siebenjährigen Tochter eine kleine Wohnung in Yichang. Einmal die Woche könne er sie sogar besuchen, erzählt er stolz. Verglichen mit anderem Schiffspersonal, sei das recht häufig, denn andere sähen ihre Familien nur einmal im halben Jahr. Sein Gehalt und das Trinkgeld, das Zhao von den Gästen erhält, machen ihn zwar längst nicht zu einem der reichen Männer, die am großen Wirtschaftsboom teilhaben. Aber es ermöglicht ihm, gelegentlich mit seiner Familie China zu bereisen.
Zhao ist zwar ein sehr bescheidener Mann. Er hat aber nicht aufgehört, an seine Träume zu glauben. An manchen Tagen träumt Zhao von einem Schiff, das bis auf den letzten Platz ausgebucht ist. Er arbeitet auf diesem Schiff – als Arzt. Manchmal träumt er aber auch von einem Krankenhaus auf dem Land. Das Krankenhaus hat nicht nur einen guten Ruf, sondern dort arbeitet auch ein besonders engagierter Arzt – Zhao Erwu. Martina Merten

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