VARIA: Feuilleton

Fliegende Flaschen

Dtsch Arztebl 2006; 103(9): A-562 / B-485 / C-465

Schulz, Annerose

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Seit 2003 veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt regelmäßig Arztgeschichten – zunächst aus der Literatur, seit Heft 3/2004 vorwiegend Beiträge aus der Ärzteschaft.

Als ich von einem Hausbesuch kam und durch das Wohnzimmer ging, sah ich ihn. Schwester Helga war froh, dass ich kam. Denn das Bereitschaftsdienst-Dasein ist ziemlich einsam: die Praxis für alle Leidenden offen, Schwester und ich allein. Und im Wartezimmer: Klaus-Dieter Schluckjau. Doch, er kam häufig. Sein „Fähnlein“ flatterte ihm voran, seine Augen waren rot und tränenreich, er ließ sich gern von den Schwestern trösten. Manchmal aber war er auch laut und böse, schimpfte auf seine geschiedene Frau, die Behörden und auf die ganze Welt.
Heute wirkte er irgendwie auffällig. Er stierte in eine Ecke des Wohnzimmers, hob unmotiviert die Hände, gestikulierte und wehrte irgendetwas ab. Die anderen Patienten, die ihre Gebrechen dem Sonntagsdienstarzt vorführen wollten, schauten auch schon ganz irritiert. Schluckjau führte übrigens einen großen bunten Beutel mit sich, in dem sich die Konturen diverser Bierflaschen abzeichneten. Wahrscheinlich aus diesem Geschäft „Bierpräsent“ gegenüber, das ich nicht leiden konnte. Erstens, weil es als einziges in unserer Nähe sonntags geöffnet hatte (andere wären mir als Ärztin mit großer Familie lieber gewesen), und zweitens, weil irgendein Hobby-Dichter diese einprägsame Schaufensterwerbung verbrochen hatte: „Mein guter Rat – trink Hanseat!“ Also, dagegen hatte ich etwas, prinzipiell und besonders bei Patienten, die am Sonntag unseren Bereitschaftsdienst beehrten.
„Den wollen wir bloß schnell aufrufen, mit dem ist irgendetwas los . . .“, sagte ich zu Schwester Helga. Leider hatte ich Recht. Klaus-Die-ter Schluckjau stolzierte ins Sprechzimmer, leicht verwahrlost, leicht schwankend, das Gesicht kräftig gerötet.
„Was führt Sie heute zu uns?“ eröffnete ich das Gespräch.
„Ich brauche einen Flaschenöffner!“ sagte er lapidar und ließ den Beutel mit den Flaschen polternd an seinem Stuhl hinuntersinken. „Übrigens: Heute nacht wollten sie mich ermorden. . .“
„Wer?“
„Na, die von nebenan. Ich konnte es zu Hause gar nicht mehr aushalten.“
„Und?“
„Da habe ich mir Geld gestohlen. Von meiner Mutter. Und bin erst mal Bier kaufen gegangen. Und nun kriege ich die Flaschen hier nicht auf.“
Ach du liebe Güte! Abgesehen davon, dass wir keinen Flaschenöffner hatten und ihn auch nicht herausgerückt hätten, wenn . . . Aber was wurde das denn jetzt?
Der Patient schrie grell auf
Ich sah Schweiß auf Schluckjaus Stirn treten. Mit zitternden Händen begann er in seinem schmuddeligen Beutel herumzukramen, und plötzlich hatte er eine Bierflasche in der Hand! Mit geübten Griffen versuchte er – und
ich war völlig machtlos – den Kronkorken am Holz der Schreibtischkante hochzuschieben. Das Holz splitterte, die Flasche öffnete sich zischend, und mit der Gier eines Verdurstenden stürzte er den Inhalt in sich hinein. Bier lief an seinem Kinn herunter, kleckerte auf seinen ohnehin stark mitgenommenen Pullover und tropfte auf den Fußboden. Aber seine Spannung löste sich erst einmal. Hemmungslos begann er zu erzählen, und ich spielte auf Zeit. Von Berlin käme er, aus dem Krankenhaus für Alkoholiker, aber da sei er abgehauen, denn eigentlich bliebe ihm nur noch der Strick.
Ich sammelte meine Gedanken. Gespräch, Beruhigung, Einweisung, dachte ich. Aber wie am besten? Meine Überlegungen wurden jäh unterbrochen.
Der Patient schrie plötzlich grell auf und zeigte zitternd in eine Zimmerecke: „Da! Da ist er wieder!“ Und mit der Kraft des tödlich Gehetzten schleuderte er die nächste Flasche mit voller Wucht gegen die Wand. Dann ging es Schlag auf Schlag: Flasche für Flasche verwandelte er in Wurfgeschosse gegen seinen vermeintlichen Feind. Widerlicher Bier- und Kneipendunst breitete sich aus, Bierlachen standen auf dem Fußboden, Scherben zerbrochener Flaschen waren bis in den letzten Winkel zersplittert. Ruhe, Ruhe, Ruhe – suggerierte ich ihm (und mir).
Längst hatte ich gehört, dass Schwester Helga vom Nebenzimmer aus die Polizei angerufen hatte. Dringend! Ich schaute verstohlen auf meine Uhr und versuchte ihn zu beruhigen. Schluckjau nestelte an seinem Beutel herum. Noch hatte er nicht alle Munition verschossen. Aber nach weiteren Schlucken Bier, die Flasche hatte er wieder an meinem Schreibtisch geöffnet, wurde er etwas ruhiger. Und tatsächlich gelang es uns mit vielen lieben Worten, ihn ins Wartezimmer hinauszukomplimentieren. Dabei wateten wir fußtief in Bier und Scherben. Die anderen Patienten hatten sich längst bei dem laut hörbaren Flaschenbombardement auf die Straße geflüchtet und harrten dort der Dinge, die da kommen sollten. Handys besaßen sie damals noch nicht.
Wir aber zählten die Minuten. Wann endlich kam die Polizei?
Klaus-Dieter randalierte auch im Wartezimmer noch etwas, grölte und kämpfte gegen verborgene Feinde. Auch eine Bierflasche zerschellte noch an der Wand ihm gegenüber. Und dann – endlich ging die Praxistür auf. Zwei ältere Polizisten traten ein. Lebensklug, wie sich zeigte. „Hallo, Klaus-Dieter!“ sagte der Ältere. „Wie geht’s dir denn so?“ und begrüßte unseren Problemfall mit einem Handschlag.
„Danke, bestens!“ antwortete Schluckjau und lächelte abwesend.
„Was hältst du davon, wenn wir ein bisschen spazieren fahren?“
„Au prima! Das ist eine gute Idee. Das habe ich mir schon immer mal gewünscht!“
Wir atmeten auf. Das lief ja bestens.
Höflich verabschiedete sich Klaus-Dieter von uns, schritt leicht schwankend und in Begleitung der beiden Polizisten aus dem Haus und stieg ohne Murren in ihr Dienstfahrzeug ein. Fröhlich winkte er den ängstlich wartenden Patienten draußen zu und fuhr, einem Sieger gleich, in Richtung Nervenklinik davon.
Schwester Helga aber stieg ärgerlich und leise schimpfend in den Bierlachen und Scherben herum und versuchte mit Besen, Schrubber und Wischlappen das Chaos wenigstens provisorisch zu beseitigen. Noch tagelang stanken unsere Räume nach Bier.
Mein Gott, was hatte ich nicht schon für Alkoholdelirien erlebt! Aber splitternde Bierflaschen in der Praxis, also das war eine ganz neue Erfahrung!
Wie lautete doch der Werbespruch des verhinderten Lyrikers? „Mein guter Rat – trink Hanseat!“ In Maßen, aber nicht in Massen, murmelte ich ergrimmt.
Dr. med. Annerose Schulz
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema