ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2006Diskriminierung junger Ärztinnen: Als Frau nur zweite Wahl

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Diskriminierung junger Ärztinnen: Als Frau nur zweite Wahl

Gräßler, Nora

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Foto:caro
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Das Protokoll eines Bewerbungsgesprächs für eine Assistenzarztstelle im November 2005 belegt die fehlende Gleichberechtigung von Frauen auch oder gerade im Krankenhausbereich. Das Gespräch fand im Beisein von zwei Oberärztinnen und einer Frau aus der Verwaltung statt.
Zunächst erkundigte sich der Chefarzt der Klinik nach meiner Motivation für das Fach und fragte nach Hobbys, Interessen und Herkunft. Es folgte eine Oberärztin mit ihren Fragen, welche sich ausschließlich um private Dinge wie Kind, Anfahrtsweg, Unterbringung des Kindes und die Tätigkeit meines Mannes drehten. Ich wurde also gefragt, ob ich ein Kind habe und wie meine Vorstellungen wären, beides, Beruf und Kind, bewältigen zu können. Ich bejahte die Frage nach dem Kind und fügte verunsichert hinzu, dass kein weiteres mehr folgen sollte. „Sie können uns ja viel erzählen“ musste ich mir daraufhin anhören. Ich stellte demnach eine potenzielle Gefahrenquelle dar, weil ich wegen meines Geschlechts jederzeit wieder ausfallen könnte.
Die nächsten Fragen kamen von der Frau aus der Verwaltung. Diese erläuterte, dass ich eine Schwangerschaftsvertretung für zwei Jahre sei, weil, so der Chefarzt mit grimmiger Miene: „die uns vor einigen Tagen erzählt hat, was da so im Busch ist!“. Weiter fragte die Verwaltungsfrau, wer noch da sei, um sich um mein Kind zu kümmern. Wie viele Großeltern einspringen könnten und was sei, wenn das Kind krank würde. Der Rest des Gesprächs drehte sich um Themen, die Gegenstand eines Bewerbungsgesprächs sein sollten: die Darstellung der Klinikstruktur durch den Chefarzt und meine Fragen bezüglich Gehalt, Weiterbildungsmöglichkeiten oder das Spektrum der Klinik.
Die zweite Oberärztin hatte keine Fragen, und somit durfte ich den Raum für etwa zehn Minuten verlassen. Danach löste sich die Runde auf, und ich wurde vom Chefarzt durch das Haus geführt. Danach bat er mich wieder in sein Zimmer, und wir unterhielten uns unter anderem über Freizeitbeschäftigungen. Nach einiger Zeit endete mein Vorstellungstermin mit den Worten: „Sie verfügen also über eine sehr gute Qualifikation und hätten sogar die Voraussetzungen für eine Anstellung bei meinem damaligen sehr strengen und anspruchsvollen Chef erfüllt. Aber Sie wissen ja, wie das ist, wenn sich ein Mann mit Ihnen bewirbt, werden wir den bevorzugt einstellen.“
Ich saß ihm gegenüber und nickte, noch ungeachtet des Inhalts seiner Aussage. Ich wurde wegen der Tatsache, dass ich eine junge Frau bin und die Möglichkeit einer Schwangerschaft besteht, als zweite Wahl abgestempelt! Ich bin 27 Jahre alt, habe mein Studium soeben absolviert, habe zielstrebig jede Möglichkeit genutzt, um im Fachbereich Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde tätig zu werden, habe dadurch jegliche Famulatur und das Praktische Jahr in HNO-Kliniken im In- und Ausland verbracht. Trotz Kind habe ich mein Studium nur mit einer Verzögerung von einem halben Jahr erfolgreich abgeschlossen, und meine Promotion liegt bereits im Promotionsbüro der Universität Leipzig vor. Trotz dieser Qualifikationen wurde ich im Jahr 2005, in dem eine Frau in Deutschland zur Kanzlerin gewählt wurde, diskriminiert. Ich soll akzeptieren, dass ein Mitbewerber nur wegen seines Geschlechts mir vorgezogen wird.
Wie aberwitzig ist dieses System? Einerseits wird gefordert, dass etwas getan werden muss, damit Akademikerinnen wieder mehr Kinder zur Welt bringen. Fast wöchentlich ist zu lesen, wie niedrig die Geburtenrate unter diesen ist. Ich kann aus meiner Erfahrung nur sagen, dass ich kaum mehr Steine in den Weg gelegt bekommen haben könnte, um die Geburtenrate zu steigern. Es gab in meinem Fall keine Zuschüsse, Starthilfe oder Erziehungsgeld vom Staat, und BAföG erhielt ich ohnehin nicht. Eine auf maximal zwei Tertiale begrenzte Zeit des Ausfallens im PJ durch eine Schwangerschaft oder eine Krankheit waren vom Landesprüfungsamt Sachsen vorgegeben. Wer mehr Zeit verliert, muss das gesamte Praktische Jahr wiederholen. Hinzu kommt der zunehmende Ärztemangel. Unabhängig von der derzeitigen Gesundheitspolitik führt auch solch ein Verhalten, wie das des Chefarztes und seiner Mitarbeiter, zur Abwanderung junger Ärztinnen.
Hinzuzufügen ist, dass sich diese Klinik nicht mehr bei mir gemeldet hat. Erst nach Aufforderung wurde mir meine Ablehnung bekannt gegeben. Nora Gräßler
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