ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2006Standpunkt: Verdichtung
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LNSLNS Die Privatisierung einer „Premium-Marke“ mag Prestigegewinn versprechende Investitionen hervorlocken und strategisch als Chance zur Rettung gefährdeter Standorte dienen, wie jüngst in der mittelhessischen Universitätsmedizin. Ohne Konzentration auf Schwerpunkte, ohne gemeinsame strategische Ausrichtungen und Planungen auch über Stadt- und Landesgrenzen hinweg ist hochpreisige Spitzenmedizin jedoch langfristig nicht möglich – unabhängig von der Trägerschaft. Zugzwänge in einer Welt fehlender Mittel und kumulierter Altlasten bei gleichzeitig wachsenden Möglichkeiten und vermehrt nachgefragten medizinischen Dienstleistungen resultieren in Forderungen nach mehr „Verdichtung“.
Die Dichtung an der Verdichtung ist alles über das scheinbar Machbare, immer Besseres in immer weniger Zeit leisten zu können, für immer mehr Hilfesuchende zu immer günstigeren Bedingungen, obendrein qualitätsgesichert, transparent und möglichst quartalsweise unter stets wandelnden Vorgaben, freundlich zugewandt, und alles unter dem Deckel schwindender Budgets und Mittelzuwendungen. Bezahlung – bitte schön – erst nach Erledigung der Hausaufgaben, bestandenen Prüfverfahren und sowieso unter Vorbehalt. Die Wahrheit an der Verdichtung ist der Alltag, der daraus resultiert – mit Überlastung und Frust, Ängsten und Sorgen, mit kollektiver Depression bei all jenen, die ihre einstigen Illusionen vom Traumberuf einer immer aufs Neue traumatisierenden Realität opfern mussten.
Es ist daher, neben allem ökonomisch begründbaren Handeln, ein Gebot verantwortungsbewusster Strategen, nicht nur mit der Verantwortung um den Haushalt oder um das „Wohl des Patienten“, sondern auch mit der Verantwortung um das Wohl überstrapazierter „Gesundheitsdienstleister“ sorgsam hauszuhalten und alle Chancen zur Verbesserung der Arbeits- und Existenzbedingungen in Klinik und Praxis zu nutzen. Für Märchenstunden fehlt es nicht nur an Zeit, auch die Zuhörer drohen auszuwandern. Prof. Dr. med. Roland Kaufmann
Ärztlicher Direktor des Klinikums
der J. W. Goethe-Universität Frankfurt am Main
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