ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2006Vogelgrippe: Zeitvorteil kaum genutzt

POLITIK

Vogelgrippe: Zeitvorteil kaum genutzt

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Bundes­ärzte­kammer appelliert an die Bundesländer, besser für den Pandemiefall vorzusorgen. Auch den Ärzten empfiehlt sie eine rechtzeitige Vorbereitung.

Nicht als plötzliche Naturkatastrophe brach die Vogelgrippe über Deutschland herein, sondern sie rückte langsam – quasi mit Vorankündigung – näher. Obwohl es bereits im Herbst als wahrscheinlich galt, dass die Tierseuche mit dem Vogelzug im Frühjahr auch Deutschland erreichen würde, zeigten sich die sonst als durchorganisiert geltenden deutschen Behörden schlecht gerüstet. Nur sehr schleppend und wenig koordiniert liefen die Schutzmaßnahmen gegen ein Ausbreiten der Vogelgrippe in Mecklenburg-Vorpommern an. „Das war jetzt nur der Vorgeschmack. Alle Bundesländer müssen sich auf die Tierseuche einstellen“, meint Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, Hauptgeschäftsführer der Bundes­ärzte­kammer (BÄK). Er appelliert an die Länder, auch ihrer Verantwortung für die medizinische Versorgung der Bevölkerung in einem möglichen Pandemiefall in vollem Umfang nachzukommen. Auf einer Krisenkonferenz am 23. Februar in Berlin beschlossen die Landesgesundheitsminister, die Vorräte an antiviralen Medikamenten aufzustocken, um im Ernstfall 20 Prozent der Bevölkerung versorgen zu können.
Vorbereiten auf eine Influenzapandemie sollten sich nach Ansicht von Fuchs auch Deutschlands Ärztinnen und Ärzte. „Wir können nicht so lange warten, bis es so weit ist, sondern müssen jetzt über Katastrophensituationen nachdenken, Pandemiepläne erstellen und den Dialog mit anderen Beteiligten suchen“, betont Fuchs.
Ein Grund zur Panik ist jedoch auch gegenwärtig nicht gegeben. Mit dem Vogelgrippevirus H5N1 infizieren sich Menschen nur, wenn sie durch engen Kontakt mit erkrankten Tieren große Virusmengen aufnehmen. Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung ist bislang nicht erfolgt; das Risiko einer Mutation des Virus ist noch relativ gering. „Dann allerdings würden die Versorgungsstrukturen drohen zusammenzubrechen“, ist Fuchs überzeugt. Darauf müssten die Ärzte eingestellt sein. Fragen, welche diagnostischen Maßnahmen nötig sind, wie die Betreuung in Krankenhaus und Praxis organisiert werden soll und welche therapeutischen Möglichkeiten es gibt, müssten im Vorfeld durchdacht werden. „Auf die Landesbehörden muss Druck ausgeübt werden, endlich Pläne zu erstellen“, fordert Fuchs.
Die Bundes­ärzte­kammer hat deshalb eine Arbeitsgruppe der Influenzapandemie-Beauftragten der Lan­des­ärz­te­kam­mern eingerichtet. Bei der Arbeitssitzung der Gruppe am 21. Februar präsentierte Leiterin Dr. med. Annegret Schoeller die Ergebnisse einer Umfrage zum Stand der Vorbereitungen auf eine Influenzapandemie unter den Lan­des­ärz­te­kam­mern. Danach hat sich in nahezu allen Kammern bereits eine Pandemie-Arbeitsgruppe konstituiert. Garantiert sei zumeist auch eine unmittelbare Erreichbarkeit der Ansprechpartner auf regionaler Ebene. Verwirrung herrscht in den Ländern jedoch noch hinsichtlich der Definition, wann tatsächlich eine Pandemie ausgebrochen ist. Nur in vier Bundesländern haben die zuständigen Landesgesundheitsbehörden die medizinischen Maßnahmen, die im Ernstfall ergriffen werden sollen, konkret geregelt und Pandemiepläne vorbereitet. Notfallpläne im Hinblick auf Schwerpunktpraxen und Versorgungsstützpunkte müssen noch in vielen Ländern installiert werden. Empfehlungen zum Schutz des Krankenhaus- und Praxispersonals laufen erst an. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema