ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2006Bundes­ärzte­kammer-Statistik: Ärztemangel trotz Zuwachsraten

POLITIK

Bundes­ärzte­kammer-Statistik: Ärztemangel trotz Zuwachsraten

Dtsch Arztebl 2006; 103(10): A-588 / B-509 / C-489

Kopetsch, Thomas

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LNSLNS Der „Altersberg“ bei den Ärzten wird immer höher, weil der Nachwuchs ausbleibt. Die Attraktivität der kurativen medizinischen Tätigkeit scheint stark gelitten zu haben.

Die Zahl der bei den Lan­des­ärz­te­kam­mern gemeldeten Ärztinnen und Ärzte ist im Jahr 2005 auf 400 562 gestiegen. Dies sind 1,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Anteil der Ärztinnen ist ebenfalls leicht gestiegen – auf jetzt 41,4 Prozent. Diese Zuwachsraten können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der bereits im Jahre 2001 prognostizierte Ärztemangel in den Statistiken niederschlägt. So ist bei den Ärztekammern Berlin, Bremen und Sachsen-Anhalt die Zahl der berufstätigen Ärzte zurückgegangen. Bei sieben Ärztekammern (Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt) sind weniger Krankenhausärzte gemeldet, bei sechs Kammern (Berlin, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen) weniger ambulant tätige Ärzte.
Fakt ist: Die ärztliche Versorgung der Bevölkerung ist vielerorts nur noch durch die Zuwanderung ausländischer Ärzte aufrechtzuerhalten. So beträgt der Anteil der Ausländer bei den Erstmeldungen bei den Ärztekammern im Jahre 2005 immerhin schon 17 Prozent. Ausländische Ärzte werden vorwiegend in den neuen Bundesländern tätig, zumeist im stationären Bereich. So ist im Jahre 2005 die Zahl der ausländischen Ärzte in den Krankenhäusern der neuen Bundesländer nochmals um 11 Prozent gestiegen, obwohl bereits im Vorjahr mit 30,8 Prozent ein sehr hoher Anstieg zu verzeichnen war. Die weit überwiegende Zahl dieser Ärzte kommt aus den osteuropäischen Staaten. Diese Zuwanderung hat dazu geführt, dass im Osten Deutschlands kein Rückgang bei den Krankenhausärzten zu verzeichnen ist. In den alten Bundesländern ist deren Zahl hingegen um 0,2 Prozent gesunken.

- Berufstätige Ärzte – 307 577 Ärztinnen und Ärzte waren Ende 2005 im Bundesgebiet tätig, 1 142 mehr als im Vorjahr. Die Zuwachsrate von 0,4 Prozent ist damit wiederum geringer ausgefallen. Zum Vergleich: Die Zuwachsraten der letzten fünf Jahre betrugen 0,8 Prozent (2004),
ein Prozent (2003), 1,1 Prozent (2002), 1,2 Prozent (2001) und 1,5 Prozent (2000). Diese aggregierten Daten verdecken allerdings regionale Unterschiede.
Auch der Anteil der Ärztinnen an der Gesamtzahl der berufstätigen Ärzte ist im Jahre 2005 wiederum leicht gestiegen und liegt jetzt bei 39,2 Prozent. Im Jahr 1991 lag dieser Anteil noch bei rund einem Drittel (33,6 %). Seither hat sich der Frauenanteil um 16,7 Prozent erhöht.
Der geringere Zugang an jungen Ärztinnen und Ärzten hat Folgen für die Altersstruktur: Nur noch 15, 4 Prozent sind jünger als 35 Jahre, im Jahr zuvor lag dieser Anteil noch bei 16,4 Prozent. Auch hier ist der Vergleich mit dem Jahr 1991 aufschlussreich: Damals waren immerhin noch 27,4 Prozent der Ärzte jünger als 35 – das entspricht einem Rückgang um 44 Prozent. Gleichzeitig betrug der Anteil der über 59-Jährigen im Jahre 2005 bereits 12 Prozent, 1991 lag der entsprechende Wert bei 7,5 Prozent. Die Steigerungsrate: 60 Prozent!
Bei den einzelnen Arztgruppen fallen die Zuwachsraten recht unterschiedlich aus. Deutliche Zugänge gibt es in den Gebieten Neurologie (+8,8 %), Humangenetik (+6,8 %), Psychiatrie und Psychotherapie (+6,6 %) sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (+5,1 %). Die stärksten Rückgänge gab es bei den Ärzten folgender Gebietsbezeichnungen: Biochemie (–7,6 %), Hygiene und Umweltmedizin (–5,6 %), Anatomie (–5,3 %) sowie Öffentliches Gesundheitswesen (–4,5 %).

- Im Krankenhaus tätige Ärzte – Der Anteil der im Krankenhaus tätigen Ärztinnen und Ärzte, bezogen auf alle ärztlich Tätigen, bleibt mit 47,6 Prozent in etwa auf dem Niveau des Vorjahres. In absoluten Zahlen sind lediglich 154 Ärztinnen und Ärzte hinzugekommen. Insgesamt arbeiteten Ende vergangenen Jahres 146 511 Ärztinnen und Ärzte an Krankenhäusern. Rückläufige Beschäftigungszahlen gab es in den Kammerbereichen Berlin (–8,2 %, hoher Wert wegen Bereinigung der Daten), Bremen und Hamburg (jeweils –0,8 %), Niedersachsen (–0,6 %), Sachsen-Anhalt (–0,4 %), Baden-Württemberg (–0,3 %) und Hessen (–0,2 %). Der Anteil der berufstätigen Ärztinnen im Krankenhaus ist gestiegen, von 38,7 Prozent auf 39,2 Prozent.
Auch im Krankenhaus zeigt sich eine deutliche Verschiebung der Altersstruktur. Nur noch 29,4 Prozent der Ärztinnen und Ärzte sind jünger als 35 Jahre (Vorjahr: 30,8 %). Im Jahre 1991 waren dies noch 45,2 Prozent. Dies entspricht einem Rückgang um knapp 35 Prozent.

- Ambulant tätige Ärzte – Die Zahl der ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte hat sich im Jahre 2005 um 1,1 Prozent (1 433) auf 134 798 Ärztinnen und Ärzte erhöht. Davon sind 126 252 niedergelassen, 935 mehr als im Jahr zuvor. Auch hier verdecken die absoluten Zahlen, dass es erhebliche regionale Unterschiede gibt.
Der Anteil der Ärztinnen in der ambulanten Versorgung ist – wie in allen Bereichen – ebenfalls gestiegen, allerdings weniger stark: von 36,5 Prozent auf 37 Prozent.
Besonders drastisch zeigt sich in der ambulanten Versorgung die zunehmende Überalterung der Ärzte. Bei den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten ist der Anteil der unter 40-Jährigen weiter gesunken, und zwar von 7,9 Prozent im Jahre 2004 auf nur noch 6,7 Prozent. Gleichzeitig ist der Anteil der über 60-Jährigen von 19 Prozent auf 19,4 Prozent gewachsen.
Eine weitere bedeutsame Entwicklung der letzten Jahre besteht darin, dass die Zahl der ausschließlich privat tätigen Ärzte kontinuierlich zunimmt. Im Jahre 2001 gab es 5 700 nur privat tätige Ärzte, im Jahr 2005 waren es bereits 7 900. Dies entspricht einer Steigerungsrate um knapp 40 Prozent in nur vier Jahren. Daraus lässt sich folgern, dass die Tätigkeit als Vertragsarzt in den letzten Jahren deutlich an Attraktivität verloren hat.

- Behörden und Körperschaften – In Behörden und Körperschaften sowie in den so genannten sonstigen Bereichen waren Ende vergangenen Jahres mit 26 268 etwa 1,7 Prozent weniger Ärztinnen und Ärzte tätig als im Vorjahr. Diese Entwicklung ist neu, denn erstmals verzeichnete dieser Bereich einen Rückgang an Ärztinnen und Ärzten. Ihr Anteil an allen berufstätigen Ärzten liegt jetzt bei 8,5 Prozent.
Der moderate Rückgang der Beschäftigung in Behörden, Körperschaften und sonstigen Bereichen gibt jedoch keinen Hinweis darauf, dass approbierte Ärzte ihren klassischen Tätigkeitsfeldern Krankenhaus und Praxis den Rücken kehren und sich vermehrt Tätigkeiten in anderen Bereichen zuwenden. Für den sich abzeichnenden und teilweise schon manifestierten Ärztemangel bedeutet dies: Der Grund liegt eindeutig in der mangelnden Bereitschaft von Nachwuchsmedizinern, im kurativen Bereich tätig zu werden.
Ein weiteres Indiz für die nachlassende Attraktivität einer kurativen ärztlichen Tätigkeit hierzulande ist die Zahl der Ärztinnen und Ärzte, die ins Ausland gegangen sind. Erstmals wurden in diesem Jahr bei den Ärztekammern entsprechende Daten erhoben. Die Datenanalyse basiert dabei auf Datenmeldungen von 13 Ärztekammern, die um eine Hochrechnung für die restlichen vier Kammerbezirke ergänzt wurde. Das Ergebnis: Im Jahre 2005 haben insgesamt 2 249 zuvor hier tätige Ärztinnen und Ärzte das Land verlassen.

- Ärzte ohne ärztliche Tätigkeit – Hinzu kommt, dass die Zahl der Ärztinnen und Ärzte ohne ärztliche Tätigkeit – soweit sie bei den Lan­des­ärz­te­kam­mern registriert sind – wiederum um 5,7 Prozent gestiegen ist. Die Zunahme entspricht in absoluten Zahlen 4 988 Ärztinnen und Ärzten.
Von den Ärztinnen und Ärzten ohne ärztliche Tätigkeit befinden sich 55,8 Prozent im Ruhestand (Vorjahr: 55 %), zwei Prozent sind berufsunfähig (Vorjahr: 2,1 %), 0,7 Prozent befinden sich in der Freistellungsphase der Altersteilzeit (Vorjahr: 0,5 %), 5,4 Prozent sind ausschließlich im Haushalt tätig (Vorjahr: 5,6 %), 2,7 Prozent sind berufsfremd tätig (Vorjahr: 2,5 %), 5,2 Prozent befinden sich in der Elternzeit (Vorjahr: 5,7 %), 11,2 Prozent sind arbeitslos (Vorjahr: 11,3 %) 17,1 Prozent geben einen einen sonstigen Grund an (Vorjahr: 17,3 %).
Aus den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg ergibt sich, dass bis September 2005 ein leichter Zuwachs bei der Zahl der arbeitslosen Ärztinnen und Ärzte festzustellen ist. Es wurden 6 220 arbeitslose Ärztinnen und Ärzte gemeldet. Dies ist eine Zunahme um 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Aus all diesen Zahlen ergibt sich folgendes Gesamtbild: In der ambulanten Versorgung sind 33,7 Prozent (Vorjahr: 33,8 %) aller Ärztinnen und Ärzte tätig, in der stationären Versorgung sind es 36,6 Prozent (Vorjahr: 37,1 %), in Behörden/Körperschaften 2,5 Prozent (Vorjahr: 2,6 %), in sonstigen Bereichen 4,1 Prozent (Vorjahr: 4,2 %), und nicht ärztlich tätig sind 23,2 Prozent (Vorjahr: 22,3 %).
Die Zahl der in Deutschland tätigen ausländischen Ärztinnen und Ärzte ist im Jahre 2005 um 591 auf 18 582 gestiegen. Wie bereits im vergangenen Jahr ist die Zuwachsrate der ausländischen Ärztinnen und Ärzte, die im Krankenhaus tätig sind, höher als in anderen Bereichen. Sie beträgt 2,7 Prozent.
Die stärksten Zuwächse stellen mit 611 Ärzten die Ärztinnen und Ärzte aus den europäischen Staaten. Der größte Zustrom konnte aus Österreich (+139), Griechenland (+92), Polen (+85) sowie der Ukraine (+62) verzeichnet werden. Die größte Abwanderung erfolgte durch Ärzte aus dem Iran (–64).
Die größte Zahl ausländischer Ärzte kommt aus Russland und der ehemaligen Sowjetunion (1 572), gefolgt von Griechenland (1 357) und Österreich (1 269). Damit kommen insgesamt 70 Prozent aller ausländischen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland aus Europa, 20,5 Prozent aus Asien, 4,4 Prozent aus Afrika und 3,5 Prozent aus Amerika.

- Erteilte Anerkennungen – Die Zahl der Anerkennungen des Jahres 2005 kann nicht mit den Zahlen des letzten Jahres verglichen werden, da mit der Umsetzung der neuen (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung auch die Statistik modifiziert wurde. Im Jahre 2005 wurden 12 493 Anerkennungen von Facharztbezeichnungen ausgesprochen.
Die mit Abstand meisten Anerkennungen wurden mit 3 435 im Fach Allgemeinmedizin ausgesprochen. Das sind deutlich mehr als im Vorjahr (2 084). Im Wesentlichen gibt es dafür zwei Gründe. Erstens ist die Frist für die Niederlassung nach einer nur dreijährigen Weiterbildung abgelaufen, zweitens haben die so genannten EU-Praktiker aufgrund europarechtlicher Regelungen das Recht auf eine Umschreibung zum Facharzt für Allgemeinmedizin, sofern sie die fachlichen Voraussetzungen erfüllen.
Ebenfalls viele Anerkennungen wurden zum Führen des Facharztes für Innere Medizin erteilt (1 811) sowie zum Führen des Facharztes für Anästhesiologie (950). Bei den Anerkennungen von Schwerpunktbezeichnungen liegt der Schwerpunkt Unfallchirurgie mit 339 Anerkennungen im Jahre 2005 vor dem Schwerpunkt Kardiologie (278) und Gastroenterologie (240). Im Jahre 2005 wurden für insgesamt 2 121 Schwerpunktbezeichnungen Anerkennungen ausgesprochen. Dr. rer. pol. Thomas Kopetsch
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