ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2006US-Medikamentenprogramm: Rentner ohne Arznei

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US-Medikamentenprogramm: Rentner ohne Arznei

Dtsch Arztebl 2006; 103(10): A-596 / B-514 / C-494

Dente, Karen

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LNSLNS Bislang mussten die meisten älteren Amerikaner selbst für ihre Arzneimittelkosten aufkommen. Eine Medicare-Reform soll das ändern, doch es gibt auch Kritik am „Drug Plan D“.

Bei vielen Senioren herrscht Verwirrung um Inhalte und Vorteile des neuen Medikamentenprogramms. Foto: laif
Bei vielen Senioren herrscht Verwirrung um Inhalte und Vorteile des neuen Medikamentenprogramms. Foto: laif
Senioren in den USA, die das 65. Lebensjahr überschritten haben und sich demnach für die staatliche Kran­ken­ver­siche­rung „Medicare“ qualifizieren, sehen sich seit Beginn des neuen Jahres mit dem so genannten Drug Plan D konfrontiert – und bleiben vielfach ohne Medikamente. Die Ergänzung zum Medicare-Programm soll den Seniorinnen und Senioren einen Versicherungsschutz für ihre Arzneimittelkosten bieten.
Private Anbieter
US-Präsident George W. Bush begrüßte den Drug Plan D als „größten Fortschritt für Senioren im Gesundheitswesen“ der letzten vierzig Jahre, wie die New York Times berichtete. Das neue Programm soll nach dem Willen der Regierung in Washington dabei helfen, die steigenden Kosten im Gesundheitswesen einzudämmen. Bislang mussten die meisten der rund 43 Millionen Medicare-Versicherten die Kosten für ihre Medikamente selbst bezahlen. Mit dem Drug Plan D können sich die Senioren künftig gegen dieses Risiko absichern. Gegen einen Monatsbeitrag von 35 US-Dollar und einen jährlichen Selbstbehalt von 250 US-Dollar übernimmt die neue Versicherung 75 Prozent der Medikamentenkosten. Das Arzneimittelprogramm soll zwar hauptsächlich durch Medicare subventioniert werden, wird aber von privaten Versicherungsträgern wie Aetna, Humana und der United Health Group vermarktet und verwaltet. Der Wettbewerb unter den privaten Anbietern soll die Kosten niedrig halten, hofft die Regierung.
Doch das neue Versicherungsprogramm ist umstritten. Harry Reid, Führer der Demokraten im Senat, kritisierte den Drug Plan D heftig: „Die Lage
ist die, dass einkommensschwache Amerikaner um ihre Medikamente betteln und Senioren ohne jeglichen Versicherungsschutz dastehen. Präsident Bush hat das Medicare-Programm so sehr verpfuscht, dass es der Mehrheit der Senioren keinen Vorteil mehr bringt“, sagte der Senator.
Viele Republikaner haben sich der Kritik der Demokraten angeschlossen. Seit In-Kraft-Treten des Arzneimittelprogramms im Januar 2006 haben Zehntausende Amerikaner nicht die Medikamente erhalten, die ihnen von Medicare versprochen wurden. Die Regierung hat den Versicherungsträgern inzwischen mitgeteilt, sie müssten eine 30-Tage-Ration der Arzneimittel bereitstellen, die von Teilnehmern zuvor eingenommen worden wären. Sozial Schwache sollten darüber hinaus nicht mehr als fünf US-Dollar für ein Medikament ausgeben, das durch den Plan gedeckt ist.
Unter den Senioren herrscht große Verwirrung um Inhalte und Vorteile des neuen Programms. Eine Umfrage von Associated Press ergab, dass zwei Drittel der Medicare-Versicherten nicht verstanden haben, wie der Drug Plan D funktioniert. Nur 16 Prozent der Befragten gaben an, das Programm sei gut durchschaubar. Jean Finberg vom National Senior Citizens Law Center kritisierte: „Die meisten dieser Menschen sind hilfsbedürftig. Unsere Regierung schützt diese Leute nicht, und der neue Plan ist zu kompliziert.“ Gary Karr, Sprecher des Centers for Medicare and Medicaid Services, räumte ein, dass es anfangs Probleme gab. Es handele sich um ein Programm mit einem Volumen von 30 bis 40 Milliarden US-Dollar, das für viele Senioren eine gewaltige Umstellung bedeute.
Probleme mit der Medikamentenversorgung
Etwa 20 US-Bundesstaaten haben inzwischen den Notstand im öffentlichen Gesundheitswesen ausgerufen. Viele Staaten haben erklärt, die Unzulänglichkeiten des auf Bundesebene geförderten Medicare-Programms aufzufangen, darunter Kalifornien, Ohio, Illinois, Pennsylvania und die Neuengland-Staaten. Ihre Unterstützung kommt vor allem den Einkommensschwächsten zugute. In Kalifornien ergaben erste Hochrechnungen, dass rund 200 000 der 1,1 Millionen einkommensschwachen Medicare-Versicherten Probleme hatten, ihre Medikamente zu erhalten. Seit Beginn des Programms am 1. Januar haben viele der armen Senioren Apotheken ohne Arzneimittel verlassen, nachdem man ihnen mitgeteilt hatte, dass sich ihre Eigenbeteiligung auf 250 US-Dollar und mehr belaufen kann – zusätzlich zur monatlichen Prämie. Karen Dente
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