ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2006Medizinstudium: Mehr lernen im Praktischen Jahr

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Medizinstudium: Mehr lernen im Praktischen Jahr

Dtsch Arztebl 2006; 103(10): A-597 / B-515 / C-495

Kadmon, Martina; Porsche, Monika

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Reform des Medizinstudiums: neue Wege an der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg. Foto: Peter Wirtz
Reform des Medizinstudiums: neue Wege an der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg. Foto: Peter Wirtz
Ein Projekt zur Reform des Praktischen Jahres an der Chirurgischen
Universitätsklinik Heidelberg

Viele Studierende der Medizin beklagen eine mangelhafte praktische Ausbildung im Praktischen Jahr (PJ). Gleichzeitig erfordern die neue Approbationsordnung für Ärzte und die Abschaffung des „Arztes im Praktikum“, besonders vor dem Hintergrund des sich verschärfenden Ärztemangels, eine praxisnahe, umfassende Ausbildung. Daraus resultiert die Notwendigkeit, das PJ entsprechend seiner gestiegenen Bedeutung grundlegend zu reformieren.
Mit der Auswertung einer Bedarfsanalyse, die Meinungen und Bedürfnisse von Studierenden, Ärzten und Pflegepersonal in Heidelberg spiegelt, wurde deutlich, woran das PJ, wie es in Deutschland oft noch üblich ist, krankt: Einen Katalog definierter Lernziele gibt es meist nicht, die Studierenden werden oftmals zu nicht-ärztlichen Routine- und Hilfstätigkeiten herangezogen, die ausbildenden Ärzte haben keine Zeit und sind nicht genügend motiviert, sich der Studierenden mit der notwendigen Intensität zu widmen. Die Folgen werden sichtbar: Der Lernprozess verläuft unstrukturiert, der Lerneffekt bleibt dem Zufall überlassen, und es finden kaum Lernerfolgskontrollen statt. Diese Defizite in der Ausbildung sind besonders gravierend beim Transfer des während des Studiums erworbenen theoretischen Wissens auf konkrete, klinische Situationen sowie bei praktischen Fertigkeiten.
Die Praxis fehlt
An der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg wurde, basierend auf einer Bedarfsanalyse unter Einbeziehung von Studierenden, Ärzten und Pflegepersonal, ein neuer curricularer Plan entwickelt und im Dezember 2003 implementiert. Wesentliche Neuerungen sind unter anderem die Einführung eines definierten Lernzielkatalogs, eines „Einführungstages“, eines PJ-„Logbuchs“ und des „Praktischen Nachmittags“. Ein leitsymptombezogenes Seminar sowie Lehrvisiten werden wie vor der Reform weitergeführt.
Der Lernzielkatalog dient als Orientierung für Lehrende und Lernende. Gegliedert in die Bereiche Wissen, Fertigkeiten, Haltungen, ist für jedes Lernziel die im PJ zu erreichende Kompetenzebene aufgeführt.
Am Einführungstag zu Beginn des Tertials durchlaufen die PJ-Studierenden einen Lernparcours, in dem sie medizinisch-chirurgische Basisfertigkeiten üben können und die Grundlagen des Stationsmanagements vermittelt bekommen. Es erleichtert ihnen den Einstieg in den klinischen Alltag und führt dazu, dass sie schneller verantwortlich Aufgaben übernehmen können.
Das Logbuch ist als ständiger Begleiter der PJ-Studierenden gedacht, im Kitteltaschenformat. Es enthält Stundenpläne, Lernziele und Verhaltensregeln. In der Hauptsache aber zeigt es eine Reihe verschiedener Fertigkeiten und Fähigkeiten auf, deren eigene Durchführung jeweils mit Patientenaufkleber und Diagnose kompakt beschrieben und anschließend vom Dozenten bewertet und gegengezeichnet werden soll. So ermöglicht es den Studierenden die Einforderung einer standardisierten und dozentengeleiteten Lehre. Den Ärzten dient es als Leitfaden für eine lernzielorientierte Ausbildung.
Während des wöchentlich stattfindenden Praktischen Nachmittags können unterschiedliche Fertigkeiten praxisnah gelernt und geübt werden, die an Patienten von PJlern nur schwer realisiert werden können.
Das neue Curriculum wurde von Anfang an einer umfassenden Qualitätskontrolle unterzogen. Die Instrumente dafür sind OSCE-Prüfungen, Interviews, Evaluation und Selbsteinschätzung mit Fragebögen. Erste Ergebnisse zeigen eine eindeutige positive Tendenz vor allem bei der Anwendung theoretischen Wissens im klinischen Kontext. Die Evaluation lässt dennoch weiterhin Verbesserungsbedarf erkennen. Die Akzeptanz der Neuerungen beim Klinikpersonal sollte noch gesteigert werden. Deshalb werden die Evaluationen auch künftig beibehalten und das Curriculum stets angepasst.
Dr. med. Martina Kadmon, Dr. phil. Monika Porsche
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