ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2006Zukunftsperspektiven der Rehabilitation: Blick auf den ganzen Menschen

THEMEN DER ZEIT

Zukunftsperspektiven der Rehabilitation: Blick auf den ganzen Menschen

Rische, Herbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Caro
Foto: Caro
Die zunehmende Alterung der Gesellschaft stellt auch die Rehabilitation vor neue Aufgaben.

Medizinische Rehabilitation ist längst als selbstständiger Bestandteil der allgemeinen Gesundheitsversorgung etabliert. Sie sendet positive Impulse in die Versorgungslandschaft, liefert zahlreiche Denkanstöße und garantiert hohe Versorgungsstandards. Als wesentlicher Baustein unserer sozialen Sicherung bildet sie einen maßgeblichen Standortfaktor für den Erfolg unseres Landes.
In Deutschland ist das System der sozialen Sicherung traditionell in mehrere Zweige gegliedert. Medizinische Rehabilitation wird daher auch von verschiedenen Leistungsträgern erbracht. Die Rehabilitationsleistungen orientieren sich dabei am gesetzlichen Auftrag des Leistungsträgers und unterscheiden sich in Ziel und Inhalt. Die gesetzliche Rentenversicherung erbringt ihre Rehabilitationsleistungen, wenn die Erwerbsfähigkeit eines Versicherten gefährdet oder bereits gemindert ist. Diese Leistungen helfen dem Versicherten, trotz eines gesundheitlichen Handicaps dauerhaft im Arbeitsprozess und damit im Erwerbsleben zu bleiben. Ohne diese Leistungen müssten diese Versicherten vorzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheiden und bis zum Erreichen der Altersgrenze eine Rente wegen Erwerbsminderung beziehen.
Da die gesetzliche Rentenversicherung dieses Risiko absichert, entspricht es auch ihrem vitalen Interesse, durch hochwertige Leistungen gerade den Eintritt dieses Risikos zu verhindern. Medizinische Rehabilitation, die die Erwerbsfähigkeit erhält, ist damit systematisch richtig bei der Rentenversicherung angesiedelt. Allein im Jahr 2004 hat die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA)* etwa 400 000 medizinische Rehabilitationen mit einem Finanzvolumen von 1,4 Milliarden Euro erbracht.
Wandel des Therapiespektrums
In den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Tuberkulose die Hauptindikation der medizinischen Rehabilitation. Versicherte wurden in akut-medizinisch ausgerichteten Sanatorien und Lungenheilstätten versorgt. Heute dagegen ist das Behandlungsspektrum wesentlich breiter, die Rehabilitationsmöglichkeiten sind vielfältiger. Tuberkulose wurde als Hauptindikation von Erkrankungen des Bewegungsapparates abgelöst. Die Rehabilitationskonzepte orientieren sich heute an den Bedürfnissen chronisch kranker Menschen und an den Anforderungen der modernen Arbeitswelt. Sowohl für die „großen Volkskrankheiten“ als auch für seltene Erkrankungen mit bundesweit nur geringen Fallzahlen findet man heute bedarfsgerechte Angebote in stationärer und ambulanter Form. Durch ihre eigene Reha-Klinik-Gruppe hat die BfA dabei die Entwicklung der Rehabilitationslandschaft vorangetrieben und Maßstäbe gesetzt.
Das Ziel der Rehabilitation, die Rückkehr und der dauerhafte Verbleib der Versicherten im Erwerbsleben, ist die Leitlinie für den Inhalt und die Ausgestaltung der Rehabilitationsleistung. Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass nicht nur ein einzelnes erkranktes Organ „behandelt“ wird, sondern dass der Rehabilitand in seiner Gesamtheit, mit all seinen Belastungsfaktoren und seinen gesundheitlichen Problemen erfasst und betrachtet werden muss. Hierbei werden selbstverständlich auch Fragen des beruflichen und sozialen Umfelds einbezogen. In den vergangenen Jahrzehnten war die Entwicklung in anderen Bereichen der Gesundheitsversorgung eher gegenläufig. Der Trend zu einer immer stärkeren Spezialisierung und fachlichen Ausdifferenzierung der Leistungserbringer verstellte vielleicht manchmal den Blick auf den ganzen Menschen. Viele fordern daher heute wieder eine Rückbesinnung auf diese Ganzheitlichkeit. Die medizinische Rehabilitation hat ihren ganzheitlichen Ansatz bei gleichzeitiger hoher fachlicher Professionalität nie aufgegeben. Sie mag daher auf manche heute geradezu irritierend modern wirken. Dabei ist sie nur ihren Grundsätzen und ihrem Auftrag treu geblieben.
Medizinische Rehabilitation sichert die Erwerbsfähigkeit der Menschen in Deutschland. Die soziale Dimension und volkswirtschaftliche Bedeutung dieser Aufgabe kann nicht unterschätzt werden. Die Alterung unserer Gesellschaft stellt nicht nur unsere Alterssicherungssysteme vor neue Herausforderungen. Ebenso ist unsere gesamte Volkswirtschaft vom demographischen Wandel erfasst. Bereits in absehbarer Zeit werden junge Fachkräfte knapp. Ältere Arbeitskräfte werden daher künftig für den Erfolg und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen unverzichtbar. Das funktioniert aber nur, wenn diese älteren Arbeitnehmer auch gesundheitlich in der Lage sind, Verantwortung in Betrieben und Unternehmen zu übernehmen.
Sonderprogramme für
ältere Arbeitnehmer
Schon haben einige namhafte Unternehmen in Deutschland damit begonnen, auf die zunehmende Alterung ihrer Belegschaften zu reagieren. Sie legen Sonderprogramme zur Gesunderhaltung älterer Arbeitnehmer auf oder schulen Führungskräfte im „Alternsmanagement“. Bei ernsthafter Bedrohung der Erwerbsfähigkeit helfen betriebliche Maßnahmen alleine aber nicht mehr weiter. In der medizinischen Rehabilitation lernt der Versicherte, mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen umzugehen. Seine Leistungsfähigkeit wird wieder hergestellt und seine Teilnahme am Arbeitsleben gesichert. Im Idealfall wird er selbst zum kundigen Manager seiner Erkrankung und beginnt, seine Erwerbsfähigkeit als Ressource zu begreifen und zu erhalten. Dieser Zugewinn an Autonomie kommt allen zugute – Arbeitgebern und Arbeitnehmern!
Die medizinische Rehabilitation der Rentenversicherung darf durchaus als Schrittmacher für andere Versorgungsbereiche bezeichnet werden. Sie leistet schon seit langem nachhaltige Beiträge zur Entwicklung und Verbesserung unseres gesamten Gesundheitssystems. So hat etwa die Einführung der Anschluss-heilbehandlung (AHB-Verfahren) 1977 beispielhaft vorgeführt, wie der nahtlose Übergang zwischen verschiedenen Leistungssektoren zum Wohle der Versicherten organisiert werden kann. Damit wurde 25 Jahre vor Erfindung der Integrierten Versorgung überzeugend demonstriert, dass Leistungsträger und Leistungserbringer zur engen Kooperation in der Lage sind.
Im Jahr 2004 wurden mehr als 100 000 Rehabilitationsleistungen der BfA unbürokratisch als AHB erbracht. Ihr Anteil an allen medizinischen Rehabilitationen der BfA liegt damit bei 25 Prozent. Das zeigt, dass es sich dabei nicht um eine kurzatmige Reformsimulation, sondern um ein wichtiges und akzeptiertes Verfahren handelt. Die Verlegungszeiten aus dem Akutkrankenhaus in die Rehabilitation machen deutlich, wie reibungslos die verschiedenen Sektoren zusammenarbeiten. Mehr als drei Viertel aller Patienten können die AHB heute direkt oder innerhalb einer Woche nach Ende der Krankenhausbehandlung beginnen.
Dieses bewährte und unkomplizierte Verfahren bietet sich für neue Modelle der Integrierten Versorgung geradezu an. Aufgeweckte Leistungserbringer werden daher in der Zukunft kaum zögern, medizinische Rehabilitation als AHB in ihren Behandlungspfad zu integrieren.
Ein weiteres Beispiel: Seit über zehn Jahren macht die Rentenversicherung Ernst mit dem Thema Qualitätssicherung. Wir haben die Diskussion über Versorgungsstandards und -qualität offensiv geführt und schon sehr früh geeignete Instrumente zur Qualitätssicherung entwickelt. Das Qualitätssicherungsprogramm der Rentenversicherung erhöht heute die Transparenz des Leistungsgeschehens. Alle relevanten Leistungsdaten werden im Routinebetrieb erhoben. Es sorgt damit für eine klare Ergebnisorientierung und -optimierung. Dieses Qualitätssicherungsprogramm strahlt auf alle beteiligten Leistungserbringer aus und fördert damit auch das klinikinterne Qualitätsmanagement. Schließlich kann sich jeder Versicherte heute darauf verlassen, dass er in allen Reha-Einrichtungen, die die Rentenversicherung belegt, bundesweit einen vergleichbaren Qualitätsstandard vorfindet.
Erprobung neuer Verfahren oder Leistungsmerkmale
In der Zukunft wollen wir diese Qualitätsoffensive auf möglichst viele Rehabilitations- und Teilhabeleistungen der Rentenversicherung ausdehnen. Gleichzeitig streben wir mit Krankenkassen auf diesem Feld mehr Gemeinsamkeit innerhalb der Sozialversicherung an.
Die Rentenversicherung hat sich auf ihren Erfolgen nie ausgeruht. Ständig werden neue Verfahren oder Leistungsmodule entwickelt und erprobt, um veränderten Bedürfnissen der Versicherten gerecht zu werden oder Ergebnisse der Rehabilitationsforschung dem Praxistest auszusetzen. Die Einführung der intensivierten Rehabilitationsnachsorge, kurz „IRENA“, ist nur ein Beispiel für diese Innovationsbereitschaft. Diese Nachsorge festigt den Rehabilitationserfolg. Ehemalige Rehabilitanden können durch die Teilnahme an IRENA die Fähigkeit zum Selbstmanagement ihrer chronischen Erkrankung, die sie in der Rehabilitation erlernt haben, erhalten und fortentwickeln. Die Fallzahlen nahmen im Jahr 2004, dem dritten Jahr nach Einführung, im Vergleich zum Vorjahr um fast 50 Prozent zu. Diese Nachfrage zeigt, dass wir mit IRENA kein kopflastiges „High-End“-Produkt am Markt vorbeientwickelt haben, sondern gezielt den Bedarf unserer Versicherten bedienen.
Auch andere Versorgungsbereiche können von der medizinischen Rehabilitation der Rentenversicherung profitieren. Andere Leistungserbringer können bereits heute schon die gründliche und umfassende Erhebung des gesundheitlichen Status und die Analyse des Leistungsvermögens des Rehabilitanden für die nachfolgende Behandlungskette nutzen. Das ist leider nicht selbstverständlich. Denn die Entwicklung der interdisziplinären Zusammenarbeit hat mit der zunehmenden Spezialisierung in allen Sektoren des Gesundheitssystems leider nicht Schritt gehalten. Vielfach werden Kommunikationsmängel und Informationsverluste beklagt.
Anders bei der Rentenversicherung: Bereits beim Zugang zu Rehabilitationsleistungen wird seit Mitte der 90er-Jahre in der Regel der Hausarzt des Versicherten beteiligt. Sein Hausarztbefundbericht gewährleistet, dass die richtige Leistung ausgewählt und die Reha-Einrichtung bestimmt wird, die für den Bedarf des Versicherten am besten geeignet ist. Zusätzlich bekommt die Reha-Einrichtung alle erforderlichen Informationen aus der Vorgeschichte des Rehabilitanden mit. Nach der Rehabilitation kann der weiterbehandelnde Hausarzt oder Facharzt ,mit Einwilligung des Versicherten den kompletten Entlassungsbericht erhalten. Er bekommt dann zeitnah und kostenfrei alle Informationen über den gesundheitlichen Status seines Patienten aus erster Hand und kann mit ihm zusammen die weitere Therapie abstimmen. Erstaunlich: Vorangegangene Fehl-, Unter- oder Überversorgungen der Versicherten werden oft erst in der Rehabilitation aufgespürt und angegangen. Hier wird die Rehabilitation künftig allen übrigen Akteuren wertvolle Impulse geben und so zu einer deutlichen Qualitätsverbesserung und einem wirtschaftlicheren Ressourceneinsatz in der gesamten Versorgung beitragen können.
Zahlreiche Chancen
Die medizinische Rehabilitation der Rentenversicherung bietet nicht nur für Rehabilitanden zahlreiche Chancen. Ihre Innovationsfähigkeit und ihr hoher Professionalisierungsgrad macht sie attraktiv für Ärzte und andere Angehörige von Heilberufen. Sie bietet in privaten oder trägereigenen Reha-Einrichtungen zahlreiche qualifizierte Beschäftigungsmöglichkeiten zu fairen Bedingungen und mit vielfältigen Entwicklungschancen. Die Rehabilitation bleibt damit auch in der Zukunft eine zuverlässige Jobmaschine und ein regional überaus bedeutsamer Wirtschaftsfaktor.
Dr. jur. Herbert Rische
Präsident der Deutschen Rentenversicherung Bund
Ruhrstraße 2
10704 Berlin

*Ab 1. Oktober 2005 wurden alle Rentenversicherungsträger, unter anderem die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte, unter dem Namen Deutsche Rentenversicherung Bund zusammengefasst.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote