ArchivDeutsches Ärzteblatt6/1997Stille Wanderungen im kretischen Frühling: Unter Olivenbäumen und Orangenhainen

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Stille Wanderungen im kretischen Frühling: Unter Olivenbäumen und Orangenhainen

Bolender, Claus

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LNSLNS Eine irdene Kanne steht auf dem Tisch, dampfend einen würzigen Duft verbreitend. Dictamon - ein Tee, der schmeckt, als wäre die Tasse mit einer Prise Cayennepfeffer gewürzt, aber dabei wohlschmeckend und belebend -, am Ende einer langen Wanderung durch Oliven- und Zitrushaine genossen, schafft es, die Geister des Lebens, welche eben noch den Körper verlassen zu haben schienen, in Windeseile zurückzuholen.
Wir haben auf unserer Wanderung durch das kretische Bergland hier in dem einsamen Bergdorf Meskla Station gemacht und sind zur Rast in die einzige Taverne eingekehrt. Aufgebrochen waren wir am Morgen in Fournes, einem kleinen Ort im Osten Kretas am Fuße der "weißen Berge". Zu Beginn steigt der Weg sanft an durch Orangen- und Zitrushaine. Später, wenn man bei etwa 400 m über Meereshöhe die Grenze des Kulturlandes überschreitet, ändert sich auch die Vegetation. Karger wird es, aber die Blütenpracht, welche bis jetzt auf die Wegränder beschränkt war, breitet sich nun zwischen Steinen und Geröll, auf ebeneren Flächen auch zu ganzen Matten aus. Ruhig mäandernd steigt der Pfad nun steiler bergan, bis wir unser Ziel, Meskla, erreicht haben. Vor uns liegen die weißen Berge, die über 2 000 m hohen Ornio, Mavri und Grias Soros, die noch bis in den Juni hinein mit Schnee bedeckt sind. Der Blick zurück dagegen läßt in der Ferne die Küste bei Hania am Horizont erscheinen. Dem Wanderer offenbart sich Kreta zu dieser Zeit als eine Insel von subtilem, leicht zu über-sehendem Liebreiz. Natürlich kann man auch im Frühling alle jene aufregenden Flecken besuchen, Knossos, Festos, Gortys, um nur einige wenige zu nennen, welche Archäologen, Dichter, Künstler und nicht zuletzt den Tourismus seit Epochen in Entzücken versetzen. Allerdings lärmt dort auch um diese Jahreszeit unerbittlich der multilinguale Fremdenverkehr.
Mittlerweile ist die Kanne Tee auf dem Tisch, in geselliger Runde geleert, durch eine neue ersetzt. Nikos, der Wirt, hat die Blätter dafür gerade eigenhändig im Garten hinter dem Haus gepflückt, und auch die zweite Kanne lädt zum Verweilen und Philosophieren ein. Dictamon ist eine einzig auf Kreta beheimatete Pflanze. Blüten und die dickfleischigen Blätter werden frisch oder getrocknet zu Tee aufgegossen. Ihren Blättern entströmen ätherische Öle, die sich in ruhiger Luft entzünden lassen.
Der Abstieg dann erfordert Umsicht, längs am Wege steht Gesträuch, dessen stachlige Zweige nur allzu leicht ihre Markierung auf unseren Waden hinterlassen. Plötzlich kniet vor uns im Gras ein Mann, über ein Stativ gebeugt. Ein passionierter Biologe, der die Orchideenflora der Insel untersucht und fotografiert. 37 verschiedene Arten hat er schon auf Zelluloid gebannt und schwärmt uns von blühender Vielfalt der Orchideen und Frauenschuhgewächse vor.
Von überall hört man das Läuten und Schellen der Schaf- und Ziegenherden, manchmal erhascht man auch einen Blick auf Pan, oder war es doch nur ein irdischer Schäfer? Sicher kann man sich hier nie sein, und in der Einsamkeit der Berge vermeinten wir schon einige Male seine Flöte klingen zu hören. Jetzt begleiten uns die Glöckchen seiner Schafe, in andächtigem, aber doch sehr neugierigem Abstand. Die Hänge und Weiden sind grün, mit unzähligen bunten Tupfen versehen. In der Luft mischt sich der rauhe, salzige Geschmack des Meeres mit einem intensiven Duft aus Tausenden von Blumen und blühenden Bäumen. Es ist noch kühl, an manchen Tagen auch bewölkt, so daß wärmere Kleidung und festes Schuhwerk durchaus vonnöten sein können. Hat man es dabei, erschließt sich einem die Insel in einer zauberhaften Vielfalt querab der bekannten Pfade, die man in den heißen Monaten gar nicht mehr wahrnehmen kann.
Am nächsten Abend verbringen wir die Zeit in der Taverne eines Ortes hoch in den Bergen, bis der Bus vorbeikommt und uns wieder in unser Quartier bringt. Das Leben geht einen geruhsamen Gang; wann der Bus kommt, steht in den Sternen, und so nutzen wir die Gelegenheit, die kretische Küche zu probieren. Wie die griechische Küche des Festlandes und der Ägäischen Inseln verleugnet sie ihre einfache Herkunft und irdene Abstammung nicht. Täglich fangfrische Meeresfürchte, Obst, Gemüse, das auf steinigen Böden und mit viel Sonne kräftig und aromatisch heranreift, der berühmte "Feta"- Schafskäse, den man hier allerdings in vielfältigen Variationen probieren kann, von mild über salzig bis zu Blauschimmelvarianten, und nicht zuletzt eine der Hauptzutaten griechischer Küche, das Olivenöl. Kulinarisch gesinnte Zeitgenossen kommen weniger der speziellen Küche des Landes, sondern eher der Frische, Ursprünglichkeit und Qualität der landeseigenen Erzeugnisse wegen auf ihre Kosten. Nach einer Wanderung durch die blühenden, ein duftiges Aroma verströmenden Olivenhaine ist es für Anhänger der feinen Küche fast ein Muß, einzukehren in eine der zahlreichen kleinen Ölmühlen und sich ein Fläschchen der Hanglage abfüllen zu lassen, die man gerade durchwandert hat.
Wandern auf Kreta stellt an die Konstitution schon etwas höhere Ansprüche, ohne jedoch zu überfordern. Immer wieder wird jede Mühsal, die teilweise beträchtlichen Höhenunterschiede zu überwinden, mit atemberaubenden Aus- und Einblicken belohnt. Die Bergdörfer, die sich in die steilen Hänge krallen, erinnern manchmal an griechische Amphitheater. Am Ende der Reise noch ein Abstecher zum einsamen Kloster Monte Prevelli, das auf 300 m hohen Klippen über dem Libyschen Meer ruht. Im Zweiten Weltkrieg war es Zufluchtsort für englische Soldaten, die von hier aus bei Nacht und Nebel mit Booten in die Freiheit gebracht wurden. Es ist ein Symbol für die Freiheit und Unabhängigkeit der Kreter und ihres Landes. Diese Freiheit kann man auch heute noch auf den Bergpfaden erfahren und erleben.
Dr. med. Claus Bolender


Beste Reisezeit: für Wanderungen Mitte März bis Mai
Anreise: Flug ab Frankfurt, München, Berlin, Hamburg, Düsseldorf direkt oder über Athen nach Hania oder Herakleion. Mit dem Schiff täglich ab Piräus nach Hania oder Herakleion.
Veranstalter: Alle großen Reiseveranstalter haben Kreta in ihrem Programm, dazu noch eine große Anzahl Spezialanbieter.
Reisen vor Ort: Mit überall zur Verfügung stehenden Taxis, besonders bei mehreren Personen preiswert. Man darf sich allerdings nicht wundern, wenn die Taxifahrer auf offener Straße anhalten, um noch weitere Fahrgäste vom Straßenrand mitzunehmen, und dadurch sogar den einen oder anderen Umweg fahren. Auch das öffentliche Verkehrsnetz mit Bussen ist gut ausgebaut, die Fahrpläne derselben folgen allerdings den mediterranen Eigentümlichkeiten. Außerdem ist es fast in jedem größeren Ort möglich, einen Mietwagen zu bekommen.
Speisen und Getränke: Weinbau hat auf Kreta jahrtausendealte Tradition. Es gibt eine Vielzahl Rot- und Weißweine, die das Probieren wert sind. Nicht zuletzt der Retsina, mit Harz versetzter Weißwein, der gut gekühlt eine herrliche Erfrischung ist. Außerdem Roka, ein sehr milder Aperitif, der aus dem Trester der Weißweintrauben gewonnen wird. Empfehlenswert sind Fischgerichte aller Art, besonders in den Hafenorten mit Seefischerei. Außerdem Berglamm und Bergziegenfleisch, meist am Holzkohlegrill zubereitet und mit Wildkräutern gewürzt - eine Delikatesse.

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