ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2006Verbesserte Langzeitüberlebensraten von Krebspatienten – Die unterschätzten Fortschritte der Onkologie: Ergebnisse anders interpretiert

MEDIZIN: Diskussion

Verbesserte Langzeitüberlebensraten von Krebspatienten – Die unterschätzten Fortschritte der Onkologie: Ergebnisse anders interpretiert

Dtsch Arztebl 2006; 103(10): A-629 / B-539 / C-519

Hölzel, Dieter; Engel, Jutta; Schubert-Fritschle, Gabriele; Mansmann, Ulrich

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LNSLNS Sind die „unterschätzten Fortschritte in der Onkologie“ von H. Brenner, C. Stegmaier und H. Ziegler vom Saarländischen Krebsregister ein positives Signal? Vorsicht, die Diskussion der Autoren ist genau zu lesen! Die relativen Überlebensraten sind Kunstzahlen ohne Handlungsrelevanz und ohne Interpretationsansatz. Wie gut spiegelt die durchgeführte Rechnung die Wirklichkeit wider? Wie schützen sich die Autoren vor Fehlschlüssen aufgrund der typischerweise bei langem Beobachtungszeitraum auftretenden Effekte der Stadienmigration und Früherkennung? Dieser quantifizierte Fortschritt kann nicht ohne weiteres von den in der Versorgung involvierten Fachgebieten anteilig in Anspruch genommen werden. Auch liefert er keinen Grund, Kostenübernahmen für „innovative“ Diagnostik und Therapie zur Fortschrittsverstetigung zu fordern.
Die Autoren plädieren für mehr Transparenz im dynamischen Krebsgeschehen durch Krebsregister. Diese sind für die Versorgung wertlos, wenn sie nicht für jedes Krankenhaus aktuelle Überlebensraten, Daten zu Prognosefaktoren, zu Behandlungen und Rezidiven für die Beurteilung der Versorgungsqualität widerspiegeln.
Aus dem Tumorregister München (TRM) lassen sich beispielhaft folgende Hypothesen ableiten (1):
Der von H. Brenner aufgezeigte Fortschritt ist mit der Aussage für alle soliden Tumoren (ohne Hodentumor) vereinbar, dass seit 20 Jahren ab Metastasierung kein relevanter Fortschritt erreicht wurde (2). Zu dieser Frage präsentieren Brenner et al. keine Daten. Beispielsweise verbessern weniger Lungenkarzinome oder mehr Melanome ohne jeden Therapiefortschritt die Bilanz für alle Tumoren.
Beim Ösophaguskarzinom hat sich das Krankheitsbild verändert. Es entwickeln sich mehr Tumoren im unteren Drittel und mehr Adenokarzinome. Obwohl sich die Therapie nicht verbessert hat, scheint ein Fortschritt zu bestehen. Beim Magenkarzinom werden aufgrund der Diagnostik von Helicobacter pylori durch Gastroskopien mehr Frühsta-
dien entdeckt. Hierdurch ergibt sich ein Früherkennungseffekt. Beim Hodentumor gibt es einen überzeugenden Therapieerfolg, der aber etwa 1 350 vermeidbare Todesfälle wegen verzögerter Umsetzung der Cisplatin-Therapie kaschiert (3). Bemerkenswert ist auch der Therapieerfolg nach Metastasierung mit einer 80-prozentigen Überlebensrate. Beim Nierenkarzinom bewirkt die weit verbreitete Ultraschalldiagnostik, dass 50 Prozent weniger M1-Stadien als in den USA diagnostiziert werden und ein zwölf Prozent besseres Überleben resultiert. Beim Mamma- und kolorektalen Karzinom verbessern eine adjuvante Therapie und die Früherkennung die Bilanz. Auch Patienten mit einem malignen Melanom oder einem Prostatakarzinom werden früher erkannt (4). Die 5-Jahres-Überlebensrate beim malignen Melanom beträgt im TRM 93,8 Prozent (Prostata 99 Prozent), ohne Therapieinnovation ist diese absolut 10 Prozent höher als Anfang der 1980er-Jahre.
Die beschriebenen Effekte können ohne besondere Methodik belegt werden. Es ist überfällig, mit kritischen Analysen des Fortschritts die Zusammenhänge herauszuarbeiten: existierende Versorgungsdefizite erkennen, Unter- und Überversorgung abbauen und bestehende Chancen ausschöpfen. Für eine solche Transparenz in der Versorgung sollten sich die involvierten Fachgebiete und Institutionen einsetzen. Fortschrittseuphorie mit Kunstzahlen ohne Handlungsrelevanz ist eine Chimäre und legitimiert nicht das „weiter so“. Moderne Krebsregister braucht das Land.

Literatur
1. Jahresberichte des Tumorregisters München: www.tu morregister-muenchen.de
2. Schlesinger-Raab A, Eckel R, Engel J et al.: Metastasiertes Mammakarzinom: Keine Lebensverlängerung seit 20 Jahren. Dtsch Arztebl 2005; 102(40):
A 2706–14.
3. Hölzel D, Altwein J: Hodentumor – Ist der Rückgang der Mortalität in der Bundesrepublik Deutschland
zu langsam erfolgt? Dtsch Arztebl 1991; 88: A 4123– 30.
4. Hölzel D: Prostatakarzinom – Ist die Früherkennung in einer Sackgasse? Dtsch Arztebl 1995; 92: A 1839– 54.

Prof. Dr. rer. biol. hum. Dieter Hölzel
Dr. med. Jutta Engel M.P.H.
Dr. rer. biol. hum. Gabriele Schubert-Fritschle
Prof. Dr. rer. nat. Ulrich Mansmann
Klinikum Großhadern (IBE), 81377 München
E-Mail: hoe@ibe.med.uni-muenchen.de
1.
Jahresberichte des Tumorregisters München: www.tu morregister-muenchen.de
2.
Schlesinger-Raab A, Eckel R, Engel J et al.: Metastasiertes Mammakarzinom: Keine Lebensverlängerung seit 20 Jahren. Dtsch Arztebl 2005; 102(40):A 2706–14. VOLLTEXT
3.
Hölzel D, Altwein J: Hodentumor – Ist der Rückgang der Mortalität in der Bundesrepublik Deutschland zu langsam erfolgt? Dtsch Arztebl 1991; 88: A 4123– 30.
4.
Hölzel D: Prostatakarzinom – Ist die Früherkennung in einer Sackgasse? Dtsch Arztebl 1995; 92: A 1839– 54.
1. Jahresberichte des Tumorregisters München: www.tu morregister-muenchen.de
2. Schlesinger-Raab A, Eckel R, Engel J et al.: Metastasiertes Mammakarzinom: Keine Lebensverlängerung seit 20 Jahren. Dtsch Arztebl 2005; 102(40):A 2706–14. VOLLTEXT
3. Hölzel D, Altwein J: Hodentumor – Ist der Rückgang der Mortalität in der Bundesrepublik Deutschland zu langsam erfolgt? Dtsch Arztebl 1991; 88: A 4123– 30.
4. Hölzel D: Prostatakarzinom – Ist die Früherkennung in einer Sackgasse? Dtsch Arztebl 1995; 92: A 1839– 54.

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