ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2006Kassenarztsitze: Freie Marktwirtschaft

EDITORIAL

Kassenarztsitze: Freie Marktwirtschaft

Bühring, Petra

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LNSLNS Eine junge, frisch approbierte Psychologische Psychotherapeutin spielt mit dem Gedanken, eine eigene Praxis zu eröffnen. Sie hat ein Psychologiestudium mit Diplom abgeschlossen und eine langjährige Ausbildung an einem Institut absolviert. Für ihren Traumberuf war sie bereit, in diese Ausbildung rund 50 000 Euro zu investieren. Ohne Hilfe ihrer glücklicherweise gut situierten Eltern ging das nicht. Auch das obligatorische Praxisjahr in der Psychiatrie hat sie fast unentgeltlich geleistet, obwohl ihre Arbeit dort nicht nur im „Über-die-Schulter-Gucken“ bestand.
Die Eintragung in das für ihren Wohnort zuständige Arztregister war erfolgreich, und sie erkundigt sich bei der Niederlassungsberatung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), wie sie zu einem Kassenarztsitz kommen kann. „Eine Vertragsarztpraxis, die in einem Planungsbereich liegt, der von Zulassungsbeschränkungen betroffen ist, kann nur in einem Nachbesetzungsverfahren an einen Nachfolger weitergegeben werden“, erfährt sie dort. Die Großstadt, in der sie lebt und auch gerne bleiben möchte, liegt in einem solchen Planungsbereich – wie fast der gesamte westliche Teil Deutschlands. Von gesperrten Zulassungsbereichen hatte sie auch schon während ihrer Ausbildung gehört. Doch auch davon, dass Psychotherapeuten sich vor Patienten kaum retten können und die Wartelisten lang sind. Bewusst ist ihr auch die demographische Entwicklung – auch für Psychotherapeuten ist spätestens mit 68 Jahren Schluss. Sie fragt also wieder bei der KV nach, wie die zur Aufgabe ihrer Praxis bereiten Inhaber an Nachfolger kommen. Der freie Kassenarztsitz
werde im regionalen Ärzteblatt unter einer Chiffre ausgeschrieben – darauf könne sie sich innerhalb der Frist bewerben, sagt der freundliche Mitarbeiter. Die Bewerbungen würden gesammelt und dem Praxisinhaber sowie dem Zulassungsausschuss zur Auswahl zugesendet. Die junge Psychotherapeutin freut sich schon, weil sie sich aufgrund ihrer fachlichen Kompetenz gute Chancen einräumt. Eine Antwort erhält sie nicht. Sie wundert sich und holt Erkundigungen ein. Nein, so funktioniere das nicht, der Praxisinhaber wähle den Nachfolger aus – man müsse sich über den Kaufpreis einig werden – der Zulassungsausschuss stimme dem Wunsch in den allermeisten Fällen zu. Der KV-Mitarbeiter hat auch schon gehört, dass die Forderungen „etwas eskaliert“ sind, aber das sei eine privatrechtliche Angelegenheit.
Bei 60 000 bis 70 000 Euro lägen die Preise zurzeit in Köln, erfährt die Psychotherapeutin, die Praxen in der Kreisstadt Düren seien mit
rund 40 000 Euro etwas günstiger. In Frankfurt am Main stiegen die Preise in den letzten zwei Jahren von rund 25 000 Euro auf das Doppelte. Warum so teuer, fragt sie erstaunt, eine Psychotherapeutenpraxis verfüge doch nicht über teure medizinische Geräte, wie eine Arztpraxis, deren Kaufpreis sich auch zum Teil aus einem immateriellen Wert zusammensetzt. Ärzte könnten allerdings auch Patienten weitergeben – da Psychotherapie auf einer persönlichen Vertrauensbeziehung beruht, sind diese Daten für den Nachfolger wertlos.
Angebot und Nachfrage bestimmen den Markt, wird ihr bewusst. Im Zuge der Integration in die KVen vor sieben Jahren haben die jetzigen Anbieter ihren Kassenarztsitz zwar umsonst bekommen, doch jetzt ist er richtig etwas wert. Die junge Psychotherapeutin will endlich selbstständig arbeiten, die Wartelisten verkürzen helfen. Also noch einen Kredit aufnehmen? Irgendwann ist Schluss, sagen die Eltern. Petra Bühring
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