BÜCHER

Gewissenlos. Die Psychopathen unter uns

PP 5, Ausgabe März 2006, Seite 98

Hare, Robert D.

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Psychopathie: Verständlicher Einstieg
Robert D. Hare: Gewissenlos. Die Psychopathen unter uns. Springer-Verlag, Wien, New York, 2005, XV, 207 Seiten, gebunden, 29,95 €
Ein „Klassiker der Psychopathie-Literatur“ ist in deutscher Übersetzung erschienen, zwölf Jahre nach der Veröffentlichung im Original 1993. Bereits daran ist abzulesen, dass man von diesem Buch nicht erwarten darf, auf den neuesten Stand der Forschung zur Psychopathie-Problematik gebracht zu werden.
Robert D. Hare, inzwischen emeritierter kanadischer Psychologieprofessor, übernahm Anfang der 1960er-Jahre unmittelbar nach Abschluss seines Studiums eine Stelle als Psychologe in einem kanadischen Hochsicherheitsgefängnis. Ohne entsprechende Anleitung sah er sich mit Menschen konfrontiert, deren auf den ersten Blick gewinnende
Persönlichkeiten durch Empathiemangel, Oberflächlich-
keit und Gewissenlosigkeit ge-
kennzeichnet waren und die ihn durch Lügen und manipulatives Verhalten einerseits im täglichen Umgang ausnutzten und täuschten, andererseits als Forschungsgegenstand faszinierten und herausforderten. Es folgte eine langjährige Forschungstätigkeit mit der Entwicklung der „Psychopathie-Checkliste“ (PCL), einem Fremdrating-
instrument, das inzwischen in einer überarbeiteten Version, einer Kurzversion und einer Version für Jugendliche vorliegt und sowohl in der forensisch-psychiatrischen Forschung als auch in der Diagnostik, Therapie und Prognose verwandt wird.
Nach einleitenden Kapiteln werden zunächst die wesentlichen Items der PCL aus dem emotional-zwischenmenschli-
chen Bereich (unter anderem oberflächlich, egozentrisch, grandios, Mangel an Reue, an Schuldbewusstsein und Einfühlungsvermögen, manipulativ) und dem Bereich des abweichenden Sozialverhaltens (unter anderem impul-
siv, verantwortungslos, Suche nach Erregung, kindliche Ver-
haltensstörung) ausführlich und mit Beispielen aus der angloamerikanischen Literatur erläutert.
Es folgen Überlegungen zum Zusammenhang zwischen hohen PCL-Werten und Delinquenz sowie über die „Vorteile“ von Menschen mit hohen PCL-Werten im allgemeinen Geschäftsleben. Der abschließenden Warnung, einzelne Aspekte des Psychopathie-Konstruktes herauszugreifen und ohne ausführliche persönliche Untersuchung eines Probanden etwaige Schlussfolgerungen bezüglich Diagnose und Prognose zu treffen, können wir uns nur anschließen. Zumal bislang nicht geklärt ist, ob es sich im eigentlichen Sinn überhaupt um eine Diagnose handelt oder nicht vielmehr um Persönlichkeitseigenschaften in jeweils unterschiedlicher dimensionaler Ausprägung.
Hilfreich für den mit der Psychopathie-Diskussion nicht vertrauten Leser wäre ein Vorwort, das auf die Unterschiede zwischen dem in der deutschsprachigen Psychiatrie wesentlich durch Kurt Schneider geprägten weiter gefassten Psychopathie-Begriff und dem auf der „moral insanity“ Cleckleys aufbauenden angloamerikanischen Psychopathy-Konzept eingeht. Gleichwohl empfiehlt sich das Buch für denjenigen, der einen leicht verständlichen Einstieg in das Haresche Psychopathie-Konstrukt sucht. Stephan Bork,
Klaus Foerster
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