ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2006Sigmund Freud – Psychoanalyse als Kulturkritik: 75 Jahre „Unbehagen in der Kultur“

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Sigmund Freud – Psychoanalyse als Kulturkritik: 75 Jahre „Unbehagen in der Kultur“

Goddemeier, Christof

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Foto: picture-alliance/akg-images
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Sigmund Freud hatte im Herbst 1927 „Die Zukunft einer Illusion“ beendet. In den folgenden beiden Jahren veröffentlichte er wenig, in erster Linie wegen seiner Erkrankung. Im Sommer 1929 begann der 73-Jährige jedoch mit der Arbeit an einem neuen Buch. Das erste Kapitel wurde bereits Ende 1929 in „Psychoanalytische Bewegung“ veröffentlicht, 1930 erschien die 136 Seiten starke Buchausgabe im Internationalen Psychoanalytischen Verlag in Wien: „Das Unbehagen in der Kultur“ – ein Werk, das auch heute noch weit über die Bereiche von Psychoanalyse und Soziologie hinausweist.
Hauptthema des Buches ist der unversöhnliche Widerstreit zwischen den Triebforderungen und den Einschränkungen, die diesen jede Zivilisation auferlegt. Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, kann Freud im Plan der „Schöpfung“ nicht ausmachen. Dennoch streben die Menschen nach Glück, „sie wollen glücklich werden und so bleiben“. Dazu gehören einerseits die Abwesenheit von Schmerz und Unlust, andererseits das Erleben starker Lustgefühle – das „Programm des Lustprinzips“. Aus dem Verfall des eigenen Körpers, der Übermacht der Natur und den Beziehungen zu anderen Menschen drohen jedoch ständig Unglück und Leid. Um das Leben zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren. Die Kulturentwicklung hält einige davon bereit – doch um den Preis der Nichtbefriedigung mächtiger Triebe. So tauscht der Kulturmensch für ein Stück Glücksmöglichkeit durch ungehemmte Triebbefriedigung ein Stück persönlicher Sicherheit ein.
In früheren Arbeiten scheint Freud die Einschränkung und Verdrängung von Triebwünschen in den meisten Fällen auf äußere soziale Einflüsse zurückzuführen. Doch bereits in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (1905) bemerkt er zu den Dämmen, die während der so genannten Latenzzeit (sechstes bis circa 14. Lebensjahr) gegen den Sexualtrieb errichtet werden: „In Wirklichkeit ist diese Entwicklung eine organisch bedingte, hereditär fixierte und kann sich gelegentlich ganz ohne Mithilfe der Erziehung einstellen.“ Ausgehend von seiner Vorstellung einer „organischen Verdrängung, die den Weg zur Kultur gebahnt hat“, zieht Freud jetzt die Bedeutung des aufrechten Gangs und der Vorherrschaft des Gesichts- über den Geruchssinn für diese Verdrängung in Betracht. Sicher ist: „Eros“, die Macht der Liebe, und „Ananke“, der Zwang zur Arbeit, den die äußere Not schuf, sind die „Eltern der menschlichen Kultur“.
Seine Ich-psychologischen Forschungen führten Freud dazu, ein Über-Ich anzunehmen, das aus den frühen Objektbeziehungen des Individuums entstanden ist. Erst danach gelangt er zu einer Einschätzung der Rolle, die äußere und innere Einflüsse sowie deren Wechselwirkungen bei den von der Kultur auferlegten Einschränkungen spielen. Deshalb nimmt das Schuldgefühl in „Das Unbehagen in der Kultur“ einen relativ breiten Raum ein, verbunden mit der „Absicht, das Schuldgefühl als das wichtigste Problem der Kulturentwicklung hinzustellen“. Hier setzt ein weiterer Schwerpunkt des Buches an: der Aggressions- oder Destruktionstrieb. Freuds Ansichten dazu sind kompliziert. In allen frühen Schriften kann er sich nicht entschließen, einen selbstständigen, von der Libido unabhängigen Aggressionstrieb anzunehmen. Erst mit der Vermutung eines „Todestriebes“ in „Jenseits des Lustprinzips“ (1920) rückt ein solcher Aggressionstrieb ins Blickfeld. Die Kulturentwicklung zeigt uns demnach den Kampf zwischen Eros und Tod, Lebens- und Destruktionstrieb: „Dieser Kampf ist der wesentliche Inhalt des Lebens überhaupt und darum ist die Kulturentwicklung (. . .) der Lebenskampf der Menschenart.“
Freud benennt zwei Ursprünge des Schuldgefühls: Angst vor der Autorität und Angst vor dem Über-Ich; die erste zwingt zum Triebverzicht, die zweite drängt nach Bestrafung, weil die verbotenen Wünsche vor dem Über-Ich fortbestehen. Hier wird ein „großer (. . .) Nachteil der Über-Ich-Einsetzung“ deutlich: „(. . .) für ein drohendes äußeres Unglück – Liebesverlust und Strafe vonseiten der (. . .) Autorität – hat man ein andauerndes inneres Unglück, die Spannung des Schuldbewusstseins, eingetauscht.“ So bezahlt jedes Mitglied einer Gemeinschaft den „Preis für den Kulturfortschritt in der Glückseinbuße durch die Erhöhung des Schuldgefühls“. Die Kultur verhalte sich gegenüber der Sexualität wie ein Volksstamm, der einen anderen unterdrückt.
Schicksalsfrage
Einen Ausweg zeigt Freud nicht auf. Er schließt: „Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. (. . .) Aber wer kann den Erfolg und Ausgang voraussehen?“ Den Schlusssatz fügte er 1931 hinzu, als die Bedrohung durch Hitler unabweisbar war. Christof Goddemeier

Literatur
1. Freud S (Hrsg.: A. Freud): Gesammelte Werke, Bd. XIV, Frankfurt am Main, 3. Auflage 1963, 419–506.
2. Freud S (Hrsg.: A. Mitscherlich, A. Richards, J. Strachey): Studienausgabe, Bd. 9, Frankfurt am Main, 3. Auflage 1980/82, 191–270.
3. Freud S: Das Unbehagen in der Kultur und andere kulturtheoretische Schriften, Einleitung von A. Lorenzer und
B. Görlich, Frankfurt am Main, 9. Auflage 2004.
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