ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/200620 Jahre Tschernobyl: Aufräumarbeiter leiden unter den Folgen

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20 Jahre Tschernobyl: Aufräumarbeiter leiden unter den Folgen

Claußen, Angelika

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Fotos: dpa
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Die Arbeiter, die nach dem Reaktorunfall mit dem Aufräumen beschäftigt waren, erkranken häufiger an Krebs und psychischen Störungen als der Durchschnitt.

Die Hauptbotschaft des Tschernobylforums ist: Kein Grund zur Beunruhigung“, so lautete das Fazit des Strahlenexperten der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO), Dr. Mike Rapacholi. Das Tschernobylforum, ein Zusammenschluss verschiedener UN-Organisationen, darunter die Internationale Atomenergieorganisation sowie die Regierungen Weißrusslands, Russlands und der Ukraine, hatte am 6. und 7. September 2005 eine Konferenz zu den Folgen der Tschernobylkatastrophe von 1986 veranstaltet.
Gibt es wirklich keinen Grund zur Beunruhigung? Die Schweizer Sektion der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) sieht das anders. Sie veranstaltete am 12. November 2005 zum Thema Tschernobylfolgen ein Symposium über die Gesundheit der so genannten Liquidatoren (Aufräumarbeiter), an dem führende wissenschaftliche Experten aus den drei am meisten betroffenen Ländern Weißrussland, Ukraine und Russland teilnahmen. Der Gründer des weißrussischen Krebsregisters, Prof. Dr. med. A. E. Okeanov von der International Sakharov Environmental University Minsk, fand bei einer Gruppe von 120 000 weißrussischen Liquidatoren in Bezug auf die häufigsten Tumorarten (Magen-, Darm-, Lungen-, Nieren-, Harnblasen-, Haut- und Brustkrebs) im Beobachtungszeitraum von 1997 bis 2000, das heißt nach einer durchschnittlichen Latenzphase von nur zwölf Jahren, bereits eine um 20 Prozent höhere Krebsrate als bei einer Kontrollgruppe. Dieser gehörte die nur in geringem Grad verstrahlte Bevölkerung aus der Region Vitebsk an. Die dortigen Liquidatoren oder umgesiedelte Personen wurden nicht einbezogen (1). Da Okeanov keine zuverlässigen Angaben zu Strahlendosen vorlagen, wählte er als Bezugsgröße die jeweilige Dauer des Aufenthaltes in der 30-Kilometer-Gefahrenzone rund um den Reaktor bei den Aufräumarbeiten.
Schweizer Ärzte verwiesen außerdem auf den russischen Wissenschaftler V. Ivanov vom Medical Radiological Research Centre of the Russian Academy of Medical Sciences, der erhöhte Leukämieraten bei russischen Liquidatoren gefunden hatte. Danach hat sich das Risiko, an Leukämie (ohne chronisch lymphatische Leukämie) zu erkranken, für russische Liquidatoren, die einer Strahlendosis zwischen 150 und 300 Milligray (mGy) ausgesetzt waren, mindestens verdoppelt (2).
Als Folge des Reaktorunfalls wird neben Krebs auch die Zunahme anderer Erkrankungen diskutiert. Prof. Dr. med. Dimitri Lazyuk vom Belorussian Scientific Practical Center of Cardiology aus Minsk konnte zeigen, dass zwischen 1992 und 1997 die Inzidenz tödlicher kardiovaskulärer Erkrankungen bei den Liquidatoren im Vergleich zum Durchschnitt der weißrussischen Bevölkerung stark gestiegen ist (22,1 Prozent bei den Liquidatoren; 2,5 Prozent im Bevölkerungsdurchschnitt). Als Ursache wird eine Schädigung der Blutgefäße durch die radioaktive Strahlung diskutiert. Dieser Mechanismus liegt auch den bei Liquidatoren gehäuft auftretenden retinalen Angiopathien zugrunde. Eine weitere Augenkrankheit ist der strahlenbedingte Katarakt.
Bei vielen Liquidatoren wurden Gedächtnisstörungen, Reizbarkeit und ein chronisches Erschöpfungssyndrom diagnostiziert. Lange ging man davon aus, dass diesen Erkrankungen psychische Ursachen zugrunde liegen. Dr. med. Konstantin Loganovsky vom Research Centre for Radiation Medicine, Academy of Medical Science of Ukraine, berichtete ebenso wie Prof. Pierre Flor-Henry, Direktor des Zentrums für Klinische Diagnostik und Forschung am Universitätskrankenhaus von Alberta, Kanada, über neuere Forschungen an Liquidatoren, die auf strahlenbedingte organische Hirnschäden als Ursache hinweisen (3). Danach können Strahlendosen zwischen 0,15 und 0,5 Sievert (Sv) neurologische und psychiatrische Erkrankungen auslösen, zum Beispiel Depressionen, chronisches Müdigkeitssyndrom, organische Hirnveränderungen und Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis. So fanden die Forscher unter anderem bei Liquidatoren, die einer Strahlung von mehr als 0,3 Sv ausgesetzt waren, signifikant häufiger links frontotemporale Hirnveränderungen im MRT bei gleichzeitig bestehenden schizophreniformen Syndromen. Eine japanische Untersuchung von Überlebenden der Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki im Zweiten Weltkrieg belegt bei diesen eine ebenfalls signifikant höhere Rate an Schizophrenien (sechs Prozent) als bei der Normalbevölkerung (ein Prozent) (4).
Die Tschernobyl-Gedenkstätte in Kiew erinnert an die 3 000 Liquidatoren, die ihren Versuch, die Tschernobyl-Katastrophe 1986 unter Kontrolle zu bringen, mit dem Leben bezahlt haben.
Die Tschernobyl-Gedenkstätte in Kiew erinnert an die 3 000 Liquidatoren, die ihren Versuch, die Tschernobyl-Katastrophe 1986 unter Kontrolle zu bringen, mit dem Leben bezahlt haben.
Nach der Katastrophe von Hiroshima und Nagasaki ist Tschernobyl das zweite nukleare Desaster des 20. Jahrhunderts. In Hiroshima überwogen extern bedingte Strahlenschäden, während bei der Katastrophe von Tschernobyl sowohl externe Strahlenschäden und deren Langzeitfolgen (bei den Liquidatoren) zu beobachten sind als auch vorwiegend intern wirksame Niedrigstrahlung, ausgelöst durch den Verzehr von kontaminierten Nahrungsmitteln und das Einatmen von kontaminierter Luft durch die Bevölkerung und hier vor allem durch die Kinder. Der Schatten von Tschernobyl wird uns noch lange begleiten. Dr. med. Angelika Claußen
IPPNW-Vorsitzende

Literatur
1. Okeanov AE, Sosnovkaya EY, Priatkina OP: A national cancer registry to assess trends after the Chernobyl Accident. Swiss Med Wkly 2004; 134: 645–649, www.smw.ch.
2. Ivanov V et al.: Elevated leukamia rates in Chernobyl accident liquidators. British Medical Journal 2003; http://bmj.bmjjournals.com/cgi/eletters/319/7203/ 145/a.
3. Ivanov V et al.: The radiation risks of cerebrovascular diseases among the liquidators Radiatsionnaia biolo-giia, radioecologiia. Rossiiskaia akademiia nauk May-Jun 2005; 45 (3): 261–70.
4. Nakane Y, Ohta Y: An Example from Japanese register: Some long-term consequences of A-bomb survivors in Nagasaki. In: Horn GHMM, Gulbinat RWH, Henderson JH: Psychiatric Case Registers in Public Health. Amsterdam: Elsevier Science Publishers 1996; 26–27.


Zwei Kongresse beschäftigen sich 2006 mit den Folgen von Tschernobyl:
- Vom 3. bis 5. April findet in Berlin die medizinisch-wissenschaftliche Konferenz „20 Jahre Tschernobyl“ statt. Veranstalter sind die Gesellschaft für Strahlenschutz und die IPPNW Deutschland.
- Vom 7. bis 9. April findet in Bonn der IPPNW-Kongress „Zeitbombe Atomenergie – 20 Jahre nach Tschernobyl“ statt. Informationen unter www.ippnw.de.
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